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Religionskritik : Was führen die Atheisten im Schilde?

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Für Atheisten ist die Religion ein Gift Bild: dpa

Der abgelehnte Gott ist Mode: Dem Fortschritt steht der Glaube nur im Weg, sagen Kritiker wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens. Doch ohne Religion kommen selbst ihre Kritiker nicht aus. Und mancher Atheist ähnelt in seinem universalen Eifer seinem bekämpften Gegner.

          12 Min.

          Eine Atmosphäre moralischer Panik umgibt die Religion. Unlängst noch als ein zunehmend irrelevantes Relikt von Aberglauben betrachtet, wird sie inzwischen für die schlimmsten Übel auf der Welt verantwortlich gemacht. Gleichzeitig ist eine wahre Flut von Büchern über uns hereingebrochen, die für den Atheismus werben. Noch vor wenigen Jahren hätte ein Publikumsverlag nicht im Traum daran gedacht, Bücher über Religion herauszubringen. Heute finden religionskritische Abhandlungen wie „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins und „Gott ist nicht groß“ von Christopher Hitchens reißenden Absatz.

          Zum ersten Mal seit Generationen diskutieren Wissenschaftler, Philosophen, prominente Schriftsteller und Journalisten darüber, ob Religion eine Zukunft hat. Und die Debatte ist keineswegs einseitig, denn es gibt auch Gegenstimmen wie den britischen Theologen Alister McGrath mit „Der Atheismus-Wahn“. Doch in erster Linie sind es die Gottesleugner, deren Werke auf den Bestsellerlisten erscheinen, und es lohnt sich, nach den Gründen dafür zu fragen.

          Der abrupte Wandel in der Wahrnehmung von Religion ist nur teilweise mit dem Terrorismus zu erklären. Die Attentäter vom 11. September betrachteten sich als Märtyrer in einer religiösen Tradition, deren Selbstverständnis vom Westen akzeptiert wurde. Und in manchen Kreisen wird der Aufstieg des islamischen Fundamentalismus als eine Gefahr gesehen, die mit den schlimmsten Bedrohungen für die freiheitlichen Gesellschaften im zwanzigsten Jahrhundert zu vergleichen ist.

          Vergleicht den Glauben mit einem Virus: der Oxforder Biologe Richard Dawkins
          Vergleicht den Glauben mit einem Virus: der Oxforder Biologe Richard Dawkins : Bild: F.A.Z.-Marcus Kaufhold

          Rückschritte der Säkularisierung

          Für Dawkins und Hitchens, Daniel Dennett und Martin Amis, Michel Onfray, Philip Pullman und andere ist Religion ein Gift, das bis heute für Gewalt und Unfreiheit sorgt. Die Vehemenz ihrer Polemik deutet darauf hin, dass ein Umschwung eingetreten ist, so bedeutsam wie der Aufstieg des Terrorismus: Die Säkularisierung geht zurück. Diese Autoren entstammen einer Generation, die gelernt hat, Religion als rückschrittliches Element einer längst überholten Epoche zu betrachten und davon auszugehen, dass mit zunehmendem Wissen die Bedeutung von Religion verblassen wird.

          Im neunzehnten Jahrhundert, als die wissenschaftliche und industrielle Revolution zu rasanten gesellschaftlichen Veränderungen führte, mag das eine vernünftige These gewesen sein. Doch wenn Dawkins, Hitchens und all die anderen noch immer davon überzeugt sind, dass der wissenschaftliche Fortschritt die Religion marginalisiere, so ist das eher ein Glaubensartikel als eine überprüfbare Theorie.

          Die Illusion der säkularen Ära

          Zwar ist in vielen Ländern der Einfluss der Religion spürbar zurückgegangen (Irland ist ein gutes Beispiel aus der jüngsten Zeit), und in England spielt sie für die meisten Menschen kaum noch eine Rolle. Europa ist zum größten Teil areligiös. Doch nichts weist darauf hin, dass dieser Trend unumkehrbar ist oder universelle Gültigkeit hat. Die Vereinigten Staaten sind heute nicht säkularer als vor hundertfünfzig Jahren, als Tocqueville erstaunt war über die Religiosität, der er allenthalben begegnete.

          Die säkulare Ära war in Teilen jedenfalls eine Illusion. Die politischen Massenbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts waren Vehikel für Mythen religiösen Ursprungs, und es ist kein Zufall, dass sich nach dem Scheitern dieser Bewegungen die Religion wieder zurückmeldet. Die gegenwärtige Religionsfeindlichkeit ist eine Reaktion auf diesen Umschwung. Die Säkularisierung befindet sich auf dem Rückzug, und das Ergebnis ist ein missionarischer Atheismus, wie es ihn seit viktorianischen Zeiten nicht mehr gegeben hat.

          Die verborgene Religiösität der Atheisten

          Dieser Atheismus ist ein Spiegelbild des abgelehnten Glaubens. Ein gutes Beispiel ist Philip Pullmans „Der goldene Kompass“, eine subtile, vielschichtige Allegorie, die unlängst außerordentlich erfolgreich verfilmt wurde. Die Parabel behandelt nicht nur die Gefahren des Autoritarismus. Im Grunde geht es Pullman um religiöse Fragen, und seine Parabel ist zutiefst geprägt von dem Glauben, den er angreift. Sein Atheismus steht in der anglikanischen Tradition, in seinem Werk finden sich viele Bezüge auf Milton und Blake. Vor allem mit seiner Auffassung des freien Willens stellt sich Pullman in diese Tradition.

          Der Kampf zwischen freiem Willen und Glauben zieht sich wie ein roter Faden durch seine Geschichte. Die junge Hauptfigur Lyra Belacqua beschließt, den Kampf gegen das Magisterium (Pullmans Metapher für das Christentum) aufzunehmen, weil es den Menschen die Fähigkeit nimmt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen - für Lyra genau das, was den Menschen auszeichnet. Doch die Vorstellung vom freien Willen, die der modernen Auffassung von persönlicher Autonomie zugrunde liegt, ist biblischen Ursprungs (man denke an die Schöpfungsgeschichte). Die Ansicht, die Ausübung des freien Willens gehöre zum Menschsein, ist ein religiöses Erbe, und wie die meisten modernen Formen des Atheismus geht auch die Pullmansche Variante auf das Christentum zurück.

          Missionarischer Atheismus

          Der eifernde Atheismus reproduziert einige der übelsten Eigenschaften von Christentum und Islam. Er ist, wie diese beiden Religionen, ein Projekt, das auf universale Ausbreitung zielt. Für fanatische Atheisten steht außer Frage, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn nur jeder Mensch ihre Sicht der Dinge akzeptiert, und dass eine bestimmte Lebensweise - ihre eigene, entsprechend ausgeschmückt - für jedermann das Beste ist. Natürlich muss der Atheismus keine missionarische Veranstaltung sein. Man kann sehr wohl ungläubig sein und Religionen freundlich tolerieren. Es ist ein seltsamer Humanismus, der ein zutiefst menschliches Bedürfnis verdammt. Aber genau das tun die militanten Atheisten, wenn sie den Glauben dämonisieren.

          Ein eigentümliches Merkmal dieses Atheismus ist, dass einige seiner leidenschaftlichsten Verfechter Philosophen sind. Daniel Dennett behauptet (in „Breaking the Spell - Religion as a Natural Phenomenon“), eine allgemeine Religionstheorie zu formulieren. Tatsächlich ist es nicht viel mehr als eine Polemik gegen das amerikanische Christentum. Dieser enge Horizont zeigt sich auch in seiner Interpretation von Religion als dem Glauben, dass zur Deutung der Welt eine übernatürliche Instanz nötig sei. Aus Dennetts Sicht versuchen Religionen etwas, was die Wissenschaft viel besser kann - sie sind rudimentäre oder untaugliche Theorien oder schlicht Unsinn. „Die Annahme, dass Gott existiert“, erklärt er streng, „ist nicht einmal eine Theorie.“

          Religion ist keine rudimentäre Wissenschaft

          Religionen bestehen aber nicht aus Annahmen, die zu Theorien aufsteigen wollen. Im Mittelpunkt der Ostkirche steht die Unbegreiflichkeit Gottes, und im orthodoxen Judentum ist die Praxis wichtiger als die Lehre. Für den Buddhismus wie für die traditionellen islamischen Sufis gibt es auf der spirituellen Ebene keine Wahrheit. Der Hinduismus hat sich nie als Glauben definiert. Nur einige christliche Traditionen haben, unter dem Einfluss der griechischen Philosophie, versucht, aus der Religion eine Theorie zur Erklärung der Welt zu machen.

          Die Vorstellung, Religion sei eine unentwickelte Form von Wissenschaft, wurde im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert in James George Frazers „Der goldene Zweig“ popularisiert, einer Studie über die Mythen primitiver Völker. Für Frazer bestand ein enger Zusammenhang zwischen Religion und Magie. Beides gründete in Furcht und Unwissenheit, war ein Überbleibsel aus der Anfangszeit der Menschheit und würde mit fortschreitendem Wissen verschwinden. Dennetts Atheismus ist nicht mehr als ein Aufguss des Frazerschen Positivismus. Die Positivisten glaubten, durch den Ausbau von Schiffsverkehr und Telegraphenverbindungen werde mit der Religion auch alles irrationale Denken verschwinden.

          Ungeachtet der Geschichte des letzten Jahrhunderts vertritt Dennett einen ganz ähnlichen Standpunkt. In einem Interview, das auf der Website der Edge Foundation nachzulesen ist, sagt er voraus, dass sich „in etwa 25 Jahren fast alle Religionen in völlig andere Phänomene entwickelt haben werden, so dass ihnen von den meisten Leuten nicht mehr die Ehrfurcht entgegengebracht wird, die heute üblich ist“. Grund dafür, so Dennett, sei die „weltweite Ausbreitung der Informationstechnologie (Internet, Mobiltelefon, tragbare Radios und Fernseher)“. Er übersieht offenbar, dass auch die Taliban über Handys verfügen und im Internet eine virtuelle Al Qaida aktiv ist.

          Kontrolle und Sinn

          Die Fortentwicklung des Wissens ist eine Tatsache, die nur von postmodernen Relativisten geleugnet wird. Wissenschaft ist das beste Instrument, das wir haben, um uns ein zuverlässiges Bild von der Welt zu machen, aber sie unterscheidet sich nicht von Religion, wenn sie eine Wahrheit offenbart, die die Religion in Träumen verhüllt. Wissenschaft und Religion sind Zeichensysteme, die menschlichen Bedürfnissen dienen - im Falle der Wissenschaft dem Wunsch nach Vorhersage und Kontrolle. Religionen dienen vielerlei Zwecken, aber im Kern entsprechen sie dem Streben nach Sinn, dem Mythen sehr viel eher gerecht werden als wissenschaftliche Erklärungen. Die moderne Philosophie besteht zu einem großen Teil aus säkularen Mythen - ausgehöhlten religiösen Erzählungen, übersetzt in Pseudowissenschaft. Dennetts Auffassung, neue Kommunikationstechnologien würden das Denken grundsätzlich verändern, ist solch ein Mythos.

          In seinem Buch „Der Gotteswahn“ vergleicht Dawkins den Glauben mit einem Virus: Religiöse Ideen sind Meme, die anfällige Menschen (besonders Kinder) infizieren. Biologische Metaphern mögen manchmal sinnvoll sein - fanatische Atheisten etwa sind besonders anfällig für Infektionen durch religiöse Meme. Andererseits sind solche Vergleiche sehr gefährlich. Dawkins widmet sich vor allem der realen Unterdrückung, die von Religionen praktiziert wird. Weniger Aufmerksamkeit schenkt er der Tatsache, dass einige der brutalsten Verbrechen der neueren Zeit von Regimen verübt werden, die ihre Greueltaten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen begründeten.

          Die Rassenlehre der Nationalsozialisten und der dialektische Materialismus der Sowjets haben die unendliche Komplexität der menschlichen Existenz auf die tödliche Einfachheit einer wissenschaftlichen Formel reduziert. In beiden Fällen handelte es sich um eine Pseudowissenschaft, die seinerzeit aber als gültig angesehen wurde, nicht nur von den betreffenden Regimen. Wissenschaft kann, wie jede menschliche Erfindung, für unmenschliche Zwecke missbraucht werden. Angesichts der Autorität, die die Wissenschaft genießt, ist das Risiko eines solchen Missbrauchs besonders groß.

          Hat Atheismus Einfluss auf diktatorische Systeme?

          Moderne Religionskritiker offenbaren ein ausgeprägtes Desinteresse an der Geschichte atheistischer Regime. Der Amerikaner Sam Harris argumentiert in seiner Studie „The End of Faith - Religion, Terror and the Future of Reason“, dass die Religion, historisch gesehen, die wichtigste Quelle von Gewalt und Unterdrückung sei. Zwar hätten säkulare Despoten wie Stalin und Mao gigantischen Terror verübt, die Unterdrückung habe aber nichts mit ihrer Ideologie des „wissenschaftlichen Atheismus“ zu tun - diese Regime seien eben Diktaturen gewesen. Aber könnte es nicht einen Zusammenhang geben zwischen ihrem Bestreben, die Religion abzuschaffen, und der Unfreiheit?

          Mao, der seinen Angriff auf die Tibeter und ihre Kultur unter der Losung „Religion ist Gift“ führte, hätte vermutlich widersprochen, dass sein Atheismus keinen Einfluss auf seine Politik habe. Gewiss wurde er, wie Stalin, wie ein Halbgott verehrt. Aber der Personenkult in der Sowjetunion und in China war kein Widerspruch zum Atheismus. Hier wurde vorgeführt, was passiert, wenn der Atheismus ein politisches Projekt wird. Das Ergebnis ist eine Ersatzreligion, die nur mit tyrannischen Mitteln aufrechterhalten werden kann.

          Atheismus als Motiv nationalsozialistischer Verbrechen

          Ähnliches geschah im nationalsozialistischen Deutschland. Dass die Verbrechen der Nationalsozialisten etwas mit Atheismus zu tun haben könnten, wird von Dawkins bestritten. „Entscheidend ist nicht“, erklärt er in „Der Gotteswahn“, „ob Hitler und Stalin Atheisten waren, sondern ob der Atheismus systematisch Menschen dazu bringt, Schlimmes zu tun. Dafür gibt es nicht den geringsten Beweis.“ Das ist naiv. Hitler, ein großer Freund der Wissenschaften, war tief beeindruckt von einem vulgarisierten Darwinismus und der Eugenik, die aus dem Materialismus der Aufklärung hervorgegangen waren.

          Die Judenverfolgung stützte sich auf einen christlichen Antisemitismus, der von den Kirchen in erschreckendem Ausmaß mitgetragen wurde. Doch es war die nationalsozialistische Rassenlehre, die den Boden für ein beispielloses Verbrechen bereitete. Hitlers Weltanschauung war die vieler Halbgebildeter im Europa der Zwischenkriegszeit, eine Mischung aus Pseudowissenschaft und Religionsfeindlichkeit. Es dürfte außer Frage stehen, dass diese Form von Atheismus die Verbrechen der Nationalsozialisten ermöglichte.

          Religiöse Substrate säkularer Theorien

          Heutzutage sind die meisten Atheisten bekennende Liberale. Sie wollen (erklären sie jedenfalls) kein atheistisches Regime, sondern einen säkularen Staat, in dem die Religion keine Rolle spielt. Offenbar sind sie überzeugt davon, dass die Religion in einem solchen Staat immer bedeutungsloser wird. Indes hat die säkulare Verfassung der Vereinigten Staaten nicht für eine säkulare Politik gesorgt. Der christliche Fundamentalismus ist dort stärker als anderswo auf der Welt. Moderne Religionskritiker wollen mehr als nur die Trennung von Kirche und Staat, sie wollen alle Spuren von Religion aus öffentlichen Einrichtungen verbannen. Dummerweise sind viele ihrer Begriffe, auch ihre Vorstellung von Religion, vom Monotheismus geprägt. Der säkulare Fundamentalismus stützt sich auf ein Geschichtsbild, das ohne Religion nicht denkbar wäre.

          Das Problematische an diesem Geschichtsbild ist der Gedanke, der wissenschaftliche Fortschritt könne auf Ethik und Politik übertragen werden. Tatsächlich nimmt unser Wissen zu, doch auf die Gesellschaft wirkt sich das nicht aus. Die Sklaverei wurde im neunzehnten Jahrhundert in weiten Teilen der Welt abgeschafft, aber im Faschismus und Kommunismus kehrte sie massenhaft wieder, und es gibt sie noch heute. Folter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg international geächtet, doch zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird sie vom führenden Staat der freien Welt akzeptiert. Die Menschen leben länger und töten einander in immer größerer Zahl. Wir wissen immer mehr, aber der Mensch bleibt, der er ist.

          Selbsttäuschungen liberaler Atheisten

          Fortschrittsgläubigkeit ist ein Relikt der christlichen Sicht von Geschichte als einer universellen Entwicklung. Jeder rigorose Atheismus müsste dies in Frage stellen. Das hat Nietzsche in seiner Religionskritik getan, aber praktisch keiner der modernen säkularen Missionare ist seinem Beispiel gefolgt. Was zweifellos damit zu tun hat, dass Nietzsche keinen Zusammenhang zwischen Atheismus und liberalen Werten sah. Im Gegenteil, liberale Werte betrachtete er als Ergebnisse des Christentums, und nicht zuletzt deswegen verurteilte er sie. Dagegen verstanden sich militante Atheisten als Verteidiger liberaler Freiheiten - ohne anzuerkennen, dass die Religion bei ihrer Entwicklung eine Rolle gespielt haben könnte.

          Von den heutigen antireligiösen Polemikern beruft sich nur der Franzose Michel Onfray auf Nietzsche. Seine Studie „Wir brauchen keinen Gott“ übertrifft alles, was angelsächsische Autoren zu diesem Thema geschrieben haben. Erfrischenderweise betrachtet Onfray den eifernden Atheismus als unbewusste Imitation traditioneller Gläubigkeit: „Viele militante Säkularisten muten wie Priester an. Schlimmer noch, wie Karikaturen von Priestern.“ Er erkennt deutlicher als seine angelsächsischen Kollegen, wie sich die Religion auf das säkulare Denken auswirkt: Die großen Vertreter des Toleranzgedankens sind John Locke, der die Religionsfreiheit aus explizit christlicher Sicht verteidigte, und Baruch Spinoza, der jüdische Rationalist, der zugleich Mystiker war.

          Doch Onfray hat nur Verachtung für die Traditionen, in denen diese Philosophen standen - namentlich für den jüdischen Monotheismus: „Es gibt keine offizielle Geburtsurkunde für die Anbetung eines einzigen Gottes“, schreibt er. „Aber die Abstammung ist klar: die Juden erfanden sie, um den Zusammenhalt und Bestand ihrer kleinen, bedrohten Gemeinschaft zu sichern.“ Es mag sein, dass die Juden den Monotheismus entwickelt haben, aber das Judentum ist keine missionarische Religion. Der fundamentalistische Atheismus, der die ganze Welt missionieren will, steht eher Christentum und Islam nahe.

          Islamofaschismus und Islamoleninismus

          Die heutigen Religionskritiker vergessen, dass die glaubensbegründeten Gewaltexzesse des vergangenen Jahrhunderts säkularer Natur waren. In gewisser Weise gilt das auch für die aktuelle Welle des Terrorismus. Der fundamentalistische Islam besteht aus Strömungen, deren Vertreter nicht durchweg gewaltbereite Dschihadisten sind. Einige sind strikte Gegner von Al Qaida, in der Mehrzahl sind es Fundamentalisten, die zur verlorenen Reinheit der islamischen Tradition zurückkehren wollen und gleichzeitig an einer radikalen säkularen Ideologie festhalten. Es ist Mode geworden, von Islamofaschismus zu sprechen, und islamistische Parteien haben gewiss einiges mit faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit gemeinsam, nicht zuletzt mit dem Antisemitismus.

          Aber sie sind auch, vielleicht sogar in noch stärkerem Maß, von linksextremen Ideologien geprägt, so dass es wohl zutreffender wäre, viele von ihnen als Islamo-Leninisten zu bezeichnen. Auch die Methoden islamistischer Terrorgruppen gehen auf säkulare revolutionäre Bewegungen zurück. Die Geiselhinrichtungen im Irak sind exakte Kopien der revolutionären Tribunale im Europa der siebziger Jahre, wie sie etwa von den Roten Brigaden inszeniert wurden, die 1978 den italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro hinrichteten. Man muss nicht an den Fortschritt glauben, um zu wissen, dass es sich lohnt, die freiheitlichen Gesellschaften zu verteidigen. Niemand wird bezweifeln, dass sie etwa der Tyrannei afghanischer Taliban überlegen ist. Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Der Islamismus mit seinen inneren Konflikten und ohne das industrielle Fundament, über das Faschismus und Kommunismus verfügten, ist längst nicht so gefährlich wie diese beiden Systeme.

          Säkulare Utopien im Namen des Konservatismus

          Martin Amis schreibt in seinem Buch „The Second Plane“, dass die Gegner von Religion intellektuell und moralisch unangreifbar seien. Religion ist etwas Schlechtes, das steht fest, und sie hat im Westen auch keine Zukunft. Für den Autor von „Koba der Schreckliche“ - einer forensischen Auseinandersetzung mit den Illusionen der prosowjetischen Intellektuellen im Westen - ist diese Gewissheit erstaunlich. Die Intellektuellen, deren Wahn er seziert, wandten sich dem Kommunismus als einer Art Hilfsreligion zu, und am Ende rechtfertigten sie Stalin.

          Gibt es heutzutage wirklich keine vergleichbaren Wahnvorstellungen? Manche Neokonservative (wie etwa Tony Blair, der bald in Yale Religion und Politik unterrichten wird) verbinden militante Fortschrittlichkeit mit religiösem Glauben. Die meisten Neokonservativen sind säkulare Utopisten, die Präventivkriege rechtfertigen und Folter entschuldigen, weil sie zu einer strahlenden Zukunft führt, in der die ganze Welt zur Demokratie bekehrt wird. Selbst im Westen, der sich so überlegen fühlt, hat messianische Politik nichts von ihrer gefährlichen Anziehungskraft verloren.

          Die Widerstandskraft der Religion

          Die Religion ist nicht verschwunden. Sie zu unterdrücken ist, als wollte man die Sexualität unterdrücken - ein sinnloses Unterfangen. Im zwanzigsten Jahrhundert, als die Religion mächtige Staaten und Massenbewegungen beeinflusste, trug sie zum Aufkommen des Totalitarismus bei. Heute ist ein Klima der Hysterie das Ergebnis. Am Gottesglauben ist nicht alles wertvoll oder verehrungswürdig. Da ist die hässliche, von den meisten säkularen Humanisten geteilte Wahnvorstellung, dass die Erde dem Menschen untertan sei.

          Da ist der Anspruch religiöser Instanzen, aber auch atheistischer Regime, die den Menschen vorschreiben wollen, wie ihre Sexualität aussehen soll, unter welchen Umständen Geburtenkontrolle erlaubt ist und ob sie ihr Leben beenden dürfen - ein Anspruch, der kategorisch abzulehnen ist. Niemand sollte die Freiheit auf diese Weise einschränken dürfen, und keine Religion hat das Recht, den Frieden zu stören.

          Doch der Versuch, die Religion abzuschaffen, führt nur dazu, dass sie in grotesker und entstellter Form wiederauftaucht. Ein unkritischer Glaube an die Weltrevolution, an universale Demokratie beleidigt die Vernunft weit mehr als die Mysterien der Religion, und sehr lange wird er sich vermutlich nicht halten. Der viktorianische Dichter Matthew Arnold schrieb von Gläubigen, die das Zurückweichen des Glaubensmeers als schmerzlichen Verlust erleben. Heute verebbt der säkulare Glaube, und es sind die Apostel des Unglaubens, die mit leeren Händen dastehen.

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