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Am Tatort in Halle : Was wir jetzt brauchen

„Wir mussten die Türen verbarrikadieren“: Am Tatort in Halle Bild: dpa

„Wo war die Polizei?“ – „Sie war nicht da“. Ronald Lauder, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, besucht die Synagoge in Halle.

          3 Min.

          Vor der Synagoge in Halle liegen Blumen und Solidaritätsbotschaften. Polizeiwagen stehen da, Tag und Nacht. Keine drei Wochen sind vergangen seit dem Attentat des Stephan B., der sich gerade vor dem Karlsruher Ermittlungsrichter als „unzufriedenen weißen Mann“ bezeichnet hat, der an die jüdische Weltverschwörung glaubt. Es ist ein sonniger Tag, so schön wie der fatale 9. Oktober, als zwei Menschen starben und zwei verletzt wurden. Mehrere Limousinen halten in der abgesperrten Straße.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Heute ist Ronald Lauder gekommen, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses (JWC), der gerade in dieser Zeitung einen eindringlichen Appell an die Deutschen gerichtet hat, jüdisches Leben besser zu schützen. Der Unternehmer und Kunstsammler will mit Gemeindemitgliedern sprechen. Vorsteher Max Privorozki, gebürtig aus Kiew, zeigt ihm die Einschusslöcher in der Tür, dann die Stellen, wo die Molotowcocktails hinfielen. Privorozki erzählt das nicht zum ersten Mal, aber ein Rest von Staunen ist geblieben – Staunen darüber, dass die Gemeindemitglieder nicht ermordet wurden. Deutschland im Herbst 2019.

          Alle nach oben!

          „Wo war die Polizei?“, fragt Lauder immer wieder. „Sie war nicht da“, sagt der Gemeindevorsteher. Nach Einschätzungen des BKA stellte die Jüdische Gemeinde Halle keinen auffälligen Risikopunkt dar. Von den 51 Menschen, die sich am 9. Oktober in der Synagoge befanden, kamen zehn aus den Vereinigten Staaten, Gäste, die einen besonders ruhigen Jom-Kippur-Tag verbringen wollten. Dann erzählt der junge Roman Remis noch einmal von den zehn Minuten, die sich für alle anfühlten wie eine Ewigkeit – die Schüsse, das Chaos, der junge Stephan B. mit Helm und Maske, der mit seiner Waffe hantierte und seine Aktion für eine rechte Videogemeinde live streamte. Den Mord an der Passantin Jana L. sahen mehrere auf dem Bildschirm, der sich gleich hinter der Tür auf der Innenseite der Synagoge befindet.

          Roman Remis kennt sich in Sicherheitsfragen aus. Er hat bei der Lauder Foundation gelernt und kümmert sich darum, Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren auf Notfallsituationen vorzubereiten. Dafür gibt es Camps, in denen Security-Personal Schritt für Schritt erklärt, was in den Sekunden nach einem Attentat zu geschehen hat. „Nach oben!“, rief Remis an jenem Vormittag, „alle nach oben!“ – aber zuerst drang der junge Mann nicht durch, die Alten waren verwirrt, Menschen mit Krücken darunter, alles erschien ihnen wie ein Albtraum. „Wir mussten die Türen verbarrikadieren“, sagt Remis, „wir waren bereit zu kämpfen.“ Es waren die längsten zehn Minuten ihres Lebens. Sie setzten ihre Gebete fort, um die Panik zu verscheuchen, „und es war ein sehr schönes Gebet“, sagt Remis, „das Jom-Kippur-Gebet ist lang, und erst als die Polizei kam, haben wir aufgehört.“

          Wie lebt man als Jude in Halle?

          Ronald Lauder, schwarzer Anzug, schwarze Kippa, sehr ernst, fragt weiter. Hat es vorher schon Anfeindungen gegeben? Wie lebt man als Jude in Halle? Gemeindevorsteher Privorozki erzählt, ja, das eine oder andere sei schon vorgekommen, Beschimpfungen wie „Kindermörder!“, dann die Anti-Israel-Demo vor zwei Jahren, in der sich der Ton verschärfte, aber für die Polizei gibt es nun einmal Sicherheitsstufen. Halle stand auf der Liste nicht weit oben. Halle ist mit 560 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Sachsen-Anhalt.

          Das Anwachsen solcher Gemeinden in Deutschland – durch den Zustrom aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat sich die Mitgliederzahl auf rund 100 000 verdreifacht – spiegelt eine Normalität wider, die durch die Statistik der antisemitischen Gewalttaten zur Karikatur wird. Mehr als zwölftausend Personen gelten laut Verfassungsschutz als rechtsextrem und gewaltbereit. Es geht Pivorozki nicht darum, welcher Minister welches Gesetz durchbringt, sondern nur darum, „jüdisches Leben in Sicherheit leben zu können“.

          Ronald Lauder besucht an diesem Tag auch das Döner-Restaurant, in dem ein weiterer Mensch starb. Er will ernsthafte Nachforschungen über den Hintergrund des Täters sehen, auch wenn er weiß, dass es viele weitere Männer wie den Einzeltäter von Halle geben könnte, den „einsamen weißen Wolf“, wie Generalbundesanwalt Peter Frank diesen Typus verblendeter Gewalttäter genannt hat. „Erstaunlicherweise“, sagt Lauder, „kommt der Hass von jungen Menschen, die nicht wissen, was hier vor achtzig Jahren geschah. Die dritte Generation ist ahnungslos, nicht nur in Deutschland, sondern überall. Das müssen wir ändern.“

          Später gibt es einen Imbiss im Kiddusch-Raum, zwei junge Frauen sind dabei, die von Verunsicherung erzählen, aber auch von dem Beistand in den Stunden nach dem Attentat. Ob sie bleiben wollten, fragt Lauder. Ja, sagen sie, das wollten sie. Aber etwas Neues ist dazugekommen, ein Bewusstsein davon, dass es keine Garantien gibt, und wenige Minuten später sagt Ronald Lauder, was er von einem immer noch langsam reagierenden, einem hilflos wirkenden Deutschland hält: „Worte, Worte, Worte! Was wir brauchen, sind Taten.“

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