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Kolumne „Import Export“ : Diversity und Ditib – wie passt das zusammen?

  • -Aktualisiert am

Ditib-Moschee in Köln Bild: dpa

Alle reden von Diversität, doch warum werden dann islamische Verbände wie die Ditib hofiert? Sie steht nicht für die Vielfalt in der migrantischen Gemeinschaft.

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          Neulich las ich wieder etwas, wo mir mein Vanillekipferl im Hals stecken blieb. Es ging um den Angriff auf die Leipziger Ditib-Moschee letzte Woche. Ungewöhnlich an ihm war, dass er wohl nicht von Rechten ausging, sondern von Linken. Es hieß, Linksautonome hätten Steine in das Fenster der Ditib-Moschee geworfen, um Kritik am Erdogan-Regime zu üben. Nun ist Steine werfen die dümmste mögliche Art, die legitime Kritik an Ditib auszudrücken.

          Die Diskussionen in den sozialen Medien liefen heiß. Ich las, die Ditib-Moschee wäre ein Safe Space für Geflüchtete. Ditib als Safe Space – crazy! Ditib, wo Kinder in Soldatenkostüme schlüpfen und Kriegstheater spielen, wo sich türkische Spione tummeln, wo für einen Sieg über die Kurden gebetet wird und Funktionäre Israelis den Tod wünschen. Wo es so zugeht, dass Politiker, die den Verband kritisieren wie Berivan Aymaz von den Grünen, unter Polizeischutz gestellt werden müssen. Ditib, die direkt der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, die wiederum direkt Erdogan untersteht: Das alles dürfte kein Geheimnis mehr sein.

          Diversität ist das Must-have unserer Zeit

          Umso mehr frage ich mich, woher kommen diese verrückten Annahmen, dass Geflüchtete a) zu Ditib beten gehen und b) eine homogene Gruppe von Menschen und gläubige sunnitische Muslime sind. Wann hat das eigentlich angefangen, Flüchtling mit Muslim gleichzusetzen? Das ist nämlich Quatsch. Ähnlich wie es damals schon Quatsch war, Gastarbeiter, selbst wenn diese aus der Türkei waren, mit Türken gleichzusetzen. Ich denke da an die liebe Frau Zekiye, von der ich Maqluba kochen gelernt habe: eine aramäische Christin, die Türkisch erst in der Fabrik in Deutschland lernte. Gerade für religiöse Minderheiten spielte die Suche nach Schutz vor Verfolgung eine nicht unerhebliche Rolle, als sie als Gastarbeiter nach Deutschland gingen.

          Sechzig Jahre nach dem Anwerbeabkommen scheint man die Realität nun endlich anzuerkennen: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Merkel hatte das 2015 gesagt, Scholz es bei seiner ersten Regierungserklärung wiederholt. Diversität ist das Must-have unserer Zeit. In Wirtschaft, Politik und Kultur hat man verstanden: Vielfalt ist wichtig, Vielfalt zahlt sich aus. Unternehmen stellen Diversity Manager ein, die Charta der Vielfalt wurde ins Leben gerufen, und es wird darüber diskutiert, wie divers der Cast von Netflix-Serien ist. Diversität klingt freundlich, irgendwie politisch, aber nicht so Trillerpfeifen- und Arbeitskampf-like, sondern eher nach Duftkerzen auf dem Tisch.

          In der Türkei werden Kirchen zu Moscheen

          Wenn wir aber nun so weit sind, die Realität Deutschlands als Einwanderungsland anzuerkennen, sollten wir auch bitte dazu übergehen, die Vielfalt innerhalb der migrantischen Gemeinschaften zu begreifen und mit ihr umzugehen. Da sind wir schon wieder bei Ditib. Man mag sich im Namen der Vielfalt und Diversität mit Ditib an einen Tisch setzen, wie etwa in Wuppertal, wo die Organisation gerade plant, ein 6000 Quadratmeter großes Areal mit Ditib-Moschee, Ditib-Altenheim und Ditib-Kindergarten zu bebauen. Oder auch in Essen, wo Ditib sich gerade darum bemüht, Träger freier Jugendhilfe zu werden.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: Kat Menschik

          Für Vielfalt steht Ditib deswegen noch lange nicht: In Eintracht leugnet man den Genozid an den Armeniern und Aramäern, 2016 machte man Stimmung gegen die Armenienresolution, und auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee in Neukölln finden sich immer noch die Ehrengräber von Cemal Azmi Bey, auch bekannt als „Schlächter von Trabzon“, und Bahattin Sakir, Mitorganisator des Genozids an den Armeniern. Bis zu seiner Überführung in die Türkei 1943 war dort auch noch Talat Pascha, der den Genozid 1915 mit der Verhaftung armenischer Intellektueller in Istanbul einleitete, begraben. Auf der Website der Moschee sind noch immer alle drei unter „wichtige und bekannte Persönlichkeiten“ des Friedhofs aufgeführt.

          Vielfalt darf nicht selektiv sein – in Deutschland wird im Namen der Vielfalt mit Ditib-Funktionären Baklava gegessen, während in der Türkei Kirchen zu Moscheen umgewandelt werden, etwa die Hagia Sophia und die Chora-Kirche. Und das in einem Land, das einen Genozid an seiner christlichen Bevölkerung zu verantworten hat.

          Christenverfolgung im Nahen Osten

          Auch in Syrien und im Irak geht die Christenverfolgung weiter. Im Irak sollen 1980 noch rund 1,4 Millionen Christen gelebt haben, heute wird ihre Anzahl nur noch auf 200 000 geschätzt. Die meisten von ihnen sind Assyrer. Mit ihnen verschwindet auch die jahrtausendealte aramäische Sprache. Wir müssen Vielfalt global begreifen, gerade in der Einwanderungsgesellschaft. Menschen kommen auch mit einer Geschichte nach Deutschland. Sie kommen womöglich mit Nationalismus im Gepäck, mit Armenier-, Assyrer-, Eziden- und Alevitenfeindlichkeit, mit Antisemitismus oder mit einer Verfolgungsgeschichte – und geben diese an die folgenden Generationen weiter.

          Während die ein oder andere Marketingabteilung gerade noch überlegt, ob es im Hinblick auf Diversity klargeht, Weihnachtsgrüße zu verschicken, möchte ich meine Kolumne hier beenden und allen, die es feiern, ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Eid Milad Majid! Edo Bricho!

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