https://www.faz.net/-gqz-a3fx4

Besuch bei Putin : Lukaschenkas liebedienerische Körpersprache

Mit der Körpersprache eines Vasallen: Alexander Lukaschenka macht Wladimir Putin in Sotschi seine Aufwartung. Bild: AP

Unterwürfiger als ein Provinzgouverneur: Russlands Intellektuelle diskutieren über den Besuch des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenka bei Putin. Russlands Kreditmilliarde, meinen viele, wäre anderswo besser investiert.

          3 Min.

          Nachdem der belarussische Präsident Alexander Lukaschenka, gegen den ein großer Teil der eigenen Bevölkerung seit Wochen auf die Straße geht, Wladimir Putin in Sotschi seine Aufwartung machte, wird in Russlands sozialen Netzwerken darüber diskutiert, für wie lange der Kreml den bedrängten Langzeitherrscher wohl noch an der Macht halten will. Der Putin-treue Politologe Sergej Markow frohlockt auf seiner Facebook-Seite, Lukaschenka habe rechtzeitig begriffen, dass sein Schaukelkurs zwischen Russland und dem Westen ein Irrweg war und lasse sich nun von Russland retten. In Markows Augen war Lukaschenkas Besuch eine Art Rückkehr des verlorenen Sohnes und von wahrhaft biblischer Symbolik.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die meisten Kommentatoren amüsieren sich über die liebedienerische Körpersprache des belarussischen Präsidenten vor seinem Amtskollegen. Nicht einmal russische Gouverneure würden derart unterwürfig vor Putin sitzen, twitterte der Chefredakteur des oppositionellen Fernsehkanals „Doschd“, Tichon Dsjadko. Für den Blogger Andrej Perla ähnelt Lukaschenkas Visite dem Ritual zur Zeit der Mongolenherrschaft, als russische Herrscher beim großen Chan vorsprechen mussten, um das Jarlyk-Zeichen für ihren Fürstenstatus von ihm zu erhalten. Die Parallele, die auch der Oppositionspolitiker Leonid Gosman hervorhebt, ist umso pikanter, als Belarus historisch nie zum Einzugsgebiet der Goldenen Horde gehörte, sondern damals Teil des Großfürstentums Litauen war.

          Die russische Intelligenzija solidarisiert sich

          In Russland haben sich zahlreiche Intellektuelle mit den gegen Lukaschenka protestierenden Belarussen solidarisiert, als Erste die Schriftsteller Ljudmila Ulizkaja, Olga Sedakowa, Denis Dragunski, der Theaterregisseur Konstantin Raikin, aber auch die Schauspielerin Oksana Mysina, die einen Hymnus auf die Geistesstärke, die Organisiertheit und die Schönheit der zivilen Proteste ausbrachte.

          Nachdem die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die als einziges Präsidiumsmitglied des oppositionellen Koordinierungsrats noch in Belarus und frei ist, die russische Intelligenzija aufgefordert hatte, ihre Stimme zu erheben, folgten gleich mehrere offene Briefe, die das Gewaltregime von Lukaschenka und Russlands Unterstützung für ihn verurteilen. Unter den Unterzeichnern sind die Verlegerin Irina Prochorowa, die Künstlerin Nadeschda Tolokonnikowa, der Musiker Wladimir Spiwakow sowie Dutzende andere.

          Europas „schröderisierte“ Politik

          Leider seien die vielen Sympathisanten nicht organisiert und hätten als Forum nur ein paar unabhängige Portale und die sozialen Netzwerke, sagt der Satiriker Viktor Schenderowitsch, dessen Großeltern aus Belarus stammten. Dass das offizielle Russland, vor die Wahl zwischen Alexijewitsch und Lukaschenka gestellt, sich für den Tyrannen entschieden habe, empfindet Schenderowitsch als Schande für sein Land. Schenderowitsch sieht aber auch die Demokratie in einer Krise, weil Herrscher wie Putin und Lukaschenka gelernt hätten, demokratische Instrumente zu benutzen und Wahlen zu „gewinnen“. Und Europas durch Wirtschaftskooperationen „schröderisierte“ Politik bringe nur ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck.

          Der oppositionelle Publizist Kirill Martynow ist entsetzt, dass Lukaschenka in Sotschi Russland wie in schlechten alten Zeiten wieder den „großen Bruder“ nannte. Tatsächlich versuchten heute umgekehrt junge Russen von Belarus zu lernen, so Martynow, wie man Solidarität praktiziert und seine eigenen und die Interessen seines Landes klug vertritt.

          Viele Kommentatoren malen sich aus, wie man die anderthalb Milliarden Dollar, die Putin Lukaschenka als Kredit versprach, hätte verwenden können. Ljubow Sobol, die Mitstreiterin des in Berlin von seiner Vergiftung genesenden Korruptionsbekämpfers Alexej Navalnyj, twitterte, verarmte russische Regionen könnten solche Finanzhilfen nicht erwarten, ebenso wenig wie das russische Gesundheitssystem. Der Journalist Roman Popkow antwortete auf Facebook der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die die Russen gemahnt hatte, mit ihrem Steuergeld werde nun das Verprügeln von Belarussen bezahlt. Mit russischem Steuergeld würden leider auch die Volksrepubliken in der Ostukraine finanziert, schreibt Popkow, die Rettung von Baschar Assad, das Regime des Tschetschenenherrschers Ramsan Kadyrow und natürlich das Verprügeln friedlicher Demonstranten in Russland selbst. Doch ihm bleibe die Hoffnung, so Popkow, dass das russische Geld Lukaschenka nicht mehr helfen könne.

          Weitere Themen

          Italienisches Eigentor

          FAZ Plus Artikel: Sprachtests für Fußballer : Italienisches Eigentor

          Luis Suárez stand kurz vor einem Wechsel zu Juventus Turin. Nur einen Sprachtest musste der uruguayische Stürmer zuvor noch absolvieren. Dann funkten die italienischen Behörden dazwischen – mit peinlichen Folgen für die Universität, den italienischen Verein und den Spieler.

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

          3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

          Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.