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Hagia Sophia als Moschee : Religiös korrekt

  • -Aktualisiert am

Das Apsismosaik ist verdeckt, die Bilder an den Seitenwänden dürfen sichtbar bleiben: ein Moslem beim Gebet in der Hagia Sophia Bild: AFP

Die Umwandlung der Hagia Sophia in ein muslimisches Gotteshaus unterwirft ihren Figurenschmuck abermals dem Urteil religiöser Moral. Aber der Westen hat keinen Grund, darüber die Nase zu rümpfen, denn er züchtet längst seine eigenen Fundamentalismen.

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          Das Mosaik von Maria mit dem Jesusknaben in der Apsis der Hagia Sophia wurde vor dem gestrigen Freitagsgebet mit Vorhängen verhüllt, weil es in der Richtung von Mekka liegt, in die sich die muslimischen Gläubigen während des Gebets verneigen. Ebenso ging es dem Gesicht des Erzengels Gabriel aus dem zwölften Jahrhundert in einem Pendentifzwickel unter der Kuppel des Isidor von Milet. Damit sollte es, glaubt man den Ankündigungen der türkischen Regierung und der zuständigen Religionsbehörde Diyanet, sein Bewenden haben. Der übrige Figurenschmuck der Kirche, die jetzt wieder eine Moschee ist, werde nicht angetastet, und auch die abgedeckten Kunstwerke würden nach Beendigung der religiösen Zeremonie wieder für Touristen sichtbar gemacht.

          Eine Kaiserin und ihre Affären

          Aber man muss schon sehr gutgläubig sein, um anzunehmen, dass der Umwandlungsprozess, der mit dem Gerichtsurteil vom 10. Juli einsetzte, damit seinen Abschluss gefunden hat. Schon gibt es türkische Stimmen, die die Zerstörung einzelner Mosaiken fordern, etwa des Porträts der mittelbyzantinischen Kaiserin Zoe, die an einer Seitenwand der Hagia Sophia mit ihrem dritten Ehemann Konstantin vor Christus kniet.

          Zoe war für ihre zahlreichen Affären bekannt, ihr Vorgänger Alexander, der in einem Mosaik auf der nördlichen Galerie der Hagia Sophia dargestellt ist, für seine Trunksucht. Darf man den Gläubigen zumuten, zwischen den Bildern einer „Hure“ (so ein türkischer Historiker) und eines Säufers zu beten? Es sind solche Überlegungen, die in Zukunft die Debatte um das berühmteste Bauwerk Istanbuls bestimmen werden, und damit ist klar, dass der Paradigmenwechsel, den viele erst befürchten, schon stattgefunden hat.

          Auf einer anderen Waage gewogen

          Die Hagia Sophia ist kein Museum mehr, sie wird jetzt von der Religionsbehörde Diyanet verwaltet, das heißt: Sie ist in den Bannkreis religiöser Moral und Weltanschauung eingetreten. Was für uns kulturelle Artefakte sind, wird künftig auf der Waage heilsgeschichtlicher Gewissheiten gewogen werden. Aber wir haben keinen Grund, uns über den politischen Chauvinismus, der hinter dieser und anderen Umwidmungen von Museumskirchen zu Moscheen steckt, erhaben zu fühlen.

          Auch im sogenannten aufgeklärten Westen ist Kulturgeschichte zum Abschuss freigegeben, nur eben nicht im Namen der Religion, sondern im Auftrag von Opferkollektiven. Churchill hasste die Inder, Nietzsche die Frauen, Blücher die Franzosen, Wagner war Antisemit, Kant Rassist, Bismarck betrieb die Aufteilung Afrikas, und das genügt, um ihre Entfernung aus dem öffentlichen Raum zu fordern.

          Die Resakralisierung der Hagia Sophia ist so gesehen kein türkischer oder islamischer Alleingang, sondern ein Zeichen unserer Zeit. Denn das Sakrale, sprich: die Verdammung und Verleugnung des geschichtlich Gewordenen zugunsten einer scheinbar unumstößlichen Wahrheit, lauert auch im Herzen der Political Correctness. Heute sind es nur Bilder, Wörter und Statuen, die „gereinigt“ werden. Morgen könnten es Köpfe sein.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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