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Kolumne „Import Export“ : Die Welt versagt vor diesem Verbrechen

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Opfer des vorrückenden „Islamischen Staates“: Jesiden auf der Flucht aus ihrer nordirakischen Heimatregion Richtung syrische Grenze im Sommer 2014 Bild: Reuters

Am 3. August 2014 fallen IS-Kämpfer im Siedlungsgebiet der Ezîden im Irak ein. Sie töten die Männer, vergewaltigen die Frauen systematisch. Warum ist dieser Genozid, der ein Femizid war, nicht fest im öffentlichen Bewusstsein verankert?

          3 Min.

          Am 3. August jährt sich der Genozid an den Ezîden zum siebten Mal. Ich habe lange überlegt, wie ich darüber schreiben soll, ohne meine Texte der letzten Jahre ritualisiert zu wiederholen. Trotzdem würde ich mit den damaligen Ereignissen beginnen. Am 3. August 2014 fallen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates im Shingal, dem Hauptsiedlungsgebiet der Ezîden im Irak, ein. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Bilder: Menschen, die um ihr Leben rennen, im Hochsommer durch den Staub. Im Gebirge verdursten Alte, Kranke, Kleinkinder. Die es nicht schaffen zu fliehen, werden gefangen genommen.

          Die IS-Kämpfer trennen Männer von Frauen und Kindern. Die Männer erschießen sie. Die Frauen und Mädchen werden versklavt und auf Märkten von IS-Kämpfern an IS-Kämpfer weiterverkauft. Sie werden systematisch vergewaltigt, misshandelt und müssen als Sklavinnen im Haushalt dienen. Die Jungen werden gezwungen, als Kindersoldaten zu kämpfen.

          Dann würde ich weiter ausführen: Dieser Genozid ist nicht nur der erste im 21. Jahrhundert, er ist auch ein Femizid. Die Vergewaltigung der ezîdischen Frau war Teil der genozidalen Strategie des IS. Im Ezîdentum gibt es ein Endogamiegebot. Die Mehrheit der Ezîden hält dieses auch ein. Durch eine Heirat (freiwillig oder nicht) mit einem Nicht-Ezîden wird die Frau aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Ihre Kinder sind nicht mehr ezîdisch. Der IS vergewaltigte im Wissen, dass die ezîdischen Frauen von ihrer Gemeinschaft verstoßen werden würden (diese Regel wurde im Zuge des Genozids geändert), und auch in dem Wissen, dass die aus der Vergewaltigung entstandenen Kinder nach dem im Irak und in Syrien geltenden islamischen Recht Muslime sind. Und die Väter, also IS-Täter, das Sorgerecht haben.

          Das Versklaven und Vergewaltigen von Frauen ist schon seit Jahrhunderten Teil der genozidalen Massaker an Jesiden. In den Augen des Islamischen Staats gelten Ezîdentum als Ungläubige (kuffar). Die Vergewaltigung ist in der Ideologie des IS verankert und wird religiös legitimiert. Die Vergewaltigung der ezîdischen Frau ist kein Kollateralschaden, sie passierte nicht einfach nebenbei auf einem Mord- und Raubfeldzug, sondern war bürokratisch geregelt und organisiert.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: Kat Menschik

          An den Vergewaltigungen waren auch weibliche IS-Mitglieder beteiligt, die medial gern mal verharmlosend als „IS-Bräute“ betitelt werden und sich selbst oft als naive Opfer inszenieren. Sie bereiteten die Ezîdinnen auf ihre Vergewaltigungen vor, profitierten von ihrer Sklavinnenarbeit im Haushalt, sie folterten und misshandelten sie. Zahlreiche Frauen haben ihre Gefangenschaft nicht überlebt. Erst kürzlich verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf das IS-Mitglied Sarah O. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sechseinhalb Jahren Haft. Historisch daran: Zum ersten Mal wurde eine Verurteilung wegen religions- und geschlechtsbezogener Verfolgung ausgesprochen, zum ersten Mal überhaupt urteilte ein Gericht, dass ezîdische Frauen vergewaltigt und versklavt wurden, weil sie Frauen und Ezîdinnen waren.

          Schließlich würde ich zur heutigen Situation kommen: Die Hoffnung auf ein internationales Tribunal hat sich nicht erfüllt. Noch immer sind Täter und Täterinnen auf freiem Fuß. Noch immer leben Zehntausende Ezîden in Camps intern Vertriebener unter menschenunwürdigen Bedingungen. Regelmäßig kommt es dort zu Suiziden. Noch immer können Ezîden nicht nach Shingal zurückkehren, weil Milizen die Region kontrollieren, Sprengfallen noch nicht geräumt und die Infrastruktur noch zerstört ist. Weiterhin werden dort Massengräber ausgehoben. Die Verfolgung der Ezîden geht im kurdischen Afrin in Nordsyrien weiter, das vom türkischen Militär und dschihadistischen Söldnern kontrolliert wird. Ezîdische Friedhöfe werden mit Bulldozern planiert, wieder gibt es Berichte von Verschleppungen jesidischer Frauen. Die türkische staatliche Religionsbehörde Diyanet lässt außerdem Moscheen in ezîdischen Dörfern bauen. Bis heute werden 2800 Frauen und Kinder vermisst.

          Dann, am Ende, würde ich an die Leser dieser Kolumne appellieren. Ich würde fragen: was wäre, wenn siebentausend europäische Frauen verschleppt und vergewaltigt würden? Der Genozid ist nicht weit weg. In Deutschland leben zweihunderttausend Ezîden, die größte ezîdische Diaspora weltweit. Auch aus Deutschland kommen Täterinnen und Täter.

          Ich könnte etliche Geschichten erzählen, die unterstreichen, wie schlimm die Lage für Ezîden heute noch ist. Wie tief die Traumata gehen. Ich würde fragen, wieso dieser Genozid in Deutschland so wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Wieso er als Femizid nicht ein wichtiger Teil globaler feministischer Bemühungen ist. Und dann würde ich feststellen, dass ich doch wieder meine Worte der letzten Jahre wiederholen müsste.

          Vor einem Jahr hatte ich geschrieben: „Wenn ich diese Kolumne 2021 wieder im selben Wortlaut schreiben muss, hat die Weltgemeinschaft wieder einmal versagt. Dieser bereits sechs Jahre andauernde Zustand ist für Ezîden keine Normalität und darf auch vom Rest der Welt nicht als Normalität hingenommen werden.“

          Dies ist nicht nur eine Kolumne. Dies ist auch ein Trauerschreiben. Ich zitiere eine Überlebende des Genozids, mit der ich vor zwei Jahren gesprochen habe: „Ich habe immer gedacht, dass es das Ende ist, wenn der Himmel auf die Erde fällt. Am 3. August 2014 ist nicht der Himmel auf die Erde gefallen, aber es war trotzdem das Ende.“

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