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Richtfest auf der Museumsinsel : Nennen wir es ein Versprechen

  • -Aktualisiert am

Wie David Chipperfield das Neue Museum in Berlin umbaut, kann sich die Öffentlichkeit am Wochenende genau anschauen. Doch die Öffnung der Baustelle, so dringlich sie erscheint, um die unruhige Neugier zu befriedigen, ist nicht ohne Risiken.

          Kaum ist das vom Publikum bestürmte Bode-Museum (siehe auch: Bode-Museum: Einblicke in ein unvergleichliches Haus) ein wenig zur Ruhe gekommen, da zelebrieren die Staatlichen Museen zu Berlin schon den nächsten Baufortschritt. Am Freitag wird mit Schmaus und Schnaps Richtfest im Neuen Museum gefeiert, das von 2009 an die ägyptischen und frühgeschichtlichen Sammlungen zeigen wird. Drei Tage lang, von Samstag bis Montag, darf dann auch die Öffentlichkeit zum ersten Mal seit Jahren sehen, was aus der Kriegsruine von Friedrich August Stülers fragilem Haus zwischen Lustgarten und Pergamonmuseum geworden ist. Wie kein zweites auf der Insel hat dieser Bau die Emotionen entzündet.

          Wütenden Streit gab es um das Sanierungskonzept des Londoner Architekten David Chipperfield, der sich für eine Erhaltung der Substanz und ihre behutsame Ergänzung in zeitgenössischen Formen entschieden hat, die Nacherfindung des Verlorenen jedoch strikt ablehnt. Dagegen wirbt schon seit Jahren eine Gruppe von Traditions-Fundamentalisten für eine detailgetreue Rekonstruktion des 1859 vollendeten spätklassizistischen Bauwerks, inklusive aller Schmuckdetails und Wandgemälde. Im Frühjahr wurde gar ein Volksbegehren für eine Unterbrechung der Arbeiten in Gang gesetzt, eine Initiative, von der seither nicht mehr viel zu hören war. Doch das könnte sich ändern. Denn die Öffnung der Baustelle, so dringlich sie erscheint, um die Neugier der Öffentlichkeit zu befriedigen, ist nicht ohne Risiken.

          Wo ist es Perfektionsverzicht, wo Baustelle?

          Die Berliner und ihre Gäste werden unvermeidlicherweise einen unfertigen Bau zu sehen bekommen, ein work in progress. Die Fassaden sind noch weithin verhängt, die Wiederaufrichtung der Kolonnaden hat gerade erst begonnen, im Innern verdecken Gerüste und Planen den fein kalkulierten Lichteinfall und versperren wichtige Sichtachsen. Durchgänge sind blockiert, Säulen noch verkleidet, von den Decken baumeln Kabel, und das Finish, das für Chipperfields Architektur so wichtig ist, lässt sich allenfalls ahnen.

          Natürlich gehört solcherlei Provisorisches zu jeder Baustelle, aber im Innern des Neuen Museums könnte das Unvollendete mehr als nur Verwirrung stiften. Allein dem kundigen Auge nämlich erschließt sich, wo die Restauratoren bewusst auf Perfektion verzichtet haben und wo sie einfach noch nicht fertig sind mit ihrer Arbeit. Rätselnd betrachtet man immer wieder Wandflächen, Deckengewölbe oder Türlaibungen und fragt sich: Werden diese Risse, Scharten, Fehlstellen auch bei der Wiedereinweihung des Neuen Museums in zwei Jahren zu sehen sein? Werden sie unter Putz und Farbe verschwinden? Oder werden sie nur abgemildert, aber lesbar bleiben? Just diese subtile Verunsicherung führt ins Zentrum von Chipperfields intellektueller Anstrengung - und in das Herz der Kontroversen.

          Ein Museum der Baugeschichte des Neuen Museums

          Ganz wie es der herrschenden Denkmalpflege-Lehre entspricht und in jedem italienischen Palazzo praktiziert wird, haben Chipperfield und seine Bauherren von den Staatlichen Museen das, was Bomben und jahrzehntelanger Verfall von Stülers Bau übriggelassen haben, für unantastbar erklärt. Diese Reste werden mit der gleichen Sorgfalt, ja Ehrfurcht behandelt wie die Trümmer eines antiken Tempels. „Ruinen-Fetischismus“ hat man Chipperfield deshalb vorgeworfen.

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