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Russische Faschisten : Die Rauhbeinigen

  • -Aktualisiert am

1. Mai in Moskau: Aufmarsch der Neonazis Bild: AP

Faschismusalarm: Pünktlich zur Feier des Siegestags offenbart sich der häßliche Zug des modernen Rußland. Die Zahl fremdenfeindlicher Attacken durch rechte Schläger steigt kontinuierlich an.

          Rußland, das sich in ruhigen Entwicklungsphasen eher provinziell ausnimmt, wird in Phasen revolutionärer Umbrüche zuverlässig zur weltgeschichtlichen Hauptbühne. Globale Prozesse wie die Konzentration von Wirtschaftskraft, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die demographische Krise und gleichzeitig das ökonomische Überflüssigwerden großer Bevölkerungsteile finden hier praktisch ohne zivilgesellschaftliche Abfederung statt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Fernsehnachrichten und Radiosendungen nähren den patriotischen Stolz des von Produktwerbung und Unterhaltungsshows überfütterten Publikums, indem sie imponierende Wachstumszahlen und Aktienkurse insbesondere der russischen Rohstoffwirtschaft präsentieren wie Siegesmeldungen. Als ob auch die Verlierer im nationalökonomischen Konkurrenzkampf angesichts des Erfolgs der großen Rußland-AG Trost finden sollen.

          Faschismus mit russischem Gesicht

          Zornige junge Männer vom unteren Rand der rauhen russischen Gesellschaft tun sich unterdessen immer öfter durch Überfälle auf Jugendliche von nicht nordischem Aussehen hervor. Bürgerrechtler warnen seit Jahren vor einem Faschismus mit russischem Gesicht. In jüngster Zeit zeigen sich endlich auch Talkshowmaster und Politiker über die nationalistischen Feindseligkeiten besorgt. Die Frequenz fremdenfeindlicher Gewalttaten steigt kontinuierlich. Allein in diesem Jahr haben mehr als ein dutzendmal organisierte russische Schläger Mitbürger aus dem Kaukasus, Zentralasien und Studenten aus Afrika oder Südostasien angegriffen. In Moskau erdolchten erst vor zwei Wochen Skinheads einen armenischen Jungen am helllichten Tag in einer Metrostation.

          Russische Skinheads beim Kampftraining

          In öffentlichen Debatten kehrt leitmotivisch das Argument wieder, Rußland könne gar nicht faschistisch werden, weil es im Zweiten Weltkrieg den Faschismus bekämpft und Europa von dieser Geißel befreit habe. Doch während das Land soeben den einundsechzigsten Jahrestag des Weltkriegssieges mit beschwörendem Pomp begangen hat, hängt über dem Horizont schwerer denn je die Gewitterwolke rassistischen Hasses.

          Verbrecher Nummer eins

          Ausgerechnet in dem Land, das Hitler-Deutschland besiegt hat, weiß man über das Nazi-Regime am schlechtesten Bescheid, stellte schon der Historiker Daniil Melnikow fest, der die erste russische Biographie des deutschen Diktators verfaßte. Sein Buch mit dem Titel „Verbrecher Nummer eins“ konnte erst zur Perestrojka-Zeit erscheinen. Denn wie darin Hitlers verschlagene, rücksichtslose Tyrannenkarriere geschildert wird, seine Ausmerzung Andersdenkender und seine allenthalben lauernde Geheime Staatspolizei, das erinnerte allzusehr an das sowjetische System. Tatsächlich stellt sich sowohl für die Frontveteranen wie für die heutige Feiertagsmythologie der Sieg über den Faschismus vor allem als erfolgreiche Bekämpfung des äußeren Feindes dar. Die „innere“ Faschismusbekämpfung als Engagement gegen Fremdenhaß, Unterdrückung und Rechtszynismus blieb ausgespart.

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