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Regime und Widerstand : Die verachtete Bevölkerung der DDR

  • -Aktualisiert am

Montagsdemonstration am 23. Leipzig, Oktober 1989 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Zu allem Unglück verhielt sich das „Volk“ ganz anders als erwünscht: Weshalb der Leipziger Herbst 1989 nicht in dualistische Weltbilder passt – eine Erwiderung.

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          Wem gehört die friedliche Revolution von 1989 in der DDR? Nicht der kleinen Schar Oppositioneller, die es im Herbst 1989 in der DDR gab – das ist meine These. Nach unterschiedlichen Zählungen gab es vor den Herbstereignissen im Sommer 1989 in Leipzig zwanzig bis fünfundzwanzig oppositionelle Gruppierungen mit in der Regel etwa fünfzehn bis zwanzig Mitgliedern. In den Jahren zuvor hatten diese Friedens-, Gerechtigkeits- und Umweltgruppen immer wieder versucht, die Bevölkerung zu mobilisieren. Bis September 1989 vermochten sie, bis auf eine Ausnahme, allerdings nie mehr als zwei- bis dreihundert Personen zur Teilnahme an den von ihnen veranstalteten Demonstrationen zu motivieren.

          Zwischen dem Einzelprotest dieser Oppositionsgruppen und der Demonstrationsbewegung im Herbst 1989 ist, was Dynamik, Trägergruppen und Motive angeht, deutlich zu unterscheiden. Aus den September- und Oktobertagen des Jahres 1989 existiert von den oppositionellen Gruppen in Leipzig nicht ein einziger Aufruf zum öffentlichen Protest. Das ist wahrscheinlich kein Zufall, denn die am Wochenende des 9./10. September in Grünheide bei Berlin tagenden Initiatoren des Neuen Forums wollten ihre Arbeit auf legale Grundlagen stellen. Am 19. September beantragten sie die Zulassung des Neuen Forums als offizielle Vereinigung. In dieser Situation wäre es strategisch unklug gewesen, sich auf die Seite der kriminalisierten Demonstranten zu stellen. Ohnehin verstanden sich die allermeisten Oppositionellen keineswegs als Feinde der DDR: Sie wollten den Sozialismus nicht abschaffen, sondern reformieren. Noch am 26. Oktober, als die Zahl der Demonstranten in Leipzig bereits auf mehr als dreihunderttausend angewachsen war, behauptete Sebastian Pflugbeil, das Neue Forum sehe die Demonstrationen „sehr kritisch“.

          „Wir bleiben hier“

          Der Mut, die Ausdauer, die Entbehrungen der wenigen Oppositionellen, die es in der DDR gab, sollen nicht herabgesetzt werden. Im Gegenteil. Ihr oft über Jahre hinweg aufrechterhaltener Protest bedarf gerade wegen seiner weitgehenden Vergeblichkeit der Würdigung. Es wäre aber falsch zu behaupten, die Oppositionellen hätten den Protest in Leipzig organisiert, an seiner Spitze gestanden und ihn aus der Kirche auf die Straße getragen. Das wird schon daran deutlich, dass einer Studie von Karl Dieter Opp und Peter Voß („Die volkseigene Revolution“, Klett-Cotta 1993) zufolge die Wahrscheinlichkeit, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, unter den Oppositionellen nicht höher war als in der Leipziger Gesamtbevölkerung und in Sportgruppen sogar höher lag.

          Auf der Montagsdemonstration am 4. September 1989 protestierten die Oppositionellen mit dem Plakat „Für ein freies Land mit freien Menschen“, unter ihnen Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer, die dafür einige Wochen ins Gefängnis kam. Hinter ihnen und neben ihnen aber zeigen die Aufnahmen der ARD die „Normalos“ mit ihren Schnauzbärten und die Ausreisewilligen, die lautstark skandierten „Wir wollen raus“. Die Oppositionellen reagierten darauf eine Woche später mit „Wir bleiben hier“. Das zu rufen war sinnvoll, denn mit der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze und der Abwanderung von Tausenden DDR-Bürgern in den Westen war das Bleiben tatsächlich zu einer Option geworden. Die Dynamik des Protests aber ging von den Ausreisewilligen aus, während die Opposition reagierte. In einem der Interviews, die eine Gruppe von Studenten der Theologie mit dreißig führenden Oppositionellen 1990 in Leipzig und Berlin unter meiner Leitung durchgeführt hat, erklärte Joachim Läßig vom Arbeitskreis Gerechtigkeit, einer der wichtigsten Oppositionsgruppierungen in Leipzig: „Die ersten Demonstrationen waren ja nicht direkt von uns organisiert. Von Ausreisern gingen die los. Da sind wir nur mitgelaufen.“

          Den Beitrag der „normalen“ Bevölkerung will Ilko-Sascha Kowalczuk indes nicht sehen (F.A.Z. von gestern). Sie kommen in seinem Beitrag als die vor, die hinter der Gardine stehen und abwarten. Ohne ihre spontane Bereitschaft, sich auf den Platz des Protestes zu begeben, wären die Massendemonstrationen in Leipzig jedoch nicht zustande gekommen. Keine der Oppositionsgruppen hatte sie dazu gerufen. Dazu hätten sie auch gar nicht die medialen Möglichkeiten gehabt. Allerdings hielten die Oppositionellen über Jahre an den Friedensgebeten fest. Wer protestieren wollte, wusste, wo er sich einzufinden hatte: montags um 17 Uhr in der Nikolaikirche. Dieser Ort bildete den Kristallisationspunkt, an den sich die Massenproteste anlagern konnten.

          Die begrenzte Bedeutung der Opposition für die Demonstrationsbewegung in der DDR präziser herauszuarbeiten war das Anliegen meines Beitrags (F.A.Z. vom 12. Juli). Doch um historische Genauigkeit geht es Ilko-Sascha Kowalczuk nicht. Ihm kommt es auf Deutungshoheit an. Deshalb beschwört er den Konsens der Forschung seit dem Jahr 2009, dem Jahr, in dem sein Buch über das Ende der DDR erschien – einen Konsens, der allenfalls in einer Gruppe von Gleichgesinnten besteht, die sich in ihren Arbeiten der Aufgabe verschrieben haben, den Nimbus der DDR-Opposition hochzuhalten. Deshalb arbeitet er mit eindimensionalen Schwarz-Weiß-Schematisierungen – dort die Minorität der Wasserträger des Systems, zu denen Gregor Gysi zählt, auf der anderen Seite die kleine Schar der aufrechten Widerständler, deren Bedeutung es herauszustellen gilt, während für das „Volk“ kein Platz bleibt. Deshalb zieht er meine Person in seine Auseinandersetzung mit meiner wissenschaftlichen Position hinein und schlägt mich kurzerhand auf die Seite von Gregor Gysi und Genossen. Offenbar meint er, seine Auffassung in dem Streit darum, wie es 1989 denn nun gewesen ist, dadurch stärken zu können, dass er die Person dessen, der anderer Auffassung ist, zu beschädigen versucht.

          Oppositionelle und Normalos

          Ja, ich hatte im Oktober 1989 die wunderbare Gelegenheit – gewiss ein Privileg -, in die Schweiz fahren zu dürfen. Ein Stipendium des Theologischen Seminars der Universität Zürich erlaubte es mir, am 8. Oktober gen Zürich zu reisen. In den heißen Wochen zuvor war ich in Leipzig. Ohne den heldenhaften Mut der Oppositionellen gehabt zu haben, besuchte ich doch die Friedensgebete in der Nikolaikirche, stand mit den Oppositionellen, den Ausreisewilligen und den Normalos nach den Gebeten auf dem Hof der Nikolaikirche und beteiligte mich an den ersten Demonstrationen, an denen erst einige Hundert, dann mehrere tausend teilnahmen. Im Juni desselben Jahres war ich in Bielefeld.

          Niklas Luhmann, über den ich meine Promotion verfasst hatte, hatte mich mit einem vom DAAD geförderten Stipendium nach Bielefeld eingeladen. Reisen in den Westen waren an den theologischen Fakultäten und in Kirchenkreisen in der Spätphase der DDR nichts Außergewöhnliches. Für mich war es die erste Reise ins andere Deutschland. Überraschenderweise war es mir Jahre zuvor gelungen, Niklas Luhmann, den konservativen Vertreter der spätbürgerlichen Soziologie, wie es in der DDR hieß, zu einem Vortrag nach Leipzig zu holen. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, die Gegeneinladung des Bielefelder Meisterdenkers, meines soziologischen Heros, auszuschlagen.

          Abstand zum Forschungsgegenstand

          Die Verachtung der Bevölkerung der DDR war stets ein Problem, das die Arbeit der Opposition erschwert hat und die ihr nahestehende Forschung bis heute zu einseitigen und moralisch aufgeladenen Urteilen führt. Die Haltung der Oppositionellen ist indes verständlich. Erst war es über Jahre nahezu unmöglich, die Bevölkerung mit den eigenen Anliegen anzusprechen, dann strömte sie auf einmal ungerufen auf die Straße. Zu allem Unglück verhielt sich das „Volk“ ganz anders als erwünscht: Während die Oppositionellen noch lange an einem dritten sozialistischen Weg in der DDR festhielten, sorgten die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Sehnsucht nach Konsum und Freiheit und ihrem Ruf „Wir sind ein Volk“ für den Durchbruch. Es waren dann erneut diese Normalos, die 1990 zum Verdruss der ostdeutschen Oppositionellen (und vieler westdeutscher Intellektuellen) die Vollendung der Revolution ermöglichten, indem sie nicht die Partei der Oppositionellen, sondern mit überwältigendem Vorsprung die CDU und damit die deutsche Einheit wählten.

          Historiker und Sozialwissenschaftler hingegen sollten mehr Abstand zu ihrem Forschungsgegenstand wahren. Wer wie Ilko-Sascha Kowalczuk die DDR-Geschichte unter dem moralischen Imperativ betrachtet, ob man Widerstand geleistet hat und ob der Widerstand auch radikal genug war, und diejenigen, die nicht im Widerstand waren, zu den Verteidigern des Systems zählt, die Geschichte der DDR also als Kampf zwischen zwei Minoritäten nacherzählt, wird von den Lebensverhältnissen in der DDR und auch von ihrem Ende eher wenig zu Gesicht bekommen. Auch der Kampf der Opposition war verzwickter, als mit einem solchen dualistischen Weltbild zu fassen ist.

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