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Tschernobyl ist erst der Anfang : Reiseziel Katastrophe

Autoscooter im ehemaligen Vergnügungspark von Pripyat, vier Kilometer von Tschernobyl entfernt Bild: Andrea Diener

In Tschernobyl freuen sich Katastrophentouristen an der ökologischen Auferstehung der Sperrzone. Doch die eigentliche Blüte des dark tourism steht noch bevor. Das lassen Klimaprognosen stark vermuten.

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          Wenn wie jetzt im Westen des australischen Bundesstaates Viktoria die Kakadus bei 49 Grad heißer Luft entkräftet von den Bäumen fallen, und wenn sich tosende Feuerringe um Weltmetropolen wie Sydney schließen, fällt es naturgemäß schwer, sich die paradiesischen Zustände um Tschernobyl vorzustellen. Genau darum aber sollte es jetzt gehen, glaubt man den Staatschefs beider Katastrophenstätten: um die Pflege heimatlicher Öko-Trutzburgen. Hier der australische Kohle-Patriot Scott Morrison, der sich zwischenzeitlich mit Surf-Equipment im Gepäck vor den Buschfeuern nach Hawaii gerettet hat, nun wieder untertänigst um Regen betet und ansonsten jeden Zusammenhang zwischen Dürren, Feuer und Klimawandel leugnet. Dort das ukrainische Staatsoberhaupt, Wolodymyr Selenskyj, der 33 Jahre nach dem größten Reaktorunglück vor lauter Silberstreifen am Horizont gar nicht genug kriegen kann von Katastrophentouristen, die sich an der ökologischen Auferstehung der Sperrzone laben.

          An die hunderttausend Touristen sollen es dieses Jahr schon sein. Das kann am Dekret des Staatschefs liegen, das er im Frühjahr zur Förderung des Tschernobyl-Tourismus unterschrieben hat. Es kann aber auch sein, dass sich viele tatsächlich von den Naturbildern angezogen fühlen, die mit Drohnen, Duft- und Lichtfotofallen aus der verseuchten Kernzone Tschernobyls geliefert werden. Auf den Bildern sieht man begrünte Wälder, denen es scheinbar an nichts mangelt: Vögel, Elche, Rehe und Füchse, alles inklusive. Bären wurden wieder angesiedelt, sogar Wildpferde und Wisente. Wo der Mensch sich raushält, nimmt sich die Wildnis ihr Recht. Ein Biologen-Paradies, weiß Gott.

          Was man auf den Aufnahmen nicht sieht, sind die Folgen vielfach erhöhter Mutationsraten, die durch die unsichtbare Strahlung zu beklagen sind. Selbst die Waldpilze in Bayern strahlen noch mit Radionukliden aus Tschernobyl. Grundsätzlich gibt es auf unserem Planeten so viele Orte nicht, die von Millionen Menschen bewohnt waren und dann verlassen wurden. Zwei davon sind radioaktiv verstrahlt: Tschernobyl und Fukushima. Mit Katastrophenparks dieser Kategorie können es die Feuerlandschaften in Australien wie die am Amazonas oder die letztjährigen in Kalifornien und Sibirien sicher nicht aufnehmen. Aber die Klimaprognosen lassen doch stark vermuten, dass die eigentliche Blüte des dark tourism erst noch bevorsteht.

          Dabei wird es immer auch Grenzfälle geben. Die Skigebiete der Alpen etwa werden auch dann noch ihren paradiesischen Nimbus behalten und wenig Düsternis verströmen, wenn die Gletscher verschwunden sind und die Wasserspeicher trockenfallen. Es sei denn, es werden in ihrer Nähe Atomkraftwerke gebaut. So abwegig ist das übrigens nicht. Manche Energiepolitiker denken schon laut über eine Welt nach, die mit klimaneutralen, innovativen Kompakt-AKWs zugepflastert ist. Bill Gates ist inzwischen ihr größter Fürsprecher. Wir erinnern uns: der Mann, der das Internet kommerziell für eine Schnapsidee hielt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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