https://www.faz.net/-gqz-9dgof

Protest in Moskau : Kinder in den Knast

  • -Aktualisiert am

Anna Pawlikowa, 17, im Gericht in Moskau am 9. August Bild: Artjom Sisow/Gazeta.ru

Erst erfinden russische Agenten eine extremistische Jugendbewegung, dann inhaftieren sie deren Mitglieder. Zwei Schicksale stechen besonders hervor. Jetzt gehen die Mütter auf die Straße.

          Am Mittwoch ist in Moskau ein Wunder geschehen. Am Nachmittag, im strömenden Regen, fand eine unangemeldete Solidaritätsdemo statt. Ein- bis zweitausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer des sogenannten Marschs der Mütter forderten die Freilassung von zwei Teenagern aus der U-Haft. Während der Demo wurde niemand verhaftet, und die Teenager wurden am nächsten Tag tatsächlich aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt. Von manchen besonders enthusiastischen Bürgerinnen und Bürgern wird das als ein großer Sieg der Zivilgesellschaft gefeiert.

          So untypisch für das heutige Russland die Ereignisse um die Demonstration waren, so typisch war deren Vorgeschichte. Vor fünf Monaten nahm die Polizei in Moskau zehn Menschen fest, zwei junge Frauen im Alter von 17 und 19 Jahren und acht Männer zwischen 21 und 38 Jahren. Ihnen wurde die Gründung einer extremistischen Vereinigung mit dem Ziel, die Verfassungsordnung der Russischen Föderation gewaltsam umzustürzen, vorgeworfen. Tatsächlich gab es diese Vereinigung nie; oder besser: Sie wurde auf dem Papier von einem verdeckten Ermittler gegründet. Bevor dieser die Szene betrat, gab es eine Gruppe von knapp einem Dutzend Menschen, die sich in einem kollektiven Chat im sozialen Netzwerk Telegram über dieses und jenes austauschten, unter anderen über die Politik.

          Die Teilnehmer waren sich einig: So wie jetzt kann es nicht weitergehen. In Russland ist dies allein schon schlimm genug, es war aber noch schlimmer: Sie sympathisierten mit dem exzentrischen, dennoch soweit harmlosen nationalistischen Blogger Wjatscheslaw Malzew. Dieser hatte seit Jahren prophezeit, im November 2017 werde in Russland eine Revolution stattfinden. Sie fand aber ausschließlich in den Gruppen seiner Fans in sozialen Netzwerken statt, was die russischen Geheimdienste nicht daran hinderte, etliche von ihnen in verschiedenen russischen Städten vorsichtshalber zu verhaften. Die Teilnehmer des besagten Chats waren aber nicht einmal Anhänger, höchstens interessierte Mitleser. Das hat offenbar gereicht.

          Achteinhalb Jahren Haft wegen einer kollegialen Gefälligkeit

          Nach der ausgebliebenen Revolution trafen sie sich ein paar Mal bei McDonald’s, um dort ebenfalls über verschiedene Dinge zu plaudern. Zu diesen Treffen kam auch ein gewisser Ruslan D., der auch mitgechattet hatte, und überzeugte die anderen, dass sie nicht nur quatschen, sondern endlich etwas Echtes machen sollten. Nämlich eine richtige Organisation gründen. Er gab der Organisation den Namen „Neue Größe“ und schrieb das Programm, welches später von Gutachtern als extremistisch eingestuft wurde. Im März 2018 wurden zehn Teilnehmer der Gruppe verhaftet, der V-Mann Ruslan tritt nun als Zeuge auf.

          Dass russische Ermittlungsorgane mit Provokationen Fälle aus dem Nichts konstruieren, ist nicht neu. Vor etwa zehn Jahren hat sich ein verdeckter Ermittler als Tierarzt ausgegeben, nahm an Kongressen teil, freundete sich mit einigen „Kollegen“ an und ging mit ihnen auf mehrtägige Wandertouren. Nach zwei Jahren „verdeckter Ermittlungen“ bat er schließlich einen „Kollegen“, ihm ein Paar Ampullen Ketamin für vermeintliche Operation an Katzen zu besorgen: Der Zugang zu Betäubungsmitteln wurde einige Jahre zuvor für privat praktizierende Tiermediziner drastisch eingeschränkt. Der hilfsbereite Tierarzt wurde daraufhin zu achteinhalb Jahren Haft wegen Drogenhandels verurteilt.

          Hunderte haben nur etwas Falsches geliked

          Besonders häufig greifen die Organe zum Mittel der Provokation, um Korruptions- oder Drogenfälle zu fabrizieren. Der Fall der „Neuen Größe“ mit seinem rein ideologischen Inhalt erinnert aber viel mehr an die Methoden des KGB. Ein Agent provocateur des sowjetischen Geheimdienstes, der Dichter und Kunsthistoriker Sergej Chmelnizki, erlangte in den 1960er Jahren sogar eine gewisse Berühmtheit in Dissidentenkreisen, nachdem er die Schriftsteller Andrej Sinjawski und Juri Daniel dem KGB ans Messer lieferte. Seine Lieblingsmethode, die er schon zu Stalins Zeiten praktizierte, war, Diskussionszirkel zu organisieren, in denen man unter Freunden mutig über verbotene Themen sprach und riskante Witze austauschte.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

          Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

          Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.