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Religion und Ethik in der Schule : Am Ende gewinnen die Gleichgültigen

Warum sollte sie gerade in Berlin, wo der Anteil der muslimischen Migranten bundesweit am höchsten ist, besser gelingen? Die Interessenverbände der Muslime selbst sind in ihrer Haltung gegenüber Pro Reli uneins. Während die von der türkischen Regierung gesteuerte Ditib die Initiative unterstützt, lehnen die Islamische Föderation und das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten sie ab. In einem Wahlpflichtfach islamische Religion, so fürchten die Aleviten, würden sie von der sunnitischen Mehrheit totgeschwiegen, während der Ethikunterricht wenigstens Grundkenntnisse über ihre Glaubensrichtung vermitteln könnte.

Das eigentliche Debakel des Volksentscheids

Das Fach Ethik, dessen Konturen noch kaum sichtbar sind, wird in der Diskussion über den Volksentscheid entweder zum Zerrbild oder zum Idealbild entstellt. Für die einen ist es das schulische Abrakadabra, mit dem alle Moral- und Kulturkonflikte einer multiethnischen Gesellschaft weggezaubert werden, für die anderen das neueste Gängelungsinstrument einer religionsfeindlichen Staatsmacht. Dabei ist das Einzige, was man dem Berliner Ethikunterricht nicht vorwerfen kann, die bewusste Gängelung der Schüler. Denn es sollen ja gerade alle zu Wort kommen, die Toleranten wie die Intoleranten, die Gläubigen wie die Atheisten. Von einem „Reflexionsfach“, in dem man „über Werte nachdenken“ solle, sprechen die Verantwortlichen. Es wäre interessant, zu erfahren, zu welchen Ergebnisse dieses Nachdenken etwa an jenen Hauptschulen in Neukölln und im Wedding führt, die in jüngster Zeit im Brennpunkt der medialen Aufmerksamkeit gestanden haben. In ein paar Jahren werden wir es wissen.

Drei Tage vor der Abstimmung steht fest, dass auch dieser Volksentscheid, wie schon der über Tempelhof, Berlin in ein östliches und in ein westliches Lager teilt. Im ehemaligen West-Berlin unterstützt eine Mehrheit der Befragten den Pro-Reli-Vorschlag, im einstigen Osten ist die Mehrheit dagegen; nur in den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg, in denen viele Zugezogene aus dem Westen leben, halten sich Zustimmung und Ablehnung ungefähr die Waage. Zugleich erscheint es immer unwahrscheinlicher, dass Pro Reli das Quorum von fünfundzwanzig Prozent Ja-Stimmen erreicht. Sollte das wider Erwarten dennoch gelingen, hätte die Bürgerinitiative vermutlich einen Pyrrhussieg errungen.

Denn durch die Gleichstellung von Ethik- und Religionsunterricht würde Ethik vom ersten Schuljahr an zum Pflichtfach, was den Zulauf zu den Religionsstunden im konfessionsfaulen Berlin weiter vermindern könnte. Am Ende werden wie im Fall Tempelhof die Lauen und Gleichgültigen den Ausschlag geben. Das ist das eigentliche Debakel dieses Volksentscheids: dass er nichts entscheidet, sondern nur die tiefe Kluft zwischen den beiden Hälften dieser gespaltenen Stadt sichtbar macht und so noch verstärkt. Seit zwanzig Jahren ist die Mauer jetzt verschwunden. Aber ihr Gespenst liegt immer noch über Berlin.

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