https://www.faz.net/-gqz-97dv6

Prozess gegen Jurij Dmitrijew : Der die Blutspur sichert

  • -Aktualisiert am

Jurij Dmitrijew, der die Verbrechen des Stalin-Terrors erforschte, wird in Russland der Prozess gemacht. Bild: Igor Podgorny

Der Fall des ein Jahr lang inhaftierten Historikers Jurij Dmitrijew ist heute in ganz Russland bekannt. Sein Verfahren verrät viel über die Taktiken des Putin-Regimes. Ein Gastbeitrag.

          Der Historiker und GULag-Forscher Jurij Dmitrijew wurde, nachdem er mehr als ein Jahr in Haft verbracht hatte, am 27. Januar aus einem Untersuchungsgefängnis in Petrosawodsk entlassen, mit der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen. Dmitrijew hatte dreizehn Monate hinter denselben Mauern verbracht, wo zu Stalins Zeit Gefangene einsaßen, deren Schicksale, Biographien er aus dem Nichtsein zurückholte. Sein Fall, der als ein Fall von Willkür der Sicherheitsorgane begann, ist heute im ganzen Land bekannt. In ihm zeigt sich der Nerv der Geschichte des heutigen Russlands mit größter Klarheit: Der Forscher, der nach Spuren der Verbrechen des NKWD fahndet, wurde selbst Opfer einer Geheimdienst-Operation.

          Dmitrijew war der Vorsitzende des Regionalbüros der Gesellschaft „Memorial“ in Karelien. Seit Ende der achtziger Jahre suchte er nach Gräbern von Opfern des Stalin-Terrors und Friedhöfen von Arbeitslagern; er stellte Gedenkbücher zusammen mit Namenslisten der Repressionsopfer; vor allem aber entdeckte er Orte von Massenerschießungen wie Sandarmoch oder Krasnyj Bor und errichtete Gedenkstätten, um die sich Angehörige und Nachfahren der Ermordeten kümmern.

          Computer gehackt und Fotos kopiert

          Dmitrijew besaß einen untadeligen Ruf. Sein Name war sein Kapital, er öffnete Türen, sammelte Hilfe, verschaffte seinen Worten Gehör. Dmitrijew wurde verhaftet, weil man ihm die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie vorwarf. Ein vernichtender Strafrechtsparagraph. Hätte sich der Vorwurf bestätigt, so wäre nicht nur Dmitrijews guter Ruf zerstört, auch die von ihm gegründeten Gedenkfriedhöfe wären in Verruf geraten. Die Anklage basierte auf einer anonymen Anzeige und Fotos seiner Pflegetochter: Dmitrijew hatte das Mädchen in schlechter Verfassung aus dem Waisenhaus geholt, und für den Fall, dass es zu Fragen der Vormundschaft kommen sollte, führte er ein Tagebuch über ihren Gesundheitszustand. Sein Computer wurde gehackt, Fotos wurden kopiert, Dmitrijew wurde verhaftet und die Tochter Natascha der Familie weggenommen. Ihm drohten bis zu fünfzehn Jahren Haft. Zum Gericht brachten ihn vier, sechs, manchmal sogar acht Aufseher, als wäre er der Kopf einer gefährlichen Mafia-Bande.

          Wahrscheinlich rechnete man damit, Dmitrijew schnell verurteilen zu können. Doch es fanden sich Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, die seine Beziehung zu seiner Tochter kannten; sie initiierten eine Unterstützungskampagne, an der gegenwärtig die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, der Filmregisseur Andrej Swjaginzew, Natalja Solschenizyna sowie Hunderte andere Schriftsteller, Regisseure, Komponisten, Intellektuelle beteiligt sind. Zu den Gerichtsverhandlungen kamen Leute aus verschiedenen Städten. Viele besuchten die von Dmitrijew gegründeten Gedenkfriedhöfe. Zum Beispiel in Sandarmoch in der Nähe des traurig berühmten Weißmeer-Ostsee-Kanals. Dort steht heute ein Wald von Denkmälern mit Granitmonumenten und Holzkreuzen; es ist ein Wald der entschwundenen Seelen, der Gedenkkerzen und Gebete, ein Wald der Tränen, der Trauer und Erinnerung.

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.