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Rolling Stones : Ist „Brown Sugar“ ein rassistisches Lied?

  • -Aktualisiert am

Mit oder ohne Filter? Mick Jagger und Keith Richards Anfang Oktober auf der Bühne in Pittsburgh Bild: AP

Paul McCartney beleidigt die Rolling Stones, aber die haben andere Sorgen: Sie haben gerade den Hit „Brown Sugar“ aus ihrem Konzertrepertoire gestrichen. Ist dieser rassistisch, oder klagt er Rassismus an?

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          Was ist denn mit Paul McCartney los? Kaum machte seine rechthaberische Äußerung die Runde, nicht er, sondern John Lennon sei schuld am Ende der Beatles gewesen, folgte schon seine nächste Breitseite in einem Interview mit dem Magazin New Yorker: Die Rolling Stones seien so etwas wie eine „Blues-Coverband“. Die Beatles dagegen hätten „ihr Netz ein bisschen weiter ausgeworfen“ – auch Richtung Schlager, könnten die Rolling Stones nun wohl kontern („Komm, gib mir deine Hand“)?

          Aber die Stones haben gerade andere Pro­bleme, die man vielleicht ernster nehmen könnte. Nachdem sie, nun erstmals ohne den verstorbenen Charlie Watts, ihre Tournee begonnen hatten, war aufgefallen, dass der Hit „Brown Sugar“ nicht mehr auf der Setlist steht. Dazu wurden Mick Jagger und Keith Richards befragt. Der Sänger sagte, das habe nur mit einem ausgewogenen Programm zu tun und keine besonderen Gründe; der Gitarrist hingegen sagte der Los Angeles Times, gewisse „sisters“ wollten „den Song begraben“.

          Wovon handelt der Song?

          Tatsächlich hat das Lied von 1971 schon oft Kritik hervorgerufen. In seinem Refrain singt ein Sklavenhalter in New Orleans: „Brown Sugar, how come you taste so good? / Brown Sugar, just like a young girl should“. Zumal bekannt ist, dass Jagger das Lied zunächst „Black Pussy” nannte, ist wohl unmissverständlich, wovon es handelt (auch wenn manche meinen, es handle von Heroinsucht). Die Frage ist nur, bei Rockmusik wie Gangsta-Rap: Liegt in der Rollenlyrik Affirmation oder Distanzierung?

          Keith Richards meint, es sei doch offensichtlich „ein Lied über die Schrecken der Sklaverei“. Passt es dann gut dazu, wenn ein ganzes Stadion es euphorisch mitsingt und dazu tanzt (vielleicht ja auch gar nicht anders kann bei diesem rhythmisch fast dazu zwingenden Rocksong)? Das ist ein Beleg der Kunstfreiheit und Freiheit der Rezeption, aber für manche vielleicht trotzdem befremdlich. Während die Stones sich, wären sie nur eine Blues-Coverband geblieben, wohl viel Ärger hätten ersparen können, werden sie aber auch verteidigt. Sogar von Frauen, die ihre Texte und die anderer Rockmusiker als misogyn empfinden und trotzdem lieben, wie die Anthologie „Under My Thumb“ von Rhian E. Jones und Eli Davies zeigt. Ihr Untertitel lautet: „Songs that hate women and the women who love them“.

          Noch einmal aber zu „Brown Sugar“: Könnte man das Lied, indem es drastisch den männlichen Blick auf minderjährige Sklavinnen inszeniert, nicht auch als bittere Anklage verstehen, die nichts anderes besagt als John Lennons Protestsong „Woman is the Nigger of the World“, nur weniger direkt? Dazu hat sich Paul McCartney, soweit wir wissen, noch nicht geäußert.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

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