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Kulturelle Nachhaltigkeit : Ein Vierpunkteplan für die Menschheit

  • -Aktualisiert am

Kunst der Nachhaltigkeit: Tomás Saraceno entwirft mit seinen Installationen alternative Wohnräume, hier „Cloud City“ in New York. Bild: Picture-Alliance

Feuer, Pfeife, Stanwell: Drei Dinge brauchte der Mann früher. Fehlt da heute nicht etwas? Zur nachhaltigen Existenz muss noch eine vierte Größe dazukommen. Welche könnte das sein? Ein Gastbeitrag.

          Der Begriff der Nachhaltigkeit ist inzwischen mehr als dreihundert Jahre alt. Hans Carl von Carlowitz hat ihn eingeführt, er legte damit die Grundlagen der Forstwirtschaft. „Nicht mehr (Holz) entnehmen, als nachwachsen kann“: Sein Motto wurde zum Erklärungsbild der Nachhaltigkeit. Nach bisherigem Verständnis gibt es drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Diese drei in Einklang zu bringen ist anspruchsvoll und zugleich zu wenig. Für den Planeten reichen diese drei Dimensionen der Nachhaltigkeit aber. Sie gewährleisten, dass er nicht kollabiert. Mehr muss ihn nicht interessieren, mehr braucht er nicht. Er will, sofern wir ihm einen Willen unterstellen können, nichts mehr, als den Menschen möglichst unbeschadet zu ertragen, zur Not auch dauerhaft.

          Für den Menschen aber sind diese drei Dimensionen der Nachhaltigkeit nur die Gewähr der dauerhaften Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Mit den bisherigen drei Säulen lässt sich gewährleisten, dass die Menschen Arbeit haben, ohne ausgebeutet zu werden; dass sie Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge haben, und dass die Vielfalt der Natur bewahrt wird, um auch zukünftig als Ressource zu dienen. Das ist weit mehr, als bisher erreicht wurde. Allein die ersten beiden Kriterien, Arbeit und Soziales, sind vielleicht für eine Milliarde Menschen annähernd erfüllt, mehr als sechs Milliarden haben ein bisher unerfülltes Anrecht darauf.

          Das Kriterium der Ökologie ist nicht erfüllt, denn schon diese eine Milliarde Menschen verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde dauerhaft zur Verfügung stellen kann. Auch wenn wir also noch weit davon entfernt sind, die klassischen drei Kriterien der Nachhaltigkeit zu erfüllen, sind sie immer noch zu wenig, um das Gebäude der Nachhaltigkeit zu tragen. Was wäre, wenn diese drei im Einklang wären, also die Bedingungen der Nachhaltigkeit, wie bisher definiert, erfüllt wären? Es gäbe eine Welt, in der alle Menschen Essen und Wohnung hätten und von ihrer eigenen Arbeit leben könnten, Zugang zu Bildung hätten, die wiederum dafür sorgen würde, dass sie eine Arbeit hätten. Und alle Menschen wären frei von Diskriminierung und mit auskömmlicher Gesundheitsfürsorge ausgestattet.

          Regenwürmer schreiben keine Gedichte

          Wäre all dies, was absolut erstrebenswert ist, erreicht, dann wäre nur gewährleistet, was heute nicht gewährleistet ist: dass es unendlich so weitergehen kann mit dem Menschen, der diesen Planeten bewohnt und dominiert. Doch eine höhere Qualität hat das alles nicht. Eine solche nachhaltige Welt kann man sich auch ohne den Menschen denken, viel einfacher sogar. Es wäre schlicht eine Welt, in welcher der Mensch angenehm lebt und neben oder besser unter ihm eine ausreichende ökologische Vielfalt besteht.

          Es wäre eine Welt, die von einer dominierenden Tierart geprägt wäre, aber eben von einem Tier. Denn all das, was mit den drei Säulen der Nachhaltigkeit beschrieben wird, unterscheidet den Menschen nicht vom Tier. Arbeit, die sie ernährt, hat auch die Honigbiene; ein soziales System der Fürsorge hat auch die Ameise; und Gewalt auszuüben ist kein menschliches Alleinstellungsmerkmal. Weil selbst die DNA nicht so wahnsinnig viele Unterschiede zwischen Regenwurm, Affe und Mensch auftut, muss es etwas anderes sein. Es sind Gott und Kultur. Wahrscheinlich ist es nur Gott, der uns von den Tieren unterscheidet. Und alles andere folgt daraus.

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