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Geschlechtergerechte Sprache : Warum korrekte Grammatik keine Gendersternchen braucht

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Psycholinguistische Experimente

Eine genderwillige Germanistin berichtet zur Verteidigung ihrer These eines engen Zusammenhanges zwischen Genus und Sexus von psycholinguistischen Experimenten, die es erlauben, Maskulina nach der Stärke ihres Bezuges auf männliche Stereotype zu ordnen. Personenbezeichnungen wie Terrorist, Spion, Physiker, Lehrer, Sozialarbeiter, Erzieher, Kosmetiker haben danach ein soziales Geschlecht (ein Gender), das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann: „So dürfte bei obiger Abfolge vom Terroristen bis zum Kosmetiker der Grad an männlicher Genderisierung abnehmen.“

Damit hat die Kollegin recht, nur schießt sie ein unhaltbares Eigentor. Denn die beschriebenen und während der vergangenen etwa zwanzig Jahre unendlich oft wiederholten und variierten Assoziationstests zeigen ja gerade, dass von einem Grad an männlicher Genderisierung zu sprechen ist. Absolut genderisiert sind die Wörter nicht. Sie sind aber generisch verwendbar. Ihre Verwendung in Assoziationstests gehört nicht zu denen, die Generizität anzeigen. Der ständige Verweis auf eine „riesige psycholinguistische Forschung“ zur Generizität maskuliner Wörter führt in die Irre.

Der allergrößte Teil maskuliner Personenbezeichnungen ist nicht einfach generisch, sondern allenfalls generisch verwendbar. In „Kommst du mit zum Bäcker“ ist Bäcker generisch verwendet, in „Unser Bäcker flirtet gern mit älteren Damen“ nicht. Das ist bei entsprechenden femininen Personenbezeichnungen anders: Terroristin, Spionin, Physikerin, Lehrerin, Sozialarbeiterin, Erzieherin, Kosmetikerin haben das unabänderliche semantische Merkmal weiblich. Sie sind nicht generisch, sondern grammatisch auf das Merkmal weiblich festgelegt. Der notwendige Schluss ist klar: Ein generisches Femininum gibt es im Deutschen nur bei Einzelwörtern, aber nicht als Strukturmerkmal produktiver Wortableitungen.

Ein Gesetzestext nur für Frauen

Der Bedeutungsunterschied zwischen den Elementen von Wortpaaren wie Richter – Richterin, Spion – Spionin besteht darin, dass Maskulina dieser Art einen differenzierten Bezug auf das natürliche Geschlecht haben, Feminina einen festliegenden auf weiblich. Deshalb ist der Vorwurf, der zuerst vorgelegte Gesetzestext des Justizministeriums adressiere nur weibliche Personen, zutreffend.

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Legt man solche Zusammenhänge in öffentlicher Rede dar, dann kommen in der Regel Zwischenrufe wie „Dann muss man die Sprache eben ändern“. Und gerade lese ich: „Denn es wäre selbstverständlich ohne weiteres möglich, in dem Gesetz zu regeln, dass die weibliche Form auch Männer einschließt und auch sonstige Geschlechteridentitäten“ (F.A.Z. vom 22. Oktober). Juristen haben eine Definitionsgewalt über Rechtsbegriffe, aber nicht über die Grammatik der Gemeinsprache. Bei solchen Einlassungen von Juristen läuft es dem Grammatiker eiskalt über den Rücken. Alles falsch, von der Wortwahl bis zum Sprachbegriff selbst, und hochgefährlich ist es auch. Zerstören kann man eine gewachsene Sprache sehr wohl, aber rekonstruieren kann man sie nicht. Das ist eine andere Debatte, an der ich mich, wenn sie kommen sollte, ungern, aber doch beteiligen würde.

Welche Weiterungen die Ersetzung von Maskulina durch Feminina hätte, kommt den Vertretern des Genderismus gar nicht zu Bewusstsein. Allein die Rolle des Genus bei generischen Indefinitpronomina wie wer, irgendwer, niemand, jemand und so weiter, die alle ausschließlich maskuline Formen haben, erforderte einen tiefen Eingriff in die Syntax. Das Deutsche ist ja keineswegs darauf angewiesen, zur Förderung der Sichtbarkeit von Frauen brachiale Maßnahmen wie die beschriebenen zu verwenden. Dass so getan wird, als könne man die Sprache verändern, ohne sie zu kennen, darf nicht zur Gewohnheit werden. Auch wenn man Grammatik nicht mag: Sie allein kann bei strukturellen Fragen zeigen, was geht und was nicht gehen kann.

Der Autor ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam.

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