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Religiöse Apokalypse : Bitte recht friedlich

Eine von vielen Darstellungen des Jüngsten Gerichts: Der Brite John Martin malte „Der große Tag seines Zorns“ um 1853. Bild: Picture-Alliance

Endzeitvisionen im Stresstest: Islam und Christentum kennen beide die theologische Figur einer letzten Ausfahrt vor dem Weltende. Der Entwurf von Luther ist, im Abstand von fünfhundert Jahren, ein durch und durch weihnachtliches Programm.

          Gleich hinter Angela Merkel zeichnete das New Yorker „Time“-Magazin neulich den Kalifen des IS als „Person des Jahres“ 2015 aus. Zur Begründung hieß es, der Kalif habe „die apokalyptische Vision eines abschließenden Kampfes zwischen den Kräften des radikalen Islam und dem Westen ausgearbeitet“. Prägnant wurde hier noch einmal das religionspolitische Motiv der Endzeiterwartung als Kern der IS-Ideologie umrissen und als welthistorische Einflussgröße gewürdigt. Ja, gewürdigt: Bei der „Time“-Plazierung geht es um politische Wirkung jenseits von moralischen Kriterien, auch Hitler und Stalin waren hier schon Personen des Jahres.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Sind wir beim IS deshalb, seiner apokalyptischen Vision wegen, im tiefen Mittelalter gelandet? Nein, politischen Drive hat die Endzeiterwartung eigentlich erst in der Neuzeit und zumal im Protestantismus gewonnen. Luther wäre deshalb ein natürlicher Kandidat für die „Time“-Liste gewesen, hätte es sie damals schon gegeben. Nicht nur für ihn persönlich stand das Endschicksal, das Eschaton (welches die einen zum Himmel, die anderen zur Hölle fahren lässt) unmittelbar „vor der Tür“. Auch die frühreformatorische Bewegung insgesamt hatte sich dem apokalyptischen Fristenbewusstsein verschrieben und im Blick auf den nahe geglaubten Jüngsten Tag ihren heilsgeschichtlichen Schwung gewonnen. Ideengeschichtlich ist der eschatologische Impuls natürlich bis zurück ins Altertum nachweisbar, aber enorme politische Durchschlagskraft erfuhr er doch erst bei Luther und beim Kalifen (auf gewiss sehr verschiedene Weise, aber unterm „Time“-Kriterium des welthistorischen Einflusses einer apokalyptischen Vision eben doch vergleichbar).

          Islam und Christentum kennen beide die theologische Figur einer letzten Ausfahrt vor dem Weltende; bei Luther wurde sie dadurch populär, dass er den biblischen Antichristen mit dem Papsttum identifizierte. Eine polemische Zuschreibung gewiss, die aber in erster Linie ein heilsgeschichtliches Datum markieren sollte - eben jene in der Daniel-Prophezeiung und in der Johannes-Apokalypse dargestellte Fünf-vor-zwölf-Situation, in welcher der Antichrist die Welt vor ihrem Untergang noch einmal aufmischt. Luther und seine Bewegung erkannten darin ihre eigene Zeit wieder, so dass sie sich berufen fühlten, die verderbten kirchlichen Hüllen fallen zu lassen und eine institutionell aufgelockerte Endzeitkirche als Notgepäck für die letzte Reise zu schnüren.

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          So hobelte man sich reformatorisch gleichsam dem Jüngsten Tag entgegen, und zu den Spänen, die dabei fielen, gehören Luthers Schmähungen und Gewaltaufrufe auch gegen Bauern, Juden und Türken. „Der apokalyptische Drive der frühreformatorischen Bewegung, der von niemandem so sehr in Gang gesetzt worden ist wie von Luther selbst, trug bis ins Katastrophenjahr des Bauernkriegs (1524/25) wesentlich zur Durchbruchsdynamik der Sache Luthers bei“, erklärt der Reformationshistoriker Thomas Kaufmann. „Als je und je, etwa im Zusammenhang der Türkengefahr, aktualisierbares mentales Hintergrundthema blieb die Apokalyptik in der Reformationszeit präsent.“ Wobei Kaufmanns Kollege Wolfgang Reinhard moniert, dass gerade dieses Eschatologiemotiv „als harter Kern von Luthers prophetischer Botschaft“ im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 unterbelichtet bleibe. Die „herrschende Lehre“ in Politik und Wissenschaft präsentiere „einen ent-eschatologisierten und damit zur Brauchbarkeit zurechtgestutzten Luther“.

          Während die apokalyptische Vision beim Kalifen für weltweiten Terror im Jahre 2015 steht, dient sie bei Luther nur noch den Deutungskämpfen um seine Person. Diese stellen den Reformator heute noch einmal in ein völlig neues Licht. Es ist eben nicht so, wie der Philosoph Charles Taylor in den „Quellen des Selbst“ über Luther schrieb: „Der ,Sinn‘ des Lebens stand für diesen Augustinermönch wie für sein ganzes Zeitalter nur allzu unzweifelhaft fest. Die existentielle Bedrängnis, in der man Angst hat vor der Verdammnis, ist grundverschieden von der, in der man vor allem die Sinnlosigkeit fürchtet. Das Vorherrschen dieser letzteren Furcht ist vielleicht ein Definitionsmerkmal unseres Zeitalters.“ Ja, aber letztere war auch die Furcht Martin Luthers durch all seine Verdammungsängste hindurch, der in seinen mittelalterlichen Kleidern einer von uns war, und zwar gerade, weil er sich in seinem Glauben auf höchst moderne Weise auf sein Ich gestellt sah.

          In seiner Naherwartung der Welt-Deadline spricht sich jene historische Notwendigkeit aus, die dem unerfüllbaren psychischen Gewissheitsbedürfnis Luthers entgegenkam. Sein Streben nach individueller Heilsgewissheit machte den Glauben reflexiv: nicht eigentlich subjektivistisch, aber unentrinnbar aufs Bewusstsein bezogen. In der Verlagerung des Glaubens in die allein heilswirksame Glaubensgewissheit nimmt die Seele die Form der Psyche (und ihrer Stressformen) an. In solcher Schubumkehr machte Luther seinen eigenen vulnerablen Punkt zum archimedischen Punkt der Reformation. Wann je wäre ein persönliches Psycho-Erlebnis derart punktgenau zum welthistorisch wirksamen Programm geworden? Es ist, im Abstand von fünfhundert Jahren, ein durch und durch friedliches, weihnachtliches Programm.

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