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Richters Domfenster : Altbackene Vorurteile eines Kardinals

„Das Fenster passt nicht in den Dom”: Kardinal Meisner Bild: ddp

„Es passt eher in eine Moschee oder ein Gebetshaus“: Joachim Kardinal Meisner missbilligt das abstrakte Fenster, das Gerhard Richter für den Kölner Dom gestaltet hat. Ernst zu nehmen ist seine Kritik nicht. Von Andreas Rossmann.

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          Jetzt ist er aus der Schmollecke herausgetreten und hat bestätigt, worüber in den letzten Tagen in Köln geklatscht und spekuliert wurde: Joachim Kardinal Meisner missbilligt das abstrakte Fenster, das Gerhard Richter im Auftrag des Metropolitankapitels für das Südquerhaus des Doms gestaltet hat (siehe auch: ). „Das Fenster passt nicht in den Dom. Es passt eher in eine Moschee oder ein Gebetshaus“, sagte der Erzbischof am Rande der Caritas-Schiffstour „Alt und Jung in einem Boot“ in Düsseldorf dem „Express“: „Wenn wir schon ein neues Fenster bekommen, dann soll es auch deutlich unseren Glauben widerspiegeln und nicht irgendeinen.“

          Befremdend an diesem Verdikt ist auch die Beiläufigkeit, mit der es in Umlauf gesetzt und zugespitzt wird: Am Rande eines Gottesdienstes auf der „MS RheinEnergie“ vertraut Meisner seine Auffassung über ein auch theologisch relevantes Thema einem Boulevardblatt an und schließt sie kurz mit der heftigsten lokalpolitischen Debatte, die Köln seit Wochen bewegt. Dem Rang des Künstlers, seinem Werk und dem Ort, für den es geschaffen ist, wird das nicht gerecht.

          Position des neunzehnten Jahrhunderts

          Sehr ernst kann es dem Kardinal mit seiner Meinung nicht sein, und ernst ist sie, auch wenn sein Amt und seine Autorität gegen diesen Schluss sprechen, auch nicht zu nehmen. Denn in der Sache ignoriert sie, dass in der Kathedrale, begründet in den Fenstern des Domumgangs und fortgesetzt im Obergaden, eine ungegenständliche Gestaltung Tradition hat. Diese ist keineswegs nur in den vom Bildverbot bestimmten Zisterzienserkirchen wie dem nahe gelegenen Altenberger Dom, sondern auch in Bischofskirchen präsent. Sie hat - herausragend sind die um 1260 (mithin fast gleichzeitig mit den ersten Kölner Fenstern) entstandenen „Fünf Schwestern“ in der Kathedrale von York - große Kunstwerke hervorgebracht.

          Das Fenster des Meisnerschen Anstoßes

          Es ist das gute Recht des Kardinals, sich kritisch auf eine Position des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuziehen - als hätte es Kandinskys Aufsatz „Über das Geistige in der Kunst“ von 1911 nicht gegeben. Doch wenn er damit mehr als nur belächelt werden will, sollte er sie auf einem Podium, wie es das Domforum vis-à-vis der Kathedrale bietet, darlegen. So aber bedient er altbackene Vorurteile, die dem Werk eine metaphysische Dimension absprechen, die es schon bei seiner Weihung, an der Meisner nicht teilnahm, aufscheinen ließ: In Richters Fenster kommt ein mittelalterliches Lichtverständnis zum Tragen, das das Prinzip der Diaphanie in gesteigerter Form erfahren lässt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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