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Umfragen zur Lebensqualität : Wen interessiert schon Europas Zukunft?

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Was ist uns wichtig? Kanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen eines Bürgerdialogs in Duisburg-Marxloh die Fragen der Besucher Bild: Jesco Denzel / BPA

Hauptsache gesund und ein Leben in Frieden: Wenn die Deutschen nach ihren Wünschen und Hoffnungen gefragt werden, finden sich viele Kernthemen aus der Politik in der Ergebnisliste weit hinten. Ein Gastbeitrag.

          Eine Bestandsaufnahme der Lebensqualität in Deutschland, um Politik besser auf die Bürger auszurichten: darum ging es im Regierungsprojekt „Gut leben in Deutschland“, dessen Abschlussbericht Ende Herbst vorgelegt wurde. Selbst wenn aus dem Bericht wahrscheinlich keine merklichen politischen Konsequenzen hervorgehen werden, bringt er eine wertvolle Einsicht: Politisch bedeutsame Themen wie Umwelt, Innovationen und Europa spielen für die Bürger in puncto Lebensqualität eine Nebenrolle.

          Im Jahr 2015 waren über zweihundert größtenteils von Verbänden organisierte „Bürgerdialoge“ geführt worden. Jeder Bundesminister und die Kanzlerin besuchten jeweils etwa drei „Townhall-Meetings“. Rund zehntausend Bürger beantworteten die beiden Leitfragen des Dialogs („Was ist Ihnen persönlich wichtig im Leben? Was macht Ihrer Meinung nach Lebensqualität in Deutschland aus?“) online oder postalisch. Freilich handelte es sich nicht um eine repräsentative Stichprobe, und so liegt die Vermutung nahe, dass gerade die politisch Interessierten ihre Vorstellung von Lebensqualität zu Protokoll gaben.

          Daher lohnt sich der Vergleich mit einer repräsentativen Erhebung. Die Leitfragen der Bundesregierung zur Lebensqualität wurden im selben Jahr auch in die Befragung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aufgenommen, einer großen Studie der Leibniz-Gemeinschaft. Diese repräsentative Stichprobe für die in Privathaushalten lebende deutsche Wohnbevölkerung basiert auf den Antworten von zwanzigtausend Befragten. War die SOEP-Erhebung auf meist sehr kurze Antworten beschränkt, sammelte der Bürgerdialog auch längere Antworten und ausführliche Aufsätze. Insofern ergänzen sich die beiden Methoden.

          Die soziale Sicherung hat für die Bürger zentrale Bedeutung

          Was also ist den Menschen in Deutschland wichtig? Deutlich wird in der SOEP-Studie, dass Gesundheit und nahestehende Mitmenschen – Familie, Kinder, Freunde – mit Abstand am häufigsten genannt werden. Bereits an vierter Stelle steht ein Begriff, der sich auf die Gesellschaft als Ganzes bezieht: Frieden. Gemeint ist dabei in gleichem Maß der soziale und der internationale Frieden. In den Top-25-Begriffen tauchen neben abstrakteren Konzepten wie Zufriedenheit und Harmonie auch Arbeit und materielle Belange (Einkommen, Finanzielles, Geld) auf.

          Das Wörtchen „sicher“ steht mit Abstand an erster Stelle, gefolgt von „sozial“. Rund in der Hälfte der Fälle, in denen „sicher“ oder „sozial“ genannt werden, treten die Begriffe gemeinsam auf: Die soziale Sicherung hat für die Bürger zentrale Bedeutung. Frieden folgt auf Platz vier. Es zeigt sich eine gewisse Übereinstimmung mit den Ergebnissen aus dem Bürgerdialog, in dem Frieden als wichtigstes Thema firmierte. Auch die Freiheit (Rang sechs) wird von den Befragten hoch geschätzt. Wiederum folgen Arbeit und materielle Absicherung.

          Kernthemen der Politik stehen in den Ergebnislisten weit hinten

          Damit wird klar, was Menschen in Deutschland unter Lebensqualität verstehen: Auf der persönlichen Seite Gesundheit, soziale Beziehungen und Arbeit; auf gesellschaftlicher Seite Sicherheit und soziale Sicherung, Frieden und Freiheit. Auffällig ist, dass viele Kernthemen aus der Politik in der Ergebnisliste weit hinten stehen. Das sieht man besonders deutlich am Natur- und Umweltschutz, der bei beiden Fragen nur jeweils in etwas mehr als einem Prozent der angegebenen Worte vorkommt; „Umwelt“ schafft es jeweils nicht unter die ersten dreißig.

          Das heißt nicht unbedingt, dass die Umwelt für die Lebensqualität sekundär ist. Vielmehr deutet das Antwortverhalten darauf hin, dass die Umwelt im alltäglichen Leben der Betroffenen keine auffallende Rolle spielt. Seit der Wiedervereinigung ist die Umwelt insbesondere in Ostdeutschland wesentlich sauberer geworden, so dass nur wenige der Befragten im Alltag durch Umweltverschmutzung unmittelbar beeinträchtigt werden. Langfristig hochrelevante Probleme wie ein hoher CO2-Austoß sind im Alltag nicht spürbar. Ähnlich steht es mit dem politischen Dauerbrenner Staatsverschuldung: Auch wenn bestimmt zahlreiche Befragten zu dem Thema eine Meinung haben, so ist die unmittelbare Alltagsrelevanz doch nicht hoch genug, um „niedrige Staatsverschuldung“ als wichtigen Faktor der Lebensqualität zu erachten.

          Die EU kommt schlecht weg

          Auch Innovationsleistungen sind nicht im Blick der allermeisten Menschen, die Endprodukte von Innovationen, wie das Internet, gerne genießen, aber die mühsame Entstehung nicht erleben. „Fortschritt“ und Begriffe, die mit „tech“ beginnen, wurden nur von rund zwei Promille der Befragten angegeben. Noch seltener wurden Europa und die Europäische Union genannt: Nur sechzehn Personen schreiben, dass Europa für sie persönlich wichtig ist; elf von diesen Nennungen stehen im Kontext von Frieden – bezogen auf Frieden in Europa, aber auch Frieden zwischen Europa und dem Rest der Welt. In insgesamt 26 Antworten zur Lebensqualität in Deutschland wird Europa oder die EU angesprochen. In sechs dieser Antworten wird Europa nur als Vergleich herangezogen, um die Vorzüge Deutschlands gegenüber anderen europäischen Staaten herauszustellen. Gerade mal zwei Befragte führen die EU-Freizügigkeit als Faktor der eigenen Lebenszufriedenheit an; eine einzelne Antwort bescheinigt der EU negativen Einfluss auf die Lebensqualität in Deutschland.

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          Die angewandten Methoden machen deutlich, dass Themen, die keine unmittelbare Alltagsrelevanz für die Mehrheit der Menschen haben, nicht als wichtig empfunden werden. Somit ist es fragwürdig, inwiefern der unmittelbare „Volkswille“ bei Themen politisch ausschlaggebend sein kann, die weite Teile der Bevölkerung nicht unmittelbar betreffen, aber langfristig einen großen Einfluss auf die Lebensqualität in Deutschland haben. Damit stößt das Format „Bürgerdialog“ an seine Grenzen. Vergleichsweise moderne Erhebungsmethoden können Parlamente als Instrumente der Bürgerbeteiligung bei der Entscheidungsfindung informieren. Aber auch bessere Bürgerbeteiligung kann Parlamente nicht ersetzen.

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