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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Zerbrechlich wie eine Eierschale

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Die in der Slowakei geborene und in Zürich lebende Autorin Ilma Rakusa Bild: dpa

Langsam leben, Figuren erfinden und und auf die Rückkehr der Enkel warten: In der Stunde der Philosophen und Welterklärer wirkt unsere Zivilisation fragil wie nie.

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          Vor vierzehn Tagen hatte er noch dicke Knospen, jetzt ist er schon verblüht. Die weiße Pracht hält sich nur kurz, viel zu kurz im Verhältnis zum Warten, das ihr vorausgeht. Ja, ich erwarte sie jedes Jahr als Fanal des Frühlings. Und schaue und kann mich nicht sattsehen. Bis sie vorbei ist. Kinder warten so, wenn etwas Schönes bevorsteht. Aber was bedeutet Warten auf das dräuende Unheil? Auf die nächsten Fallzahlen und Todesziffern? Schlimm wird es sein, sagt der Virologe Christian Drosten. Fragt sich, wann und wie sehr. Lieber später als früher, wünschen sich Politik und Medizin. Doch das Warten in Ungewissheit ist eine psychische Folter. Ostern? Kaum noch vorstellbar. Weder als Datum noch als Fest von Christi Auferstehung. Ich spüre, wie das Zeitgefüge sich langsam auflöst. Mal dehnen sich die Stunden wie ein Gummizug, mal strömen sie zügig durch die Sanduhr. Halbwegs selbstvergessen bin ich nur bei der Arbeit und im Schlaf. Sonst: das Virus! Sei alert, schau dir die einschlägigen Nachrichten und Talkshows an. Das muss sein, muss, obwohl mich jedes Mal ein Zittern überkommt und der Blutdruck steigt. Die Informationen überschlagen sich wie die Maßnahmen, nur Corona ist noch schneller. So schnell, dass unsere Zwangsentschleunigung im Gegenzug ziemlich hilflos wirkt.

          Auch ich lebe langsam, als hätte ich endlich meinen Essay „Langsamer!“ beherzigt. Das Büchlein schrieb ich 2005, „gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen“. Ein Ideengeber, voll literarischer Zitate. Unter anderem plädiere ich für das Lesen und Liebemachen, die viel Zeit beanspruchen. Nun ist sie plötzlich vorhanden. Keine Reisen, keine Events, keine Partys, keine Kultur- und Sportveranstaltungen. Liebe und Lektüre könnten also zum Zug kommen, wenn man nicht beruflich stark gefordert oder von Sorgen gebeutelt ist. Ich lebe allein, meinen zweijährigen Enkel darf ich nicht sehen. Zum Trost schaue ich mir Fotos des Kleinen an und beobachte aus dem Fenster die Nachbarskinder, die den Ball kicken. Das Geräusch des Leders hat etwas Lebensvolles. Auch die Vögel geben sich munter. Nur der Flugzeughimmel schweigt. Oft schaue ich in den Garten hinaus, als könnte er mein Fernweh stillen. Gerade schleicht eine rothaarige Katze über den Holzzaun, den ich mir als russischen Dorfzaun imaginiere. Ein Sekundenklick – und ich bin woanders. Die Phantasie macht es möglich, diese Verwandlerin. Das hilft in beengten Zeiten.

          Die eigene Gesellschaft aushalten

          Nein, langweilig ist mir nicht. Meine eigene Gesellschaft auszuhalten, habe ich schon lange gelernt. Und da gibt es die Figuren, die ich erfinde, und jene anderen, mit denen ich imaginäre Gespräche führe. Zum Beispiel die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Was hatte sie in der Pariser Emigration für ein Hundeleben. Zwei Kinder an der Hand, Hunger, oft zu wenig Geld, um die Monatsmiete zu bezahlen. Und zu wenig Zeit für die Poesie, die ihr so wichtig war. Nur Einsamkeit gab es zu viel. 1941 hat sie sich im tatarischen Jelabuga das Leben genommen. Ich schreibe über sie. Ein Nachwort. Oder ist es ein Zwiegespräch? Wir kennen uns schon ewig. „Jeder Dichter ist dem Wesen nach Emigrant“, sagt sie und fügt hinzu, es gehe immer um die cause perdue. Von Siegen hielt sie nichts.

          Das Coronavirus besiegen, das wollen wir unbedingt. Die Fledermaus-Seuche besiegen, möglichst schnell. Damit wieder Normalität einkehrt, die sich im Handumdrehen verflüchtigt hat. In Spanien führt man Stoffhunde Gassi! In Paris, das noch vor kurzem unter Overtourism gestöhnt hat, sprinten einsame Jogger über die Boulevards. Mailand verzeichnet die besten Luftwerte seit je, nur ist niemand auf den Straßen. In Belgrad, erzählt mein Nachbar, kursiert der Witz, ein Mann habe massiv Mehl gehamstert, ein anderer Hefe. „Wir werden uns noch sehen!“, schreit der Hefekäufer. Haha. Selbst in Zürich sind die Regale für Teigwaren und Klopapier leer.

          Vielleicht ist die Stunde der Philosophen und Welterklärer gekommen. Ja, unsere Zivilisation wirkt zerbrechlich wie eine Eierschale, ja, die Corona-Pandemie könnte zu einer großen Zäsur werden. Was mich anbelangt, lese ich allerdings lieber Marc Aurel als den Apokalyptiker Giorgio Agamben. Und warum nicht zu einem Buch greifen, das gar nichts mit Corona zu tun hat, wie Andrzej Stasiuks

          „Beskiden-Chronik“ über verwunschene Landschaften im polnischen Abseits? „Der Weltuntergang kam am 17. September 1939 in Gestalt der sowjetischen Armee.“ Auch das hat es gegeben. Und wer weiß, vielleicht holt die Krise Ungeahntes aus uns heraus.

          Achtzehn Uhr dreißig, der letzte Widerschein der Sonne. Mein wilder Pflaumenbaum zeigt seine jungen Blätter, das zarte Grün hat das Blütenweiß verdrängt. Alles gut, will er mir versichern, beruhige dich. Wir machen weiter. Wir? Ich werde noch einige Mails verschicken und Freunde anrufen, der Zusammenhalt ist wichtig. Egal, ob sie in Moskau, Minsk, Berlin oder Budapest leben, wir sind uns nah, Corona kennt keine Grenzen. Auf bessere Zeiten, Freunde!

          Von Ilma Rakusa, geboren 1946, erschien zuletzt „Mein Alphabet“.

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