https://www.faz.net/-gqz-7wg61

Reformationsjubiläum : Martin Luther - Freiheitskämpfer oder Volksverhetzer?

Der genialische Bibel-Übersetzer, von Dämonen umstellt: Luthers kolossale Gestalt auf dem Marktplatz in Wittenberg Bild: dpa

Auf dem Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017: Während die Ängstlichen den Berserker Luther am liebsten verstecken würden, feiern die Ahnungslosen ihn als Vorkämpfer eines pluralistischen Gemeinwesens. Beides ist verfehlt.

          Deutsche, lasst euch euren Luther nicht nehmen! So möchte man im Stil der Flugschriftenpublizistik des sechzehnten Jahrhunderts ausrufen, wenn man sieht, was derzeit mit dem „Propheten der Deutschen“ (Luther über Luther) geschieht. Ja, schützt Luther vor denen, die heute vorgeben, ihn vor sich selbst schützen zu wollen! Vor denen, die sich eher für Luther entschuldigen möchten, als sich für sein Genie zu interessieren.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Martin Luther macht, so will es scheinen, derzeit vor allem eins: verlegen. Allenfalls genießt er den Exotenbonus. Je mehr es auf 2017, das Gedenkjahr für fünfhundert Jahre Reformation, zugeht, desto hilfloser steht der kirchliche und staatliche Gedenkbetrieb vor dieser vulkanischen Person. Schon dies: „Prophet der Deutschen“ geht ja eigentlich gar nicht. Genaugenommen geht das meiste an Luther gar nicht. Seine mit verdauungsbezogenen Metaphern gespickte Raserei gegen Bauern, Juden, Papisten, Täufer und Türken würden heute zumindest unter Volksverhetzung fallen. Seine Dämonomanie, die ihn hinter jedem Busch und im Grunde hinter jeder anderslautenden Lehrmeinung einen Teufel sehen ließ, ist Stoff für Kliniker und lässt sein gewaltiges Werk wie satanische Verse, wie Bannliteratur wider den Satan, aussehen. „Der Teufel“, so Lyndal Roper, Professorin für Modern History an der Universität Oxford, „taucht in fast allem auf, was Luther schrieb, ob es nun Predigten, Streitschriften oder Abhandlungen sind - auch seine Briefe sind übersät mit Hinweisen auf den Satan.“

          Im Wittenberger Kessel

          Nicht dass ein Kirchenmann am Teufel festhält, verstört. Das tut Papst Franziskus, in Luthers Diktion der „Antichrist“ von heute, schließlich auch. Sondern dass Luther ihn, den Satan, in jedem seiner Gegner personifiziert sah und ihn entsprechend - denkt man etwa an die Bauern - als Totschlagargument einsetzte: Das ist es, was uns heute entsetzt. Luthers Apokalyptik schließlich, seine nahe Weltuntergangserwartung, die für den heilsgeschichtlichen Druck im Wittenberger Kessel sorgte, war die Fünf-vor-zwölf-Kulisse für Luthers demonstrative Intoleranz. Man kann ihn vielleicht zu einem der in der Welt einflussreichsten Debattenanreger aller Zeiten stilisieren - mit all den manisch-depressiven Exaltationen, die in seinem Fall dazugehören. Aber als Wegbereiter der ARD-Toleranz-Themenwoche hätte sich Luther selbst doch wohl zuallerletzt gesehen. Ist eine solche vormoderne Existenz überhaupt jubiläumsfähig? Sollte man Luther, so fragen auch viele Kirchenleute, nicht besser aus unserem kulturellen Erbe ausmustern oder jedenfalls unauffällig halten, statt ihn aufs Jubiläumspodest zu stellen?

          Nein, das wäre schlimm. Weil es die Unwilligkeit zeigte, sich in eine widerständige Vergangenheit zu versetzen, die wir mit unserer Erfahrung nicht mehr nachvollziehen können. Hans Magnus Enzensberger hat unlängst in einem Gespräch mit Alexander Kluge gefragt, wie weit man im Handschuh einer vergangenen Zeit vordringen könne, so dass sich diese Zeit noch mit einem „Gefühl von innen“ erleben lasse. Bei ihm selbst, so Enzensberger, gehe das Gefühl von innen, die Kontinuität des Selbst-Erlebbaren gerade noch bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück; für die Zeit davor fühle sich der geschichtliche Raum taub an, auch wenn sich seine Quellen studieren, seine Hervorbringungen bestaunen lassen. Das sechzehnte Jahrhundert hat demnach per se schon Exotenstatus, wie soll da ausgerechnet der Berserker Luther bei uns Modernen ein Gefühl von innen mobilisieren?

          Weitere Themen

          Daniel Craig hat Unfall bei Bond-Dreharbeiten Video-Seite öffnen

          007 am Knöchel verletzt : Daniel Craig hat Unfall bei Bond-Dreharbeiten

          Auch bei Superagenten geht mal ein Stunt daneben. Der britische Schauspieler Daniel Craig musste das am eigenen Leib erfahren. Der Brite wird nun nach einem Unfall bei den Dreharbeiten zum neuesten James Bond-Film am Fuß operiert.

          Ist Banksy in Venedig? Video-Seite öffnen

          Rätselhaftes Video : Ist Banksy in Venedig?

          Auf Instagram kündigte der Streetart-Künstler, dessen Identität geheim bleibt, an, mit einem eigenen Stand auf der Biennale in Venedig vertreten zu sein. Die Kunstschau in Venedig zählt zu den größten Weltweit

          Bundestag prüft Zahlungen an Höckes Kreisverband

          AfD : Bundestag prüft Zahlungen an Höckes Kreisverband

          In der AfD-Spendenaffäre muss jetzt auch der Kreisverband von Björn Höcke Nachfragen zu seinen Einnahmen beantworten. Es geht um Zahlungen in Zusammenhang mit Treffen des rechtsnationalen „Flügels“, den Höcke 2015 gegründet hatte.

          Topmeldungen

          Zukunftstechnologien : Mit Visionen gegen Dystopien

          Die Zukunft hält für uns derzeit vielfältige Drohszenarien bereit – aber das ist kein Grund, sich in Vergangenheit zu flüchten. Das Potential mutigen Denkens zeigt allein die Debatte um allgemeine KI.

          „Die Zerstörung der CDU“ : Das Rezo-Video im Faktencheck

          Klima, Wohlstand, Krieg und Protestkultur: Eine zornige Abrechnung wird zum Internethit. Was hält einer genaueren Betrachtung stand? Eine kritische Perspektive auf die vier zentralen Themen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.