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Russische Propaganda : Putin hat für jeden die richtige Botschaft

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Auch die Falschmeldung eines angeblich von Migranten entführten und vergewaltigten Mädchens in Berlin im Januar stammte von einer dubiosen Website im Netz. Das russische Staatsfernsehen griff die Geschichte dann auf. Dies sahen auch Russlanddeutsche, die durch konzertierte Aufrufe in Facebook und über SMS zu Demonstrationen angestachelt wurden. Zudem verbreiteten die deutschsprachigen Ableger der russischen Auslandsmedien die Falschmeldung in Deutschland, wo sie auf rechtspopulistischen Websites und in den sozialen Medien Resonanz erzeugte. Unverkennbar arbeiten russische Auslandsmedien sowie deutsche rechtspopulistische oder rechtsradikale Informationsangebote publizistisch Hand in Hand. Durch gezieltes Zitieren nutzen sie sich gegenseitig als vermeintlich plausible Quelle.

Um einer Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen

Eine weitere Methode, um mögliche Glaubwürdigkeitsdefizite bei Nachrichten zu kompensieren, ist ein emotionales und packendes „Storytelling“. Die filmische Umsetzung erinnert an Musikvideoclips oder Action-Filme. Kurz gesagt: Russische Propaganda-Erzeugnisse sind spannend und leicht verdaulich, weil sie sich nicht um journalistische Differenziertheit und Genauigkeit bemühen (müssen).

Die offiziellen Medien und die mit ihnen zusammenwirkenden „grauen Pro-Kreml-Medien“ sind nur ein Teil des russischen Propaganda-Apparats. Die dritte, verdeckt arbeitende Ebene umfasst die Produktion von Falschmeldungen und Internet-Meme, also meist lustigen Bild- oder Videodateien, die sich viral über soziale Medien verbreiten. Um einer Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen, werden sogar Pseudo-News-Websites oder Wikipedia-Seiten angelegt - sehr aufwendig geschehen beispielsweise im September 2014 bei einer angeblichen Explosion in einer Chemiefabrik in Centerville, Louisiana.

Verbindungen zur russischen Präsidialverwaltung

Insgesamt spielen die sozialen Medien für die Verbreitung von Propaganda eine zentrale Rolle. Mit Hilfe von Social Bots, also gesteuerten Roboter-Profilen in sozialen Netzwerken, werden Falschmeldungen und Internet-Meme verbreitet. Auch die Flutung von Leser-Foren auf internationalen Medienseiten mit Pro-Kreml-Aussagen gehört dazu. Unter dem Terminus „Trolls aus Olgino“ erfuhr die in einem Stadtteil von St. Petersburg ansässige Firma „Internet Research Agency“ weltweit Bekanntheit. Allein von dort aus werden Tausende Fake-Profile in Netzwerken und Foren gemanagt, die auch außerhalb Russlands im Internet Stimmung für die Kreml-Politik machen. Unabhängige russische Medien berichteten von Verbindungen der Firma zur russischen Präsidialverwaltung.

Die ukrainische Website Stopfake.org, das russische Projekt Noodleremover.news und auch der „Disinformation Review“ des Auswärtigen Dienstes der EU haben sich sehr erfolgreich zur Aufgabe gemacht, Falschmeldungen und Mechanismen der russischen Propaganda an konkreten Beispielen zu entlarven.

Ein steter Strom an verzerrenden Informationen

Die Gefahr der russischen Propaganda für Europa sollte nicht über-, aber auch nicht unterschätzt werden. Die Lügengeschichte vom angeblich vergewaltigten Berliner Mädchen war letztendlich ein Misserfolg. Die Wahrheit kam relativ schnell ans Licht. Gleichwohl bilden die politischen Herausforderungen - Euro- und Flüchtlingskrise - weiter einen starken Resonanzboden für Desinformationskampagnen. Es ist unverkennbar, dass vom Kreml kontrollierte Propaganda-Strukturen versuchen, die Polarisierungen der öffentlichen Debatte in Europa systematisch zu verstärken und sie mit einem steten Strom an verzerrenden Informationen anzuheizen.

Was tun? Um Desinformation jeglicher Art zu begegnen, muss in einer offenen Gesellschaft die Medienkompetenz gestärkt werden, also der kritische Umgang mit Informationen und Quellen. Zudem sind Medien und Journalisten gefordert, die Wirklichkeit auch im digitalen Zeitalter zuverlässig und auf Fakten basierend wahrheitsgetreu abzubilden.

Leitet die Russisch-Redaktion der Deutschen Welle in Bonn: Ingo Mannteufel

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