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Boko Haram : Sie befahlen uns, zu töten

  • -Aktualisiert am

Einigen jungen Boko-Haram-Kämpfern ist die Flucht aus Nigeria gelungen. Sie stellten sich in Ngouboua den tschadischen Behörden. Bild: Tomaso Clavarino

Boko Haram hat in Nigeria Tausende massakriert. Sie ermorden die Männer, vergewaltigen die Frauen und zwingen die Söhne in ihre eigenen Reihen. Auch in den Nachbarländern ist niemand sicher. Eine Reportage aus dem Tschad.

          5 Min.

          In der Luft hängt noch immer Aschegeruch, ausgebrannte Autos stehen in der Gegend herum. Die Häuser sind vollkommen zerstört, die Dächer sind eingestürzt, die Mauern rußgeschwärzt, verkohlte Holzbalken finden sich auf der Erde. Der Ort Ngouboua macht einen gespenstischen Eindruck. Fischerboote liegen am Ufer des Tschadsees, fast alle der kleinen Läden sind geschlossen, der Markt ist wie ausgestorben. Ein paar junge Frauen sitzen an Straßenecken und versuchen, den Passanten Brot zu verkaufen. Seit dem 13. Februar, als etwa vierzig bewaffnete Angehörige der Terrorgruppe Boko Haram dieses kleine tschadische Dorf auf einer der Inseln im viertgrößten afrikanischen Binnensee überfielen, sind ein paar Monate vergangen, aber die Atmosphäre ist noch immer von Angst und Unruhe erfüllt.

          Siebentausend Nigerianer, deren Angehörige und Freunde in der Stadt Baga massakriert worden waren, hatten in den Monaten vor dem Überfall hier Zuflucht gesucht. Tausende sind aus Angst vor Boko Haram schon weitergezogen. Inzwischen greifen die von den Armeen Tschads, Nigerias, Nigers und Kameruns gejagten Islamisten auch tschadische Dörfer an. Sie haben ihren Operationsradius erheblich ausgeweitet. „Der Angriff am 13. Februar war der erste auf tschadischem Gebiet, und es gab dann noch viele andere“, sagt Amdallah Mallaye, der Polizeichef von Ngouboua. „Die Bevölkerung lebt in Angst und Schrecken.“ Die Menschen seien aus dem Ort Tchoukou Telia geflohen. Dort seien ein paar Wochen zuvor sieben Zivilisten in einem Hinterhalt von Boko Haram getötet worden. Auch die Bewohner anderer Inseln des Tschadsees seien auf der Flucht. Armee und Polizei suchten auf diesen schwer zugänglichen Inseln nach den Terroristen. „Aber das ist nicht so einfach, sie halten sich in der dichten Vegetation versteckt“, sagt der Polizeichef. „Die Bedingungen für eine Intervention sind schwierig, da die Terroristen sich unter der Zivilbevölkerung verbergen. In der letzten Zeit haben sich Männer aus Tschad und Niger Boko Haram angeschlossen, weil ihnen Geld versprochen wurde, aber auch aus religiösem Fanatismus.“

          Schreckliche Ideen im Kopf und eine Waffe in der Hand

          Doch nicht nur auf diese Weise sammeln die Islamisten Truppen. Boko Haram rekrutiert seine Kämpfer mit Gewalt. Jugendliche aus Nigeria und anderen Ländern werden gefangengenommen und einer Gehirnwäsche unterzogen. Anschließend drückt man ihnen eine Kalaschnikow in die eine Hand und eine Machete in die andere. Viele haben das erlebt, so auch Djibrine, ein Zwölfjähriger aus dem Osten des Tschad. „Vor einem Jahr zogen wir los, ich und ein paar Jungs aus unserem Dorf“, sagt er. Im Norden Nigerias, im Bundesstaat Borno, hätten sie dann eine Koranschule besucht. Djibrine hockt auf dem Boden, umringt von etwa zwanzig tschadischen Soldaten, und erzählt: Wenig später habe eine Gruppe von Bewaffneten das Dorf und die Schule angegriffen. Die Jungen wurden gefangengenommen, alle anderen getötet. „Sie fingen an, uns schreckliche Ideen in den Kopf zu setzen. Sie versprachen uns, dass wir ins Paradies kommen, und gaben uns Geld. Sie zwangen uns zu töten, wenn wir nicht wollten, dass wir selbst getötet würden.“ Djibrine gehört, genau wie Djido Moussa, zu einer Gruppe von elf jungen Boko-Haram-Kämpfern, denen die Flucht aus Nigeria gelang und die sich in Ngouboua den tschadischen Behörden stellten.

          Junge nigerianische Flüchtlinge spielen im Flüchtlingscamp Dar es Salaam Fußball.

          In dieser Region, einer der ärmsten und instabilsten des Kontinents, die ohnehin schon mit Unterernährung, Cholera und Malaria zu kämpfen hat, entfaltet sich ein Konflikt, der für die Zukunft Afrikas entscheidend sein wird. Die Präsidenten der vier Anrainerstaaten des Tschadsees haben unlängst die Vernichtung von Boko Haram mit allen Mitteln zu ihrem obersten Ziel erklärt und erste, keineswegs halbherzige Maßnahmen ergriffen. Aber während in Nordnigeria die Armeen kämpfen, erreichen jede Woche Tausende von Flüchtlingen und Vertriebenen, zu Fuß oder in kleinen Pirogen, Dörfer wie Bagasola und Fourkuloum. Sie wollen der Gewalt entkommen und, nachdem sie mehr oder weniger alles verloren haben, sich ein neues Leben aufbauen.

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