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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Ein Möwenflügel in der Dunkelheit des Sturms

  • -Aktualisiert am

Hoffnungszeichen am Horizont? Blick aus dem Fenster von Angela Bubba Bild: privat

Jetzt, so scheint es, ist Italien auf dem Gipfel der Verzweiflung angelangt. Und dennoch kann hier niemand glauben, dass sich die Dinge zum Besseren wenden.

          3 Min.

          „Es fehlen Masken“, „Es gibt nicht genug Betten auf der Intensivstation“, „Wie viele Personen sind heute gestorben?“, „Wie sollen wir das schaffen?“: Das sind die Sätze, die ich seit einem Monat immer wieder höre, in einem obsessiven Rhythmus. Ich wohne seit zwölf Jahren in Rom, aber im Moment bin ich in Kalabrien, in dem Dorf, aus dem ich komme, einem Ort mit weniger als zehntausend Einwohnern, in dem ich zufällig aufgehalten wurde, oder besser gesagt feststecke, weil auch ich von den Einschränkungen betroffen bin, die die italienische Regierung erlassen hat, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wenn ich vom Balkon meines Zimmers blicke – dem Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin, gelernt, gelesen, geweint und sehr viel gelacht habe – scheint alles so zu sein, wie es immer gewesen ist. Die Fassaden der Häuser wirken noch immer beruhigend, Rauch steigt regelmäßig aus den Schornsteinen, an den Fenstern zeichnen sich die Umrisse von Männern und Frauen ab.

          Bei Sonnenuntergang, um ungefähr sechs Uhr abends, gehen die ersten Lichter an. Und ich habe den Eindruck, dass sich nichts geändert hat, zumindest bis meine Mutter aus dem Krankenhaus zurückkommt, wo sie arbeitet. Meine Mutter ist Krankenschwester. Sie sagt, dass Atemschutzmasken fehlen, aber dass heute zumindest keine Neuinfektion registriert wurde. Das ist ein Wunder, denke ich, ein Möwenflügel in der Dunkelheit des Sturms. Aber die Katastrophe schreitet fort und hier, wo ich bin, genau wie mehr oder weniger im ganzen Süden Italiens, denkt man über mögliche Szenarien nach, was ungefähr so ist, wie russisches Roulette zu spielen, oder schlimmer: mit einer verklemmten Pistole ins Leere zu schießen. Die Zahl der Ansteckungen könnte von einem Tag auf den anderen wieder explodieren, und wenn diese Art Bombe aggressiv ist, müssen die Maßnahmen, um sie einzudämmen, gleichermaßen stark, stärker, außergewöhnlich sein. Ich spreche hier nicht nur von der Zwangshaft, in der sich die Italiener im Moment befinden; ich spreche nicht nur von den Dörfern, die nach und nach vom Militär umzingelt wurden. Ich spreche auch von jeder einzelnen leidenden Lunge, die keinen Zugang zu einer heilenden Behandlung haben könnte.

          Wie konnte es so weit kommen?

          Gemeinsam mit anderen Gegenden in Norditalien ist die Lombardei in diesem Moment am Ende ihrer Kräfte. Betten auf der Intensivstation gehen zur Neige, Betten, von denen es in Kalabrien noch viel weniger gibt. Man denkt hier sogar darüber nach, im Fall der Fälle, bewegliche Krankenhäuser einzurichten. Vielleicht auf Schiffen wie in Amerika. Riesigen, gewaltigen Schiffen, die sich in kürzester Zeit in Krankensäle verwandeln könnten, proppenvoll mit Pflegepersonal, Bahren, Infusionen und sonst was. Wenn ich meine Mutter frage, wie es so weit kommen konnte, antwortet sie lieber nicht. Sie ist müde, hat tiefe Augenringe. Sie wäscht sich immer wieder die Hände, während ich den beißenden Geruch des Alkohols wahrnehme, der zu mir herüberweht. Er ist stechend, desinfiziert auch mich. Es ist, als würde sie mir sagen, dass wir die Schuld nach dem Ende dieser Katastrophe zuweisen können. Jetzt konzentrieren wir uns darauf, zu tun, was zu tun ist. Also Leben zu retten, Arzt zu sein, was bedeutet – wie Homer es schon in der „Ilias“ geschrieben hat – mehr zu zählen als ein Mensch.

          Inzwischen ist es halb sieben. Ich schalte den Fernseher an, um mich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich schaue mir den Bericht der Zivilschutzbehörde an, der pünktlich am späten Nachmittag gesendet wird. Man spricht von Infektionskurven, von „Peaks“, die langsam erreicht sein könnten, und von Todesfällen, die trotzdem nicht auf sich warten lassen. Die Daten laufen über den Bildschirm. Ich schaue sie an, als ob sie Grabsteine wären, kleine Steine in Bewegung. Es sind Menschen ohne Namen, die sich in einem schrecklichen Zähler verlieren, aufeinander getürmt, einer über den anderen, wie die Leichen, die Lukrez in „De Rerum Natura“ beschreibt: nur dass wir sie in einem Fernsehkasten sehen, oder besser nicht sehen. Auch in „Die Stadt der Blinden“, einem Roman von José Saramago, haben die Kranken keine Namen. In der Stadt bricht eine Epidemie aus, die sich über das ganze Land ausdehnt. Die Menschen sehen plötzlich nichts mehr, ihre Augen füllen sich mit einem unnatürlichen weißen Licht: „einem Meer aus Milch“, so nennt es der portugiesische Schriftsteller, das ein Opfer nach dem anderen fordert.

          Neue Prioritäten?

          David Grossman hat gesagt, dass wir durch das Coronavirus unsere Prioritäten wiedererkennen werden. Viele Menschen werden danach nicht mehr dieselben sein: sie stehen jetzt an einem Scheideweg, sie werden sich in eine bestimmte Richtung entwickeln, nichts in der Schwebe lassen, die Unsicherheit wird überwunden sein und die Lösung endlich erreicht, so Grossman. Mag sein, dass er recht hat. Im Moment aber erleben wir, zumindest in Italien, den Gipfel des Ungelösten, eine Schwebe, die fast zu einem Geräusch geworden ist. Wir warten, dass die Dinge sich ändern. Hinter melancholischen Fensterscheiben, wie auf einem Bild von Edward Hopper.

          Aus dem Italienischen von Anna Vollmer.

          Von Angela Bubba, geboren 1989, erschien auf Deutsch zuletzt im Verlag Das Wunderhorn „Alberto, Elsa und die Bombe“.

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