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Kultur der Putin-Jahre : Gewalt schlägt jedes Argument

  • -Aktualisiert am

Dunkel wie die Nacht: Die Anna Karenina des Jahres 2019 liebt das Siegen, nicht ihre Mitmenschen. Bild: Fresh Films

Der Zynismus der Lagerwelt hat die Mitte und die Höhen von Russlands Gesellschaft erobert. Eine Videotravestie auf Anna Karenina und der Filmemacher Andrej Swjaginzew bringen das auf erschreckende Weise auf den Punkt. Ein Gastbeitrag.

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          In den fehlgeleiteten Debatten über die russische Kultur gehen sowohl Befürworter als auch Gegner ihres „Cancelns“ von falschen Kulturvorstellungen aus. Sie reduzieren Kultur auf wenige repräsentative Künstlernamen wie Leo Tolstoi oder Fjodor Dostojewski. Sie nehmen stillschweigend an, dass (National-)Kulturen statisch seien. Doch Kultur ist eine dynamische kommunikative Form, die Wertvorstellungen und Weltanschauungen umfasst. Kultur macht die ungeschriebenen Gesetze aus, nach denen Menschen leben, denken und handeln. Man kann sagen, dass in den Putin-Jahren in Russland eine spezifische Kultur entstanden ist und dass zwischen der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts, die vom Putin-Regime als politische Waffe instrumentalisiert wird, und der Kultur der Putin-Jahre eine pervertierte Kontinuität besteht.

          Seit der Mitte der Zweitausender zeichneten sich Veränderungen in der russischen Kultur ab, die allmählich ein kohärentes Bild ergaben. Auf den Punkt wurden sie durch ein Musikvideo gebracht, das im Jahr 2019 der Schriftsteller Alexander Zypkin und die Regisseurin Rada Nowikowa zu Boris Grebenschtschikows Lied „Dunkel wie die Nacht“ kreierten. Das Video, worin der Text der russischen Rocklegende kaum eine Rolle spielt, war eine freie Neuinterpretation von Tolstois weltberühmtem Familienroman „Anna Karenina“. Anhand von „Dunkel wie die Nacht: Karenina 2019“ lassen sich die Kontinuitäten und Brüche zwischen der russischen Adelskultur des 19. Jahrhunderts und der Kultur der Putin-Jahre nachvollziehen. Den Machern des Videos ist es gelungen, ein Psychogramm dieser Kultur zu entwerfen, in der Gewalt zum einzigen Kommunikationsmedium der Gesellschaft geworden ist.

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