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Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

  • -Aktualisiert am

Amerikas Nomaden lassen sich durch großartige Landschaften und das Klima lenken. Bild: Courtesy of Searchlight Pictures. / © 2020 20th Century Studios

Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

          7 Min.

          Chloé Zhao, die chinesische Drehbuchautorin, Filmregisseurin und -produzentin, könnte die erste Asiatin werden, die für die beste Regie einen Oscar bekommt. Ihr Film „Nomadland“ gewann kurz hintereinander den Goldenen Löwen in Venedig und den Publikumspreis in Toronto und gilt schon jetzt, noch bevor er in Deutschland Anfang 2021 starten soll, als der große Favorit für die Preisverleihung im kommenden April.

          „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen. Frances McDormand spielt in diesem Film – dem ersten nach ihrem Oscargewinn für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ – eine Frau, die nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihrer Kleinstadt quer durch die Vereinigten Staaten zieht und in ihrem Kleintransporter wohnt. Solche „van dwellers“, Kleinbus-Bewohner, gibt es tatsächlich, moderne Nomaden, die sich ein Leben außerhalb der Gesellschaft aufgebaut haben, bei aller Individualität und Autarkie ein funktionierendes Gemeinschaftsleben führen und sich von Landschaften und Klima leiten lassen. Die Idee zu dem Film basiert auf Jessica Bruders Roman „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“.

          Mit dem Vorgänger „Rider“, ihrem Low-Budget-Western über einen verletzten Rodeo-Reiter, hatte sich Chloé Zhao auf einen Schlag einen Namen gemacht. Ihre Regiehandschrift ist schnörkellos, aber voll Ruhe, Kraft und Poesie – Meisterwerke, die in ihrer Schlichtheit erstaunen und viele beglücken. „Nomadland“ ist erst der dritte Film der 38-jährigen Chinesin, die bereits als vielversprechendste Regisseurin ihrer Generation gefeiert wird.

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          Sie wurden in Peking geboren, gingen in Brighton aufs Internat, studierten Film an der New Yorker Tisch University. Sind Sie bei dieser Biographie nicht selbst eine Nomadin?

          Ich denke schon, dass in mir eine Nomadin steckt. Wobei ich nur in drei Ländern wirklich gelebt habe, das ist heute nicht ungewöhnlich. Ich hatte die Möglichkeit, in England und den USA zu studieren. Aber als Geschichtenerzählerin haben mich diese Erfahrungen tief geprägt. In meinen Filmen bin ich immer auf der Suche nach dem, was mich am Horizont erwartet. Schon als Kind in Peking träumte ich von der riesigen Steppe der Mongolei im Westen. Als ich nach New York zog, war es dann South Dakota.

          In Ihren späten Zwanzigern fühlten Sie sich etwas verloren, sagten Sie kürzlich. Warum?

          Na ja, wer war in seinen Zwanzigern nicht verloren? (lacht) Man hat schon sehr viel Glück, wenn man mit 20 weiß, wer man ist. Als Teenager hat man das Gefühl, dass man unendlich viel Zeit zur Verfügung hat. Aber plötzlich ist man 27 und merkt, dass man langsam etwas tun muss. So bin ich zur Filmschule gekommen und habe meine Karriere als Regisseurin gestartet.

          Warum wollten Sie Filmemacherin werden?

          Der Gedanke kam mir zum ersten Mal, als ich Wong Kar-Wais „Happy Together – Glücklich vereint“ im Kino sah. Dieser Film hatte großen Einfluss auf mich. Und meine Familie hatte nie etwas gegen meine Pläne, zum Glück waren meine Eltern immer sehr offen und hielten mich nie von etwas ab.

          „The Rider“ und auch „Nomadland“ handeln von Menschen, die sich neu erfinden müssen. Einmal war es ein verletzter Cowboy, jetzt eine Witwe, die ihre Heimat verliert. Was fasziniert Sie an diesem Ausgangspunkt?

          Wahrscheinlich beschäftige ich mich gern damit, weil ich auf der Suche nach mir selbst bin. Ich will mich auch immer wieder neu entdecken, herausfinden, wer ich bin und was ich brauche. Viele Menschen haben das Glück, sehr genau zu wissen, wer sie sind und wofür sie stehen, sie kennen diese Unsicherheiten nicht. Bei mir ist das anders. Ich versuche konstant, mich neu zu (er-)finden. Bei manchen löst erst eine Tragödie diesen Prozess aus, oder sie kommen im Alter auf den Gedanken, dass mehr in ihnen stecken könnte. Ich finde Menschen sehr inspirierend, die sich trauen, sich neu zu erfinden, auch mit 60 Jahren oder später. Diese Momente wollte ich mit der Kamera festhalten.

          Sie richten Ihren Blick auf uramerikanische Sujets, auf Cowboys in „The Rider“, in „Nomadland“ ist es das „Go West“-Prinzip – jedoch ohne die Mythen. Zeigen Sie uns das wahre Gesicht Amerikas?

          Es gibt nicht das „eine“ Amerika. Das Land ist so unterschiedlich wie seine Landschaften. Ich liebe es, hier zu leben, liebe die Leute, die hier leben. Mir gefällt es, wie unterschiedlich und kompliziert hier alles ist. Das inspiriert mich dazu, Filme zu machen. Der Zugang zu „Nomadland“ wird für viele schwierig sein: einmal wegen der Altersfeindlichkeit des Westens, dann auch wegen der generellen Vorbehalte gegen Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. So etwas ist nicht leicht an den Kinozuschauer zu bringen! Frances McDormand war eigentlich als Produzentin an Bord. Ich dachte aber, wenn sie die Hauptrolle spielt, wird es uns mühelos gelingen, den Nomaden die verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen.

          Chloé Zhao wurde in Peking geboren, lernte in England, studierte in New York und hat bisher drei Filme gedreht, die Hollywood so überzeugt haben, dass sie jetzt Marvels „The Eternals“ mit Angelina Jolie verfilmt.
          Chloé Zhao wurde in Peking geboren, lernte in England, studierte in New York und hat bisher drei Filme gedreht, die Hollywood so überzeugt haben, dass sie jetzt Marvels „The Eternals“ mit Angelina Jolie verfilmt. : Bild: Jake Sigl

          Was schätzen Sie an Frances McDormand?

          Dass sie ganz in diese Welt eintauchte. Als sie auf einem Campingplatz-WC gefragt wurde, ob sie die berühmte Frances McDormand sei, meinte sie nur: „Nein, ich heiße Fern, ich campe hier.“ Alle kauften ihr das ab. Noch wichtiger war, dass sie im Kreis der Nomaden aufgenommen wurde. Sie haben ihr vertraut und sich ihr geöffnet. Ohne dieses Vertrauen hätten wir den Film nicht machen können.

          Was fasziniert Sie an den modernen Nomaden?

          Ihre Geschichten waren anrührend, erhellend, tragisch und immer wieder traurig. Sie haben aber nicht ihren Stolz verloren, ihre Würde und ihre Lust am Leben. Wenn man lange mit ihnen spricht, redet man irgendwann über die wichtigen Dinge, über Felsen, Gras, den Sonnenaufgang.

          Wann wurde Ihnen klar, dass Sie die „van dwellers“ selbst vor der Kamera haben wollen? Und wie bekamen Sie Zugang zu ihnen?

          Zunächst durch Jessica Bruders Buch. Sie war für ihre Recherche jahrelang unterwegs und lernte dabei so unglaubliche Leute wie Swankie, Bob Wells und Linda May kennen. Jessicas Segen für dieses Projekt war mein Passierschein in diese Welt. Swankie hat im Kajak 50 Staaten durchquert – das kann man nicht erfinden! Die meisten waren überrascht, sie hielten sich selbst für total langweilig. Da half es immens, dass Frances nicht als Filmstar aufgetreten ist, sondern als eine von ihnen. Sie sahen, dass wir ihr Leben ehren wollten.

          Sie haben über sechs Monate in fünf Staaten gedreht, in South Dakota, Nebraska, Nevada, Kalifornien und Arizona, und machen den dortigen Landschaften Liebeserklärungen.

          Die Landschaften sind Teil des Heilungsprozesses, den die Hauptfigur Fern durchlebt, sie findet durch die Natur ihren Platz im Leben. In einem Van ist man seiner Umwelt ziemlich intensiv ausgesetzt! Daher ist die Natur so eng mit der Identität der Nomaden verknüpft. Wir Stadtmenschen haben durch die Betonwüsten den Zugang zur Natur verloren. Ich bin überzeugt, dass die Natur eine heilende Kraft hat, musste das aber auch erst lernen. Heute bin ich süchtig nach Natur, das findet auch einen Ausdruck in meinen Filmen. Wir haben oft gesagt, dass die wichtigste Schauspielerin am Set für uns die Sonne war. Wir nannten sie „Gottes Licht“ und taten alles, um den Sonnenuntergang abends so schön wie möglich mit der Kamera einzufangen.

          Sie erfüllten gleich vier Jobs: Drehbuch, Produktion, Schnitt und Regie. Beherrschen Sie meisterliches Multitasking, oder sind Sie ein Kontrollfreak?

          Man kann nicht mit einem großen Team ankommen, wenn man Einblick in Menschen und ihr Leben erhalten will. Wir wollten uns so unauffällig wie möglich in ihre Gemeinschaft integrieren, ohne aufzufallen. Das ist einfacher, wenn man alles selbst macht.

          Dass Menschen in den Vereinigten Staaten so mobil leben, hat viel mit wirtschaftlicher Verzweiflung zu tun. Ist ihr Film ein Polit-Statement?

          Es war nie mein Ziel, einen politischen Film zu machen. Im Gegenteil, ich möchte es vermeiden. Wir haben uns eher immer als Botschafter dieser Menschen verstanden und wollten ihre Gemeinschaft zeigen. Meine Hoffnung ist, dass meine Filme den Menschen helfen, sich zu erinnern, wie viel sie gemeinsam haben. Wir sind alle miteinander verbunden, wir sind eine Menschheitsfamilie. Das ist wichtiger als die Kleinigkeiten, die uns trennen. Ich war geradezu schockiert, als ich beim Dreh merkte, wie alle darüber diskutierten, wie genau man in einen Eimer macht. Egal ob arm oder reich, egal welche politische Überzeugung oder Hautfarbe, eine Diskussion über Toilettengänge im Van bringt uns alle zusammen. Das sind die vielen kleinen Dinge, die meine Filme betonen wollen.

          Geht es Nomaden um ein alternatives Leben, oder ist es eine wirtschaftliche Not(-wendigkeit)?

          Das Interessante an Fern ist, dass sie zur Nomadin aus Überzeugung wird. Sie lebt nicht so, weil sie nicht die Option hätte, in einem Haus zu leben – sondern weil sie das so möchte. Sie ist auf der Suche nach etwas Größerem, etwas, das sie in einem Haus niemals finden wird.

          Die Menschen in diesen Schatten-Gemeinden nehmen immer wieder Gelegenheitsjobs an, um zu überleben, bei Amazon, auf einem Campingplatz. Wir sehen ein Amerika der Armut und Arbeitslosigkeit. Welche Rolle spielt Politik in diesen Kreisen?

          Wenn ich Menschen wirklich kennenlernen möchte, rede ich lieber über Dinge, die wir gemeinsam haben, nicht über die, die uns trennen könnten. Auf der Straße kann man sich seine Freunde nicht aussuchen, da kommt das gesamte politische Spektrum zusammen. Wenn ein Tornado droht, ein Waldbrand oder dein Auto eine Panne hat, darf die Politik kein Hindernis sein, jemandem zu helfen. Dort ist jeder dein Freund, unabhängig davon, welchen Präsidenten er bevorzugt. Diese Haltung existiert in Amerika seit der Zeit der Pioniere und Planwagen. In unserer institutionell geprägten Gegenwart ging das sicher etwas verloren.

          Halten Sie noch Kontakt zu ihnen?

          Ja, über Social Media. Es ist erstaunlich, wie wichtig soziale Medien ihnen sind. Als wir die Nachricht erhielten, dass wir den Goldenen Löwen gewonnen haben, standen wir in unserem Van auf einem Parkplatz in Pasadena, zur Premiere des Films für die Nomaden. All die, die gespannt auf unseren Film waren, waren dafür quer durch die USA gefahren. Dieses Wiedersehen war für mich einer der wertvollsten Momente meines Lebens.

          Was bedeutet Ihnen der Triumph in Venedig, zehn Jahre nach dem Sieg Sofia Coppolas?

          Ich fühle mich sehr geehrt. Und bin überzeugt, dass es eine große Zukunft für weibliche Filmemacher gibt. Wir können die Welt nicht nur aus einer Perspektive sehen. Ich bin es gewohnt, eine Balance von Yin und Yang anzustreben.

          Öffnet Ihr Erfolg asiatischen Regisseurinnen die Türen?

          Ich hoffe es! Ich kannte als Jugendliche keine asiatische Regisseurin. Es wird Zeit, dass Dinge sich ändern! Man hatte in den vergangenen Jahrzehnten eine sehr einseitige Perspektive inne. Die müssen wir jetzt aufbrechen. Neue Blickwinkel werden uns guttun und frischen Wind in die Branche bringen.

          Cowboy-Film „The Rider“: Damit lenkte Regisseurin Chloé Zhao alle Aufmerksamkeit auf sich. Im Bild: Brady Jandreau als Brady Blackburn.
          Cowboy-Film „The Rider“: Damit lenkte Regisseurin Chloé Zhao alle Aufmerksamkeit auf sich. Im Bild: Brady Jandreau als Brady Blackburn. : Bild: ddp/intertopics/eyevine/Entertai

          „Nomadland“ wurde geradezu als Event inszeniert: Er lief erstmals am 11. September in simultanen Premieren auf den Festivals in Venedig und Toronto, er gewann beide Festivals, war das designierte „Centerpiece“ des New York Film Festival – und eben der Film des Jahres.

          Ich kann das alles noch nicht ganz fassen und verarbeiten. Ich stecke noch in der Post-Produktion für den nächsten Film. Alles passiert gleichzeitig. Ich springe von Meeting zu Meeting, und parallel entwickelt „Nomadland“ sich zum Phänomen. Mein Leben besteht derzeit aus vielen surrealen, unvergesslichen Momenten: Als die hymnischen Kritiken veröffentlicht wurden, war ich von Nomaden umgeben, am Horizont sah man Waldbrände, der Himmel war orange gefärbt, Asche fiel auf uns herab, aber die Autos hupten Applaus – und das mitten in einer Pandemie. Auf solche Momente kann dich nichts und niemand vorbereiten!

          Die wahre Adelung Hollywoods bestand darin, Sie in die Riege der wenigen Frauen aufzunehmen, die ein Superhelden-Spektakel drehen dürfen: Sie setzen Marvels „The Eternals“ mit Angelina Jolie und Salma Hayek um. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

          An meiner Art, Geschichten zu erzählen, hat sich nichts geändert. Bei Marvel arbeite ich mit einer sehr cleveren, kleinen Gruppe zusammen, die ich mag. Wenn man Filme macht, geht es darum, Probleme zu lösen, um eine Story erzählen zu können. Das machen wir jetzt auch wieder so. Es gibt nur einen Unterschied: Ich spüre mehr Druck, da ich bei einem so teuren Riesenprojekt natürlich mehr Verantwortung trage. Das macht mir manchmal schon Angst.

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