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Roger Köppel und die SVP : Für ihn kann die Welt nicht Schweiz genug sein

Gleich wird er etwas sagen: Roger Köppel vor einem Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch. Bild: Imago

Roger Köppel ist Chefredakteur der „Weltwoche“. Jetzt zieht er für die SVP mit einem Bombenergebnis ins Parlament ein. Er sieht sich als Verteidiger der Werte. Nur welcher?

          Sein Kolumnist muss gehen: Christoph Mörgeli war eines der Aushängeschilder der Schweizerischen Volkspartei SVP in Zürich. Seit Jahren schreibt der Medizinhistoriker jede Woche in Roger Köppels „Weltwoche“. Kürzlich wurde Mörgeli unter unerfreulichen Umständen von der Universität entlassen. Jetzt wurde er auch noch ein Opfer seines Chefredakteurs und Verlegers: Als Quereinsteiger kandidierte Roger Köppel auf der Liste der Schweizerischen Volkspartei für die große Kammer des eidgenössischen Parlaments, den Nationalrat. Er war weit hinter den lokalen Lokomotiven und altverdienten Würdenträgern der Partei plaziert – und hat sie alle überholt. Köppel kam auf Platz eins. Eine der Folgen: Er hat seinen Kolumnisten aus dem Parlament verdrängt. Gleich nach Köppel folgt Nathalie Rickli, die beruflich ebenfalls im Medienbereich tätig ist und sich durch ihren Kampf gegen die Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender einen Namen machte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          In Deutschland ist der strahlende Sieger alles andere als unbekannt. Eine Zeitlang war Roger Köppel Chefredakteur der „Welt“. In den vergangenen Jahren tingelte er durch die Fernseh-Talkshows und verteidigte die Schweiz gegen die Vorwürfe der Steuerhinterziehung und Fremdenfeindlichkeit.

          Gegen die „Masseneinwanderung“

          Köppels „Weltwoche“ unterstützte die Abstimmung gegen die „Masseneinwanderung“, bekämpft die Annäherung an Europa und forderte die Aufgabe der Anbindung des Frankens an den Euro. Lange bevor Angela Merkel die Grenzen öffnete, schlug er in der Flüchtlingsdebatte scharfe Töne an – der Begriff des „Flüchtlingschaos“ ist seit Monaten eines der Leitmotive der „Weltwoche“ und war der thematische Schwerpunkt des SVP-Wahlkampfs. In der Schweiz gibt es Probleme – aber von einem bestehenden „Flüchtlingschaos“ zu reden ist politisch und journalistisch unredlich.

          In jungen Jahren war Roger Köppel als Journalist in der Sportredaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ tätig. Er hat damals als erster Schweizer den Kulturwandel der deutschen Fußballnationalmannschaft erkannt und Lobeshymnen auf Klinsmann – als Spieler – angestimmt. Er war später beim linksliberalen „Tages-Anzeiger“ und bei der „Weltwoche“, die ihm schließlich von einem konservativen Verleger verkauft wurde. Vieles blieb damals im Dunkeln, aber die Übernahme war ein Vermächtnis, dem Köppel mehr als gerecht wurde. Seit Jahren entspricht der redaktionelle Kurs der „Weltwoche“ dem politischen Programm der SVP. Allerdings lässt Köppel auch andere Stimmen zu Wort kommen. Und veröffentlicht Recherchen, die sonst nirgendwo zu lesen sind. Auf dem Theater wurde der Zeitung von Regisseur Milo Rau der Prozess gemacht wegen „Verletzung der gesellschaftlichen Verantwortung“. Er endete mit einem Freispruch.

          Senkrechtstart für den Quereinsteiger

          Chefredakteure im eidgenössischen Parlament waren in früheren Zeiten, als die Zeitungen noch links oder rechts waren, eine Selbstverständlichkeit – links wie rechts. Insofern knöpft Köppel an eine große Tradition an. Dem Quereinsteiger ist ein Senkrechtstart beschieden. Es gibt sogar Spekulation, dass ihn die Partei im November ins Rennen für den Ständerat schicken könnte – in der kleinen Kammer, in die jeder Kanton zwei Vertreter wählen kann, tut sich die SVP schwer, denn trotz eines landesweiten Stimmenanteils von knapp dreißig Prozent bei der Parlamentswahl am Sonntag sind ihre Gegner zahlreicher als die Anhänger. Köppel ist intelligent genug, sich diesen Versuchungen zu entziehen und zunächst ein bisschen auf die Bremse treten.

          Neider gibt es auch in seiner Partei. Die SVP bestimmt seit einem Vierteljahrhundert, in dem sich Christoph Blochers Aufstieg vollzog, das Klima in der Schweiz. Jetzt ist der Patriarch 75 Jahre alt – seine Abwahl aus der Regierung bleibt das schmerzlichste Ereignis seiner Karriere. Ob Köppel, der ihm auf vielfache Weise verbunden ist und die Umstände seines Erwerbs der „Weltwoche“ nie öffentlich gemacht hat, ihn als Minister rächen will, ist ein zweitrangiger Aspekt. Wichtiger ist die Frage nach Köppels Einfluss auf die Zukunft der Partei. Auch Hegemonien dauern nicht ewig – manchmal beginn ihr Niedergang auf dem Höhepunkt der Macht.

          Christoph Blocher hatte Köppel vom Einstieg in die Politik abgeraten: Mit der „Weltwoche“ sei sein Einfluss größer. Blocher muss es wissen, sonst hätte er auf dem Höhepunkt seiner Macht nicht die „Basler Zeitung“ gekauft. Als Politiker ist Roger Köppel ein noch unbeschriebenes Blatt. Als Chefredakteur und Kommentator vertritt er ein missionarisches und defensives Schweizbild. Er kann aber auch originell und geistreich sein. Für seine „Weltwoche“ jedenfalls, die er vermehrt seinen Jüngern wird überlassen müssen, ist seine Wahl ein schwerer Schlag. Als „Prawda“ der SVP hat sie ihren Spielraum schon jetzt gelegentlich über Gebühr ausgereizt. Und vor allem: Seinen Kolumnisten Mörgeli, den die Wähler in der hochgelobten direkten Demokratie in die Wüste schicken konnten, wird Köppel jetzt so schnell nicht mehr los.

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