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Rapper und Rocker in Belarus : Der Alte hat uns die Sonne gestohlen

  • -Aktualisiert am

Will Gewalt und Straßenkämpfe unbedingt vermeiden: Rapper Max Korsch (Mitte) mit Fans vor der Traktorfabrik in Minsk Bild: Tatiana Zenkovich/Epa-Efe/Shutterstock

Die Revolution in Belarus findet ihren Sound: Die Rocker Ljawon Wolski und Sergej Michalok und der Rapper Max Korsch geben der Straße Lieder zum Mitsingen.

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          In ganz Belarus strömen derzeit die Menschen auf die öffentlichen Plätze, um für faire Wahlen, Solidarität und gegen Polizeiwillkür zu demonstrieren. Die popmusikalische Vaterfigur der belarussischen Identität, der Rocksänger Ljawon Wolski, ist in diesen Tagen mehrfach aufgetreten. Der 54 Jahre alte Wolski, der nur auf Belarussisch singt – was im Land nur von einer Minderheit gesprochen wird –, intonierte in Minsk mit Demonstranten seinen Hit von den „Drei Schildkröten“ (Tri Tscharapachy). Es schildert im fröhlichen Volkston Belarus als Nation, die keinen Lenin und keinen Carl von Linné, keinen Salvador Dalí und keinen Bob Marley hervorgebracht habe und noch viel lernen müsse. Umweht von weiß-rot-weißen belarussischen Flaggen erklingen auf den Straßen außerdem Lieder der belarussischen Punk-Rock-Band Brutto, die mit rauher Verve Widerstand, Partisanentum, Mut und Heimat besingen und vielen helfen. Doch auch der Rap hilft, die belarussische Identität zu finden, zumal seit der populärste belarussische Rapper Max Korsch sich den Protesten anschloss. Viele junge Belarussen sagen, seit dem Wahltag hätten sie so etwas wie ihr nationales Bewusstsein entdeckt und trügen das nun auf die Straßen.

          Zu den Minsker Auftritten des 31 Jahre alten Korsch reisen Jugendliche aus praktisch allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion an. Korsch, ein sportlicher, dabei aber bedächtiger und betont zurückhaltender Mann, der sich auch als Dichter versteht, erzählt im rhythmischen Singsang von seinen Eltern, seiner Heimatstadt Minsk und der Schönheit des Landes, das alle Welt einladen möchte. Welch ein Unterschied zu dem aggressiven, fast revolutionären Habitus des ruppigen Brutto-Frontmanns Sergej Michalok, der seit fünf Jahren im ukrainischen Exil lebt. Der 48 Jahre alte Punk-Rock-Star begeistert vor allem die mittlere Generation aller gesellschaftlichen Schichten.

          Die beiden unterschiedlichen Genres Rap und Rock haben früh Ausdrucksformen für das Identitätsgefühl vieler Belarussen gefunden. In beiden Musikrichtungen werden Probleme wie Perspektivlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Korruption angeprangert. Max Korsch, der Stadien mit Fans füllen kann, inszeniert sich als romantischer Held. Auf Youtube gilt er als Jugendbotschafter von Minsk. Er schildert in russischer Sprache Alltagsprobleme, malt aber zugleich in seiner Musik ein liebevolles Bild der Stadt. Sein Rap klingt, als säße ein Krimineller freundschaftlich mit Gästen am Tisch und erzählte ihnen bei Wodka, Kartoffeln und sauren Gurken von den Vorstädten und der Kleinkriminalität in Belarus. Seine harte Sprechweise spielt mit dem Slang der postsowjetischen Gopnik-Kultur straffälliger Jugendlicher.

          Gern stilisiert der Rapper sich aber auch zum Klischeetypus des gemütlichen Belarussen, der sich nicht für Politik interessiert, sondern nur aufs schnelle Geld aus ist. Dann spricht er sanft und etwas belehrend als Mann des Volkes, der wie ein umherziehender Rhapsode den Mythos seiner Konflikte prinzipiell vermeidenden Nation verbreitet. Buchstäblich mythologisch wirkt sein neuestes Lied „Wärme“ (Teplo), das Korsch einen Tag vor der Präsidentenwahl herausbrachte. In gedehnter Diktion und mit bettelnder Stimme schildert er darin ein Belarus, dessen Himmel ständig mit Wolken bedeckt ist, weil ein mysteriöser „alter Weiser“ dem Volk die Sonne gestohlen hat. Das wirkt wie eine geradezu diplomatische Metapher für den belarussischen Präsidenten Alexandr Lukaschenka, der seinem Volk die Freiheit wegnimmt. Der „Weise“ des Liedes redet dem Volk ein, es habe alles zum Glücklichsein.

          Korsch hatte via Facebook seine Fans dazu aufgerufen, sich bei den Demonstrationen zurückzuhalten, wofür einige ihn heftig kritisierten. Daher erklärte er jetzt, er wolle Gewalt und Straßenkämpfe unbedingt vermeiden. Vielmehr wolle er einen Dialog, ein Streitgespräch, weil man nur so zur Wahrheit vorstoße.

          Auch Michalok besingt die Heimat, den Widerstand und seine belarussische Identität, doch die Lieder von Brutto sind, dem programmatischen Namen entsprechend, brutal, schnell und ehrlich. Jeder Belarusse kennt die Texte von Michalok, der wegen seiner Invektiven gegen Präsident Lukaschenka schon 2011 von der Minsker Staatsanwaltschaft vorgeladen wurde. Nachdem er mit seiner damaligen Band Ljapis Trubezkaja auf dem Kiewer Maidan die inoffizielle Maidan-Hymne „Krieger des Lichts“ (Wojne sweta) gespielt hatte, erhielt Michalok 2015 in der Ukraine politisches Asyl.

          Die Musik, die Michalok mit Brutto macht, ist lauter und impertinenter als die von Ljapis Trubezkaja, obwohl er viele alte Lieder mit der neuen Gruppe singt. Man meint, Michalok wolle aus dem Exil der belarussischen Regierung alles ins Gesicht schleudern, was er früher nicht sagen konnte. Die Klänge von Brutto sind dunkel, dräuend, hämmernd. Mit seinen drei Liedern „Sei mutig“ (Budi smelim), „Partisan Rock“ und „Heimatland“ (Rodni Kraj) ruft er ein neues Belarus zum Kampf auf. Seine Schreie, die starken Gitarreneinsätze erinnern an die deutschen Altrocker Rammstein. Bald auf Russisch, bald auf Belarussisch beschwört er die belarussische Identität.

          Die belarussische Revolution braucht sie alle: Korsch, der gleichsam die historische Erfahrung seiner stets von kriegführenden Nachbarländern dominierten Nation verkörpert, weshalb er das eigene wie andere Völker zu beruhigen vermag. Die Legende Wolski. Und Michalok, der die belarussische Sanftheit in Wut und Rebellion umschlagen lassen kann. Für die Proteste liefert der Rocker mit seinem repetitiven, eingängigen Sound die passende Musik. Die Jugend erreicht vor allem Korsch. Doch neuerdings erscheinen auch auf Michaloks Videos Kommentare wie: „Wir brauchen dich und deine Musik hier“ und der Slogan der Opposition: „Lebe, Belarus!“

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