https://www.faz.net/-gqz-u8n7

Russland : Das zerrissene Reich der Mitte

  • Aktualisiert am

Präsident Putin gratuliert Veteranen am Tag der Verteidigung des Vaterlandes Bild: REUTERS

Russland will ein kultureller Teil Europas sein und entfernt sich zugleich stetig. Aus der nach Westen ausgestreckten Hand ist eine mächtig geballte Faust geworden. Kerstin Holm über die russische Krankengeschichte und zwei preisgekrönte Russland-Bücher.

          11 Min.

          Der diesjährige Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung ehrt den Frankfurter Historiker Gerd Koenen für seine Diagnose des deutschen „Russland-Komplexes“ und den Moskauer Philosophen Michail Ryklin für sein Prozess-Dossier „Mit dem Recht des Stärkeren“. Koenen lässt deutschnational-bolschewistische Affinitäten auferstehen, Ryklin zeigt, wie man heute zivile Rationalität per Rechtslogik demontiert. Für Laudatorin Kerstin Holm, Moskau-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, verdeutlichen beide auch, warum Russland kultureller Teil Europas sein will und sich zugleich stetig von ihm entfernt. (F.A.Z.)

          Von Kerstin Holm

          Die beiden Bücher, die wir feiern, sind Dokumente einer Krankengeschichte - einer Krankheit freilich, die auch Visionen erzeugt und Kräfte mobilisiert hat, um die mancher Gesunde den Patienten beneiden muß. Das monumentale Panorama, das Gerd Koenen von Deutschlands Russland-Obsession in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gemalt hat, macht die kritische Phase der chronischen wechselseitigen Ideen-Infektionen zwischen unseren beiden Ländern wieder lebendig. Eine Hassliebesleidenschaft wird nacherlebbar, die man in Russland übrigens, dank Weltkriegssieg und Vergangenheitsnichtbewältigung, nicht so gut vergessen hat wie bei uns Westkonvertiten.

          An der Achse Berlin-Moskau kristallisierten sich die totalitären Gegenentwürfe zur modern atomisierten Gesellschaft des Westens. An dieser Gelenkstelle entzweite sich der Organismus der europäischen Zivilisation - und wurde nach 1945 am Eisernen Vorhang neu vernäht. Der schöne Name „Russland-Komplex“, auf den Gerd Koenen seine geistesgeschichtliche Abhandlung getauft hat, legt nahe, daß es sich dabei auch um eine Art psychoanalytische Selbstbesinnung handelt, wie sie bei einer gewissen Erschlaffung der nationalen Ich-Kräfte möglich wird.

          Freiheit auf der Staatsbaustelle

          Michail Ryklin führt mit seinem Dossier über einen Fall russischer Einschüchterungsjustiz vor, wie man heutzutage zivilrechtliche Freiräume abschafft. Ich erinnere mich noch gut an die Überraschung in Moskauer Kunstkreisen, als vor vier Jahren eine tatsächlich völlig normale Ausstellung, wie Michail Ryklin schreibt, mitten in der kosmopolitischen Hauptstadt vandalisiert wurde. Die ausgestellten Werke gehörten ins Fach des ironischen Konzeptualismus, wie er seit den sechziger Jahren in den Rissen der sowjetischen Festung gewachsen war. Damals spielte die Kunst mit Emblemen der sowjetischen Herrschaftsideologie. In den demokratischen Neunzigern wurden Ikonen der demokratischen Götzen aufgespießt, Konsum, Gewalt, aber auch das reanimierte Christentum.

          Die vandalisierte Ausstellung gab künstlerische Denkanstöße zum Thema moderner Götzendienste unter dem Titel „Vorsicht Religion“ (Ostoroschno religia). Beispielsweise in der Gestalt einer Pop-Ikone von Jesus Christus mit Coca Cola-Logo und der Verkündigung „Dies ist mein Blut“. Oder etwa in Form eines Ikonenbeschlags, dessen Öffnungen für Gesicht und Hände jeder Besucher selbst ausfüllen und sich als „Heiliger für zwei Minuten“ fotografieren lassen konnte. Im postsowjetischen Russland war es für eine kurze Zeit normal geworden, dass man Ideologiekritik „humanistisch“ betrieb, aus der Sicht eines eigenständigen Einzelnen. Das Pathos des russischen Citoyen wurde akzentuiert durch das Ausstellungslokal im Andrej Sacharow-Zentrum, das sich durch sein Engagement für Freiheitsrechte verdient gemacht hat.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.