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Russisches Selbstbild : Täglich geistigen Giften ausgesetzt

  • -Aktualisiert am

Versucht das Jelzin-Zentrum die im Zweiten Weltkrieg zu Hitler übergelaufene Wlassow-Armee zu rehabilitieren? Der sowjetische General Wlassow im Kriegsjahr 1944 an der Ostfront. Bild: Picture-Alliance

Die russische Identität steht auf dem Spiel, findet Filmemacher Nikita Michalkow. Und zwar im Jelzin-Zentrum in Jekaterinburg. Dabei war er noch nie selbst in dessen Ausstellungen.

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          Der russische Filmregisseur Nikita Michalkow ist ein treuer Diener der russischen Staatsmacht. In den neunziger Jahren stand der mit seinen Kinoprojekten vom Haushalt stets großzügigst bedachte Michalkow loyal zu Präsident Boris Jelzin, bei dessen Wahlkampf 1996 war er sogar sein Vertrauensmann. Legendär wurde damals sein Ausspruch, Jelzin sei ein echter russischer „Kerl“ (muschik); und Russland, dessen Name weiblichen Geschlechts sei, brauche so einen Kerl. Doch jetzt polemisiert Michalkow, ein Duzfreund Präsident Putins, der von Jelzin persönlich als sein Nachfolger installiert wurde, gegen das Jelzin-Zentrum in Jekaterinburg.

          Dort, in der Heimatstadt des ersten Präsidenten, wird das Andenken an ihn und seine Epoche hochgehalten. Im Jelzin-Zentrum werde die russische Geschichtsidentität zerstört, Hunderte Schulkinder würden täglich geistigen Giften ausgesetzt, das bedrohe die nationale Sicherheit, erklärte Michalkow vor dem Föderationsrat.

          Patriotische Geschichtserziehung

          Pikant ist seine Attacke, weil er nie im Jelzin-Zentrum war, trotz wiederholter Einladungen der Direktion und sogar des Gouverneurs. Doch er kenne die Ausstellung bestens, seine Kameraleute hätten alles dokumentiert, versichert Michalkow. Ihn empört insbesondere, dass, wie er behauptet, der Historiker Nikita Sokolow die im Zweiten Weltkrieg zu Hitler übergelaufene Wlassow-Armee zu rehabilitieren versuche, und dass sein Kollege Nikolai Swanidse Zar Iwan den Schrecklichen „einseitig“ bewerte. Dabei mahnt Sokolow nur an, nicht alle der nach Kriegsende pauschal als Wlassow-Leute Abgeurteilten seien Verbrecher gewesen. Und Swanidse erinnert an die Massaker, die Iwan der Schreckliche unter seinen Untertanen anrichtete, nicht zuletzt in Nowgorod, anhand von dessen Wetsche-Selbstverwaltung den Jekaterinburgern eine genuin russische Demokratietradition vor Augen geführt wird.

          Doch die neue patriotische Geschichtserziehung kultiviert die Nibelungentreue zum starken Staat. Kulturminister Wladimir Medinski, der die segensreiche Wirkung heroischer Mythen verteidigt, auch wenn sie widerlegt sind wie die Mär von den 28 opfermütigen Soldaten der Panfilow-Einheit im Zweiten Weltkrieg, solidarisiert sich mit Michalkow. Der Kinokünstler mit der untrüglichen konjunkturellen Antenne scheint zu spüren, dass nicht nur ihm frühere politische Allianzen heute peinlich sind.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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