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Religion und Ethik in der Schule : Am Ende gewinnen die Gleichgültigen

In Berlin gibt es Streit über die Schulfächer Ethik und Religion Bild: Edgar Schoepal

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist Berlin immer noch tief gespalten. Jüngstes Beispiel ist der Streit über die Schulfächer Ethik und Religion. Zu befürchten ist, dass am Ende wieder wie im Fall Tempelhof die Lauen und Gleichgültigen den Ausschlag geben.

          Nirgendwo ist Deutschland zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung sichtbarer geteilt als in seiner Hauptstadt. An der ehemaligen Zonengrenze löst sich der Gegensatz der Mentalitäten zwischen Ost und West in der Fläche auf; in der einstigen Mauermetropole ballt er sich zu erbitterten Konflikten zwischen Nachbarn, Interessengruppen, einzelnen Stadtteilen, Parteien und ihrer Klientel. Der jeweilige Gegenstand, an dem sich der Streit entzündet, hat dabei fast ausnahmslos mit Berliner Traditionen, Symbolen und Sonderwegen zu tun. Im vergangenen Jahr war es die Schließung des Flughafens Tempelhof. In diesem Jahr ist es der Religionsunterricht an Berliner Schulen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit 1949 macht der Stadtstaat von der sogenannten Bremer Klausel im Grundgesetz Gebrauch, die bestimmte Bundesländer von der Einrichtung des staatlich beaufsichtigten Pflichtfachs Religion entbindet. In Berlin ist Religion ein freiwilliges Wahlfach, das bei der Versetzung keine Rolle spielt. Im Frühjahr 2006 hat der rot-rote Senat unter dem Eindruck des Ehrenmordes an Hatün Sürücü zusätzlich ein Pflichtfach Ethik für die Sekundarstufe zwei eingeführt, das in diesem Jahr erstmals in allen siebten bis zehnten Klassen unterrichtet wird. Im Rahmenlehrplan stehen die Themen Identität, Verantwortung, Solidarität, Gerechtigkeit, Diskriminierung und Toleranz, aber auch „Wissen, Hoffen und Glauben“.

          Seit Monaten tobt der Meinungskrieg

          Gegen diese neue Praxis wehrt sich die von beiden großen christlichen Kirchen und vielen Prominenten unterstützte Bürgerinitiative „Pro Reli“. Durch das Fach Ethik, behauptet die Initiative, werde der Religionsunterricht an den Rand des Schulalltags gedrängt. Seit dem vergangenen Herbst hat Pro Reli mehr als eine Viertelmillion Unterschriften gesammelt und so einen Volksentscheid über die Einführung eines gleichberechtigten Wahlpflichtfachs Religion erzwungen. Die Abstimmung findet am kommenden Sonntag statt. Der vom Berliner Senat in strategischer Absicht festgesetzte frühe Termin hat ebenso für Unmut gesorgt wie die Entscheidung der Kirchen, in ihren Gottesdiensten Listen des Volksbegehrens auszulegen und die Gläubigen zum Unterschreiben zu ermuntern.

          Seit Monaten tobt der Meinungskrieg zwischen den Anhängern der Initiative und ihren Kritikern, die sich zu einem Gegenbündnis unter dem Namen „Pro Ethik“ zusammengeschlossen haben. Der Ton war von Anfang an schrill, vor der Abstimmung hat die Lautstärke noch zugenommen. „Jetzt kämpfen Muslime, Juden, Christen und Atheisten gemeinsam für die Freiheit“, behaupten die Plakate von Pro Reli. „Religion ist freiwillig“, textet dagegen die Linkspartei unter dem Bild von Dürers „Betenden Händen“. Auf die Freiheitsgesänge der Pro-Reli-Website antworten deren Widersacher mit ihrem „Pro Ethik Song“: „Lasst die Kinder zusammen lernen / Ethik und Moral / Religion für alle / aber keinen Zwang zur Wahl . . .“

          Menetekel für die jetzige Debatte

          Wer den Lärm für einen Moment ausblendet und an die Abstimmung über den Flughafen Tempelhof vor einem Jahr zurückdenkt, kann darin nur ein Menetekel für die jetzige Debatte sehen. Denn natürlich wird der Volksentscheid, wie immer er ausgeht, keines der drängenden Bildungsprobleme der Hauptstadt lösen, schon gar nicht das allerdrängendste der Integration. Ein Erfolg der Pro-Reli-Initiative, behaupten deren Anhänger, würde den islamischen Religionsunterricht unter staatliche Kontrolle bringen und dem Zugriff von Fanatikern entziehen. Eine solche „Zähmung“ wird von einigen westlichen Bundesländern inzwischen in Modellversuchen erprobt, ohne dass es bisher greifbare Resultate gäbe.

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