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Gina Thomas (G.T.)

Robert Harris für Chamberlain : Streit um Versuch einer Ehrenrettung

  • -Aktualisiert am

Neville Chamberlain (l.), Edouard Daladier, Adolf Hitler und Benito Mussolini beim Münchner Abkommen Ende September 1938 Bild: Interfoto

Der Bestsellerautor Robert Harris will Neville Chamberlain rehabilitieren. Das trifft in Großbritannien auf heftigen Widerspruch. Die Verfilmung von „München“ facht die Diskussion an.

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          München wird immer wieder als Schimpfwort benutzt, wenn Kritiker meinen, dass gutgläubige Politiker zu nachgiebig sind. Niemand hat stärker zu der Auffassung beigetragen, dass sich Neville Chamberlain im September 1938 in München von Hitler düpieren ließ, als Winston Churchill. Dessen Aufstieg zum Retter der Nation hat Chamberlains Ruf als Versager besiegelt. Diese „Verunglimpfung“ zu korrigieren ist dem Bestsellerautor Robert Harris seit Jahrzehnten ein Anliegen. Seine Ehrenrettung hat Harris in die Form eines Thrillers über die Münchner Konferenz gefasst.

          Die Verfilmung von „München“ durch Christian Schwochow, die jetzt in den Kinos angelaufen ist und von Freitag an auch bei Netflix zu sehen sein wird, hat in Britannien eine neue Debatte um Chamberlains Vermächtnis angestoßen. Harris sieht ihn als tragischen Helden, der in München nobel gescheitert ist. Als großes Verdienst rechnet er ihm an, Zeit für die britische Aufrüstung gewonnen zu haben. Dieses Fazit wird denn auch am Ende des Filmes als Nachwort auf die Leinwand geworfen.

          Tim Bouverie, Autor des Bestsellers „Mit Hitler reden“, widerspricht Harris aufs Heftigste. Zwar sind sich die beiden in der hohen Einschätzung von Chamberlains Fähigkeiten als Gesundheits- und Finanzminister einig, die durch das Scheitern der Appeasementpolitik oft in Vergessenheit geraten sind. Bouverie wirft Chamberlain allerdings in Bezug auf Hitler nicht nur Naivität vor, sondern auch die Eitelkeit, sich seines Fingerspitzengefühls noch gerühmt zu haben. Hitler habe Chamberlains Behauptung, den „Frieden in unserer Zeit“ gesichert zu haben, alsbald als „eine der notorischsten falschen Prahlereien der Geschichte“ bloßgestellt. Außerdem bestreitet Bouverie, dass Chamberlain bloß versucht habe, Zeit zu schinden. Er sei vielmehr überzeugt gewesen, den Krieg verhindert zu haben.

          Der Historiker Robert Tombs zieht eine Parallele zwischen der Münchner Konferenz und den russisch-amerikanischen Gesprächen über die Ukraine. 1938 seien die Tschechen von den Verhandlungen über die Zukunft ihres Land ausgeschlossen gewesen. Jetzt ereile die Europäische Union das gleiche Schicksal, obwohl es um ihre Sicherheit gehe. Tombs, der unlängst warnte, dass die Welt möglicherweise vor einer ähnlichen Katastrophe wie 1914 oder 1939 stehe, ermahnte die heutigen Demokratien, Lehren aus den Fehleinschätzungen der Vergangenheit zu ziehen, zu denen er München zählt. Als Lehrmeisterin hat die Geschichte allerdings meist versagt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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