https://www.faz.net/-gqz-9zzhv

Aktion „Hilf den Ärzten“ : Tagebücher aus der Roten Zone

Gepanzert ziehen wir in unseren Krieg: Die Schauspielerin Alexandra Revenko deklamiert Bekenntnissse einer Corona-Krankenschwester. Bild: Gogol-Center/Serebrennikow/Screenshot F.A.Z.

Ärzte ohne Grenzen: Russische Schauspieler rezitieren Berichte von Corona-Medizinern. Die im Netz abrufbaren Monologe haben auch einen guten Zweck.

          3 Min.

          In der Aktion „Hilf den Ärzten“ (Pomogi wratscham) haben russische Schauspieler und Musiker auf Youtube Texte von Corona-Medizinern aufgenommen und Geld für Schutzausrüstung gesammelt, um sie unterversorgten Krankenhäusern in den Regionen zukommen zu lassen. Nachdem das Petersburger Towstonogow-Theater unter seinem künstlerischen Leiter Andrej Mogutschi 50000 Euro mobilisieren konnte, brachte das Moskauer Gogol-Center unter Kirill Serebrennikow 20000 Euro für drei Provinzkliniken auf. Das Moskauer Theater „Sowremennik“, Sprechbühnen in Tjumen und Nowosibirsk wollen folgen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für die Darsteller sei die Aktion aber auch eine natürliche Fortsetzung des digitalen Dokumentartheaters mit Texten aus dem Zweiten Weltkrieg, das sie zum 9. Mai erarbeitet hätten, sagt Mogutschi. Denn die Ärzte und Pfleger, deren in sozialen Netzwerken gepostete Berichte sie zitieren, empfinden sich buchstäblich als Frontkämpfer. Die Krankenschwester aus dem südrussischen Landkreis Rostow, der Alexandra Revenko vom Gogol-Center ihre Stimme leiht (unser Bild), vergleicht ihren Einsatz mit dem ihres Großvaters, der gegen die Deutschen kämpfte. Ihren Schutzanzug nennt sie „Panzerung“, ihre Kollegen aus der „Roten Zone“ erkennt sie an den blauen Flecken im Gesicht, die die Schutzbrillen hinterlassen. Zu den „Helden“ in diesem Krieg zählt sie auch die Patienten, die nicht aufgeben, sowie die hoch beanspruchten Putzkräfte. Es gebe freilich viele, die an die Gefährlichkeit des Virus nicht glaubten, sogar unter Medizinern, bezeugt die Pflegerin. Ihr Angebot, ihnen die „Rote Zone“ zu zeigen, habe jedoch keiner dieser „Optimisten“ angenommen.

          Einige Covid-Mediziner gehören selbst zur Risikogruppe. So die fünfundsechzigjährige Ärztin, deren Bericht die Schauspielerin Sati Spiwakowa vorträgt. Sie und ihre gleichaltrige Kollegin Elena hätten sich problemlos freistellen lassen können, sagt die Therapeutin, doch sie hätten sich dann vor den Kollegen und vor sich selbst geschämt. Im Infektionskrankenhaus hätten sie gleichsam zusammen im Schützengraben gesessen, seien zum Angriff übergegangen. Doch dann habe Elena sich angesteckt. Noch auf der Intensivstation habe sie gehofft, bald wieder in den Kampf ziehen zu können – doch dieser Kampf erwies sich als ihr letzter. Es gibt aber auch komische Szenen in dieser digitalen Dokumentation des medizinischen Schreckens: Der Urologe, dessen Monolog der Schauspieler Alexander Filippenko spricht, witzelt darüber, dass er sich wie viele Kardiologen, Chirurgen, HNO-Spezialisten per Online-Schnellkurs zum Infektionsarzt umschulen musste.

          Es kursiere der Scherz, man solle zu Hause bleiben, um nicht von einem Gynäkologen intubiert zu werden, so der Facharzt, der sich, wie er bekennt, nach seinen Harnblasen zurücksehne. Und der Klinikarzt, der von dem Rockmusiker Roma Swer gesprochen wird, klagt darüber, dass er im „Kosmonautenanzug“ seine Kollegen nicht mehr erkenne. Jüngst habe er seine auf der Station tätige Frau umarmen wollen – da stellte sich heraus, dass es sich um den Vize-Chefarzt handelte.

          Ab und zu heulen und wieder in die „Rote Zone“: Die Schauspielerin Xenia Rappoport spricht für eine Lungenspezialistin, die die Angehörigen von Ärzten bewundert.

          Etliche Ärzte leben getrennt von ihren Familien, um sie nicht anzustecken. Beispielsweise die Lungenspezialistin Veronika, die dadurch ihrem Mann die Erziehung der Tochter aufgehalst habe, wie sie sagt. Das friedliche Leben sei für sie verschwunden, erzählt Veronika mit der Stimme und dem Gesicht der Schauspielerin Xenia Rappoport. Sie funktioniere wie ein Apparat, schaue ab und zu die Videos, die ihr Mann ihr schicke, heule kurz und kehre zurück in die „Rote Zone“. Veronika erklärt deshalb die Verwandten von Ärzten zu Helden. Das tut auch der zum „Covidologen“ umgelernte Chirurg Ulwi, der, seit Wochen getrennt von Frau und Sohn, überzeugt ist, dass dieser Härtetest seine Familie stärke.

          Der gemeinsame Kampf schweißt auch Kollegen zusammen, sagt der Urologe Vigen Malchasjan, der bekennt, er vertraue den Ärzten aus der „Roten Zone“ wie bewährten Kampfgefährten. Ein wiederkehrendes Motiv in den Monologen ist das epochale Ereignis der Seuche, den Petersburger Arzt Michail Tscherkaschin, interpretiert vom Schauspieler Alexander Petrow, erinnert die nie gesehene Zahl von Lungenentzündungen an ein Schlachtfeld ohne gewaltsam Verwundete. In dieser Ausnahmesituation ändere sich die Realität, beobachtet ein Anästhesist, den der Schauspieler Oleg Basilaschwili spricht: Viel privater Müll entfalle, man blicke gewissermaßen von innen und von oben auf sich selbst und erkenne den eigenen Platz im Weltall.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?
          Canal d’amour: In der romantisch wirkenden Felsbucht auf Korfu ist noch Platz für Gäste.

          Tourismus im Corona-Sommer : Die Schicksalssaison

          Volle deutsche Küstenorte, aber leere Stadthotels und gekürzte Flugpläne ans Mittelmeer – im Sommer nach dem Corona-Stillstand erholt sich der Tourismus nur mancherorts. Ein Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.