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Kolumne „Bild der Woche“ : Im Licht des Schattens

  • -Aktualisiert am

Chederschüler, Vrchni Apsa, 1937 Bild: Picture-Alliance

Zwischen 1935 und 1938 fotografierte Roman Vishniac jüdische Armut in Ostmitteleuropa. Seine Bilder sind zu Dokumenten des Verschwindens geworden, sie waren aber so nicht gedacht: Über die Affekte des Gedenkens.

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          Dieses Foto stammt aus dem Buch „A Vanished World“ (Verschwundene Welt) von Roman Vishniac, das 1983 mit einem Vorwort von Elie Wiesel erschien und eine enorme Resonanz fand. Zahlreiche Bücher aus der jüdischen Vorkriegswelt wurden mit diesen Fotos illustriert, sie dienten als visuelle Vorlage für Filme wie „Schindlers Liste“. Vishniac, ein aus Russland stammender Mikrobiologe und Fotograf, hat seine Fotos mehr als vierzig Jahre nach einer Reise durch Osteuropa veröffentlicht.

          Auf den Fotos von 1935 bis 1938 war das Leben von kleinen jüdischen Städten mit ihren frommen und armen Einwohnern zu sehen. Die Jungen in den Jeschiwas und Talmudschulen, Innenräume, von extremer Armut gezeichnet, Melamede, die biblischen Greise, kleine arme Kinder, Dispute unter Rabbinern in einer Synagoge, die in Rembrandt-Licht getaucht ist, Chorsänger mit von innen strahlenden Gesichtern, Händler auf Marktplätzen – es waren Bilder des Schtetls, so wie man sie sich vorstellt. Fromm, arm, mit Kerosinlampe beleuchtet und den alten Büchern treu. Die elegische Trauer des Fotobandes traf die Schtetl-Nostalgie, die ihren Höhepunkt im großen Erfolg des Musicals und des Films „Anatevka“ („Fiddler on the Roof“) erreichte.

          Die Bilder aus Warschau, Lodz, Krakau, Slonim und Lublin prägten Vishniacs Schtetl. Aber die meisten Bilder (wie auch dieses) stammten aus der Gegend von Mukatschewo, dem heute auf ukrainischem Territorium gelegenen Transkarpatien, das damals zur Tschechoslowakei gehörte. Vishniacs Bilderläuterung lautete „Chederschüler, Vrchni Apsa, 1937“. Heute heißt das Dorf Werchnje Wodjane. Als ich nach Vrchni Apsa im Internet suchte, fand ich nichts außer einem Link zu diesem Foto hier, als wäre es tatsächlich alles, was geblieben ist. Wenn man aber nach Werchnje Wodjane sucht, findet man zwar den heutigen Ort, aber keinerlei Erwähnung jüdischen Lebens, als wäre die Erinnerung abstrakt, nicht verortet aus der Konkretheit verschwunden.

          Dieses Foto gibt Einblick in eine jahrhundertelange Tradition. Die Jungen lernen im Cheder (Zimmer), in einer der kleinen Schulen, die überall in den Synagogen existierten. Sie lesen den Pentateuch, die fünf Bücher Mose, mit den Kommentaren des wichtigsten jüdischen Exegeten der Tora, des Gelehrten Raschi, der im elften Jahrhundert im französischen Troyes lebte. Bis heute sind seine Kommentare Grundlage der Exegese. Wahrscheinlich schaut der Junge auf seinen Lehrer, der die lebende Tradition trägt und den wir nicht sehen – aber er ist da. Er wirft seinen Schatten auf die Wand, der vom Schein einer Kerosinlampe überlappt wird. Ein alarmierender Effekt.

          Eine wohlhabende, reformierte, säkulare, bunte Vielfalt eines weltoffenen Judentums kommt in diesem Buch gar nicht zum Vorschein. Im Vorwort beschreibt Vishniac sich als einen Boten, der in Vorahnung der totalen Vernichtung diese gefährliche Reise unternahm. Heutzutage klingt das merkwürdig: Er erklärt seine Intention durch die Katastrophe, die noch nicht stattgefunden hat. Er rechtfertigt sein Fotografieren mit einer versteckten Kamera durch den Drang, diese Welt zu „erhalten“, bevor sie verschwindet, er widersetzt sich dem Rassenwahn Hitlers, der mit der Vernichtung endet, die man damals noch nicht vorhersah – nicht einmal in den schlimmsten Albträumen. Die Fotos sind zu Dokumenten des Verschwindens geworden, sie waren aber nicht als solche gedacht. Aber können wir das voneinander trennen?

          Nirgendwo in diesem Buch oder später erwähnt Vishniac, dass er diese Fotos im Auftrag des American Jewish Joint Distribution Comittee (JDC), einer der größten Wohltätigkeitsorganisationen, unternimmt. Dieser Aufgabe erklärt teilweise, warum sein Blick so stark auf Armut und Tradition fixiert war.

          Fotografiert in der Hoffnung auf Hilfe

          Mit diesen Bildern sollte er die ärmlichen Zustände dokumentieren, um für Hilfe zu werben. Diese Welt wurde – trotz Bedrohung und Verschlechterung der Lage – nicht angesichts des Todes fotografiert, sondern mit der Hoffnung auf Verständnis, Mitgefühl und Hilfe. Die wahre Zielsetzung dieser Fotografie lähmt heute noch mehr als die heroischen Erklärungen des Fotografen.

          Im Archiv von Roman Vishniac in Berkeley befinden sich weitere Hunderte Bilder von dieser Reise. Obwohl sie von enormer ästhetischer Qualität sind und das andere Judentum zeigen, hat Vishniac sie niemals veröffentlicht. Die Untersuchung der Negative verrät, dass er in seiner Absicht, Armut und Gefahr zuzuspitzen, sogar einige Bildunterschriften im Nachhinein manipuliert hat. Hat er versucht, die verschwundene Welt zu mythologisieren? Die Geschichte durch elegische Narrative zu ersetzen? Und warum? „Die auf der ersten Seite abgebildete Kerosinlampe ist heute eine Fackel“, schreibt er in seinem Vorwort, „die zum Gedenken an sechs Millionen Märtyrer brennt.“

          Dieses Pathos wirft bei mir die Frage auf, ob eine richtige Form des Gedenkens überhaupt möglich ist.

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