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Restitution : Auf der Spur der Bilder

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Ihrer Familie gehörte das Original, lange Jahre blieb ihr nur die Reproduktion: Maria Altmann vor einem Nachdruck des „Porträts von Adele Bloch-Bauer” Bild: AP

Von den Nationalsozialisten enteignet, von uns vergessen: Ein Buch erzählt von den Schicksalen jüdischer Kunstsammler - und davon, wie man nach 1945 mit ihnen umging.

          Leo Bendel war in der Tabakbranche tätig. 1868 im heute polnischen Strzyow geboren, hatte er die Gastwirtstochter Else Helene Marie Golze geheiratet; das kinderlose Ehepaar lebte im gutsituierten Berliner Bezirk Dahlem und pflegte eine kleine Sammlung mit deutscher Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, darunter Werke von Wilhelm Trübner, Hans Thoma und zwei besonders schöne Gemälde mit dem typisch leisen Humor von Carl Spitzweg: „Justitia“ und „Der Hexenmeister“. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete das Ende eines komfortablen Lebens. Als Jude wurde Bendel, Generalvertreter der Tabakfirmen Ermeler und Job, 1935 entlassen. Um die Auswanderung vorzubereiten, trennte sich das Paar in Etappen von Kunstwerken und erst der Arbeitszimmer-, dann auch der Esszimmerausstattung: Der Rauchtisch, die Mercedes-Schreibmaschine, Ledersessel und Telefunken-Radio wurden verscherbelt. Im Frühsommer 1937 wanderten die Bendels nach Wien aus, doch auch dort waren sie nicht lange sicher.

          Zwar legte Bendel seine polnische Staatsbürgerschaft ab und ließ sich mit seiner Frau katholisch taufen, dennoch führte ihn die Gestapo in Wien im September 1939 während der Massenverhaftungen männlicher staatenloser Juden ab. Er wurde in einem Viehwaggon in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er am 30. März 1940 um 2.35 Uhr starb, akribisch dokumentiert unter der laufenden Nummer 1058. Seine Witwe erhielt aus seiner Hinterlassenschaft „eine Strickjacke, ein Paar Hosenträger, eine Brille, einen Riemen und 3,20 Reichsmark“.

          Ihr Hilferuf blieb ungehört, ihr Spitzweg hängt heute in der Kunsthalle

          Nach der Barbarei des Dritten Reichs hatte Else Bendel in Wien unter Armut zu leiden - und an der Kaltherzigkeit der Behörden. Als sie ihre Arbeit als Putzfrau 1952 verlor, lehnte der Wiener Magistrat ein Unterstützungsgesuch bei der Opferfürsorge ab, da sie keine Österreicherin war. 1954 machte sie in Berlin bei den deutschen Behörden Entschädigungsansprüche geltend: „Ich bin außerstande, irgend etwas dazu zu verdienen, und erlaube mir an meine Heimatstadt, diese meine Bitte zu richten. Bitte weisen Sie eine alte, kranke Frau nicht ab, mein Lebensabend ist ein so trauriger und meine Daseinsjahre sind ja die längsten gewesen.“

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          Sie starb 1957, bevor über ihren Antrag entschieden worden war. Mit ihrem Tod wurde der Antrag abgelehnt, denn nur Ehegatten, Kinder, Enkel oder Eltern waren zur Entschädigung berechtigt. Erst die Washingtoner Konferenz 1998, bei der sich 44 Staaten einigten, Raubkunstfälle aufzuklären, brachte den Stein wieder ins Rollen. Die Nachkommen von Elses Schwester Margarethe engagierten Historiker, um der Kunstsammlung auf die Spur zu kommen. Sie brachten in Erfahrung, dass ihr Onkel Leo Bendel im Juni 1937 mit den zwei Spitzweg-Bildern nach München gefahren war und sie der jüdischen Galerie Heinemann verkauft hatte. Wenig später erwarb Caroline Oetker, Ehefrau des Backpulverfabrikanten August Oetker, den „Hexenmeister“. Das Werk befindet sich noch heute in der Kunsthalle Bielefeld.

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