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Autoren- und Urheberrechte : Eine Kriegserklärung an das Buch

  • -Aktualisiert am

Gekapert: Der Karikaturist Ivan Steiger sieht das Buch als Piratenbeute. Bild: Ivan Steiger

Eine von Freibierphantasien benebelte Bibliothekslobby lässt alles digitalisieren und bringt es kostenlos in Umlauf. Und der Bundesgerichtshof gibt auch noch seinen Segen dazu. Es ist eine Schande. Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Winfried Schulzes Lehrbuch „Einführung in die Neuere Geschichte“ war bis März 2009 ein ganz normales, erfolgreiches Standardwerk, das beginnenden Historikern den allgemeinen Horizont ihres Studiengebiets näherbrachte. 1985 erstmals aufgelegt, erschienen bis in die jüngste Zeit immer wieder Auflagen, die auf den neuesten Stand der Forschung hin überarbeitet wurden. Bücher dieser Art, für die es in anderen Fachbereichen Parallelen zuhauf gibt, dienen zur Orientierung. Geschätzt werden sie von Studenten, die ins Studium einsteigen, aber auch zur Vorbereitung aufs Examen.

          Universitätsbibliotheken schaffen von ihnen für den Lehrbuchbereich in der Regel mehrere Exemplare an. In der Universitätsbibliothek Heidelberg etwa finden sich zehn Bände der vierten Auflage, davon eines im Lesesaal, neun ausleihbar in der Lehrbuchsammlung, von denen, während ich das hier schreibe, fünf Exemplare ausgeliehen sind. Das Buch kostet im Buchhandel 19,90 Euro. Der Preis ist mit Blick auf die Auflage so kalkuliert, dass sich Interessierte ein Exemplar auch kaufen können. Bei den aktuellen Margen für ein Abendessen mit Pizza, Salat und Mineralwasser wird man nicht sagen können, dass das überzogen ist. Man schreibt solche Bücher nicht als Qualifikationsarbeit, sondern als zusammenfassende Dienstleistung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Und wenn es einem als Wissenschaftler einmal gelingt, ein Standardwerk zu etablieren, freut man sich vielleicht auch darüber, fünf- bis zehntausend Euro dazuzuverdienen.

          Offenbar mit stillschweigendem Einverständnis des Deutschen Bibliotheksverbandes fasste die Leitung der Universitäts- und Landesbibliothek der TU Darmstadt 2009 den Entschluss, eine Reihe von Lehrbüchern auf den Scanner zu legen und die so hergestellten PDF-Dateien auf einem öffentlich zugänglichen Rechner jedem Interessierten zum Herunterladen über eine USB-Schnittstelle zur Verfügung zu stellen. Jeder Bibliotheksbesucher konnte die Dateien der digitalen Lehrbuchsammlung mit den vollständigen Publikationen ohne irgendeine Kontrolle der Bibliothek auf seinen Stick kopieren. Die Dateien waren dann weiter vervielfältigbar, man konnte beliebige Textpassagen kopieren, und sie konnten vollständig ausgedruckt werden. Diese Dienstleistung erfolgte willkürlich nach Ukas der Geschäftsführung, ohne jede Benachrichtigung, geschweige denn Einverständnis der Rechteinhaber und betraf einschlägige Werke von ungefähr zwanzig Verlagen: Lehrbücher der technischen Mechanik, der Botanik, der chemischen Technologie, der Physik, eine Einführung in die Theorie der Bildung und eben das Geschichtslehrbuch von Schulze, verlegt im Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.

          Eine phantasievolle urheberfeindliche Hermeneutik

          Dies – eine Kriegserklärung des Bibliotheksverbandes an die deutsche Verlagslandschaft und an die Autoren – veranlasste den Eugen Ulmer Verlag dazu, mit Unterstützung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels einen Musterprozess gegen die TU Darmstadt zu führen. Über mehrere Instanzen und differierende Urteile landete er schließlich beim Bundesgerichtshof. Am 16.April 2015 wurde in Karlsruhe das Urteil gesprochen. Es gab der Darmstädter Bibliothek zur Gänze recht. Jetzt liegt die Urteilsbegründung vor.

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