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Rushdies Ritterschlag : Anatomie des Aufruhrs

  • -Aktualisiert am

Proteste in Pakistan gegen Salman Rushdies Ritterschlag Bild: dpa

Die Proteste gegen den Ritterschlag des Schriftstellers Salman Rushdie im Mittleren Osten sind kalkulierte Produkte einer Erregungskultur. Dabei lenkt der inszenierte Volkszorn nur von den wahren, drängenden Problemen ab.

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          So spielen sich viele Demonstrationen in Pakistan oder Indien ab: Einige hundert jüngere Männer, Bildnisse des jüngsten Sünders in der Hand, stehen herum, unterhalten sich, nehmen fotokopierte Zettel mit aufhetzenden Tiraden entgegen, rufen von Zeit zu Zeit einen Slogan aus und warten offensichtlich auf einen Startschuss. Zwischen ihnen bewegen sich zielstrebig einige pompöse Organisatoren, die man an den Handys am Ohr erkennt.

          Dann tauchen die Fernsehkameras auf, und die Männer verwandeln sich in wütende Furien, dirigiert von den Rädelsführern mit den Handys, sie schreien sich mit verzerrten Gesichtern die Seele aus dem Leib, sie setzen die Bildnisse in Brand, bevor sie auf ihnen herumtrampeln. Kaum sind die Kameras verschwunden, beruhigt sich der Volkszorn wieder, und die Männer gehen bald darauf auseinander, um irgendwo einen Tee zu trinken, in Erwartung des nächsten Kampfaufrufes. Sie zählen die Münzen, die man ihnen zugesteckt hat - ihr einziger Tagesverdienst. Der öffentliche Zorn ist so groß wie der Fernsehbildschirm.

          Ereignisse müssen im lokalen Kontext gesehen werden

          Der Sünder des Augenblicks ist mal wieder Salman Rushdie, und die Empörung im Westen über die Todesdrohungen gegen ihn schlägt erneut hohe Wellen. Wieso, wundern sich viele Kommentatoren hierzulande, sind die Wunden über seine als Blasphemie empfundenen „Satanischen Verse“ in den knapp zwanzig Jahren seit ihrer Veröffentlichung nicht geheilt? Zwar wird dabei die ganze islamische Welt über einen Kamm geschoren, doch die öffentlichen Proteste finden vor allem in Iran und Pakistan statt, zwei Länder, die sich in einem dramatischen innenpolitischen Tumult befinden. Und in solchen Krisen ist der Fall Rushdie ein exzellentes Spektakel, ja eines der sichersten Instrumente öffentlicher Agitation.

          Die Ereignisse der letzten Tage können nicht ohne Berücksichtigung des jeweiligen lokalen Kontextes verstanden werden: In Pakistan gilt Präsident Musharraf vielen als Marionette Washingtons, als ein Verräter an den Mudschahedin, und er muss einen Kampf gegen die säkularen Kräfte im Land ausfechten, weil er eigenmächtig den Obersten Verfassungsrichter Iftikar Chaudhuri seines Amtes enthoben hat. Zudem wird Pakistan gebeutelt von regionalen Sezessionsbestrebungen in Belutschistan und Sindh sowie parteipolitischen Konfrontationen mit den islamistischen Regierungen in einigen der Provinzen.

          Aufruhren sind in Pakistan an der Tagesordnung

          In diesem Zusammenhang bietet Rushdie eine einfache Chance, ein Passionsspiel zu inszenieren, bei dem sich Splitterparteien zu profilieren vermögen und die Regierung ablenken kann. Jeder kennt das Skript, die Symbolik ist allen vertraut. So muss nur noch die Logistik des Protestes zur Verfügung gestellt werden - die Lastwagen, die Megaphone, die Fahnen und Plakate. Selbst die Bühnen sind allen bekannt, die Plätze vor bestimmten Moscheen, die öffentlichen Parks. Schließlich bedarf es nur noch eines Anrufes bei den Fernsehstationen - und man hat sich mit einfachen Mitteln eine Weltöffentlichkeit gesichert. Das laute Entsetzen im Westen steigert die lokale Aufmerksamkeit. Die Organisatoren solcher Proteste verstehen sich auf die Ästhetik und die Macht des Fernsehens.

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