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Kolumne „Import Export“ : Feministische Außenpolitik

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Zwei ukrainische Studentinnen aus Kiew, die sich der Territorialen Verteidigung der Streitkräfte angeschlossen haben. Bild: dpa

In Deutschland wird diskutiert, ob Männer hier nicht mehr männlich genug sind, um Krieg zu führen. Eine zynische Debatte, die von archaischen Geschlechterbildern ausgeht.

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          Es gibt eine Sache, die ich beim besten Willen nicht verstehe. Seit Ende Februar überzieht Putin die Ukraine mit Kriegsverbrechen. Und hierzulande fragt man sich auf Twitter und in Magazinen, was machen die Hafermilch-Flat-White-Männer aus Berlin-Prenzelberg und dem Münchner Glockenbachviertel, wenn der Krieg hierher kommt? Werden sie überhaupt kämpfen können? Sie haben ja, Tatsache, kaum Militärdienst geleistet?

          Nun, abgesehen davon, dass diese so oft typisierten Hafermilch-Männer mit gepunkteten Socken in Deutschland in der Unterzahl sind, sind es eben gerade nicht sie, sondern die Männer aus Kiew und Ternopil, die kämpfen müssen. Das Ganze ist also eine sehr hypothetische Diskussion und auch ein bisschen zynisch, wenn man darüber nachdenkt, welche Fast-noch-Teenager von Putin gerade zum Sterben aufs Schlachtfeld geschickt werden und dass den Ukrainern gerade nichts anderes übrig bleibt, als ihr Land zu verteidigen.

          Ein Männlichkeitsseminar ist kein Militärdienst

          In Deutschland scheint noch immer eine sehr archaische Vorstellung von „Männlichkeit“ und dementsprechend „Weiblichkeit“ durch die Vortragsreihen und Ratgeberbücher zu geistern. Man denke nur an die zig „Männlichkeitsseminare“, die für einen Haufen Geld von selbst ernannten „Männer-Coaches“ angeboten werden, wo es, scrollt man sich durch die Angebote, darum geht, den „Krieger“ in sich wiederzuentdecken, die „männliche Ur-Kraft“ des „Helden“. Mit Krieg haben diese Vorstellungen nichts zu tun. Ein Männlichkeitsseminar ist kein Militärdienst.

          Doch nicht nur die Hafermilch-Männer bewegen in diesen Tagen die Debatte um Bundeswehr und Krieg. Von rechts wird die Angst geschürt, man hätte in der Bundeswehr zu viel Familienfreundlichkeit und Diversität gefördert, Kitaplätze statt Kampfflugzeuge, Gleichberechtigung statt Gewehre. Der Tenor auch hier wieder: Unsere Bundeswehr ist zu verweichlicht.

          Ebenso absurd sind auch all die Fragen, wäre die Welt ein friedlicherer Ort, wenn mehr Frauen in den Kommandozentralen sitzen würden? Als ob Frauen von „Natur“ aus die sanfteren, friedliebenden Wesen wären. Völlig in Vergessenheit geraten sind anscheinend Kriegsverbrecherinnen wie Lynndie England, die US-Soldatin, die verurteilt wurde, weil sie in Abu Ghraib im Irak Gefangene misshandelte. Oder die Frauen der al Khansa-Brigade des sogenannten Islamischen Staats, die folterten und mordeten. Woher kommen nun diese esoterischen Vorstellungen? Ja, Geschlecht spielt eine Rolle im Krieg, aber anders. Erst 2008 wurde Vergewaltigung offiziell als Kriegsverbrechen gelistet. Dabei gibt es sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten seit jeher.

          Feministische Außenpolitik und Hubschrauber, die fliegen, schließen sich nicht aus

          Auch in der Ukraine häufen sich nun die Berichte von Vergewaltigungen durch russische Soldaten. Feministische Außenpolitik ist also beileibe kein Gedöns, wie auch Annalena Baerbock Friedrich Merz bei der Generaldebatte letzte Woche im Bundestag entgegnete, als es um das Sondervermögen der Bundeswehr ging. Dabei schließt das sich ja nicht aus: feministische Außen- und Sicherheitspolitik und Hubschrauber, die fliegen können. Im Gegenteil, manchmal muss der Schutz von Zivilisten, insbesondere der vulnerablen Gruppen, von Frauen und Kindern, auch militärisch durchgesetzt werden können.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: Kat Menschik

          Nun steht feministische Außenpolitik sogar im Koalitionsvertrag. Das ist progressiv, in dem Sinne, dass man die geschlechtsspezifische Gewalt in Kriegen in den Blick nimmt und nicht wie so lange einfach ignoriert oder als Kollateralschaden verbucht. Dass man versucht, Frauen vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Dass man die Taten dokumentiert, die Täter zur Rechenschaft zieht. Fragwürdig wird sie jedoch, wenn man von der „friedliebenden Natur der Frauen“ ausgehend einen radikalen Pazifismus und rigoroses Abrüsten fordert. Nicht falsch verstehen, eine Welt ganz ohne Waffen wäre zweifelsohne eine bessere, aber man fragt sich doch, sollen die ukrainischen Soldaten Mariupol mit Kehrblech und Besen verteidigen? Und wo stünde der IS heute, hätte man die kurdischen Einheiten nicht mit Waffen versorgt und die Anti-IS-Koalition organisiert?

          „Löwe ist Löwe, egal ob Mann oder Frau“

          Als in den letzten Tagen über Geschlecht und Krieg gesprochen wurde, musste ich an eine Generalin der Peschmerga denken, die ich 2018 getroffen hatte, eine Ezîdin, die 2014 vor dem IS floh und sich den bewaffneten Einheiten anschloss. Sie hatte gegen den IS an der Front zu Mossul gekämpft, ein Frauenbataillon angeführt. Als sie von ihrem alten Leben als Sängerin erzählte und mir ein Video zeigte, in dem sie einst in einem roten Kleid Saz spielt und singt, fing sie an zu weinen. Ich musste an ein kurdisches Sprichwort denken: „Löwe ist Löwe, egal ob Mann oder Frau“.

          Ich musste an Swetlana Alexwejiwitschs Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ denken. An die Hunderte Interviews, die sie mit Frauen geführt hat, die in der roten Armee gekämpft haben. Ich konnte mich an den Bildern kämpfender Frauen nie als feministische Ikonen erfreuen. Die Frauen waren tapfer, keine Frage, aber der Krieg bleibt doch das, was er ist. Er ist weder männlich noch weiblich. Er hat kein menschliches Gesicht.

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