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Synodaler Weg : Schwatzbude oder kirchliche Erneuerung?

Gewitzter Chairman des synodalen Wegs: Reinhard Kardinal Marx Bild: Pahnke, Christina

Bei ihren Reformgesprächen in Frankfurt werden die synodalen Weggefährten auch darüber entscheiden, was für sie mehr Gewicht hat: theologische Inhalte oder Konjunkturen der öffentlichen Meinung.

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          Der „Synodale Weg“ ist eine Metapher. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Dahinter steckt eine gewitzte Idee. Reinhard Kardinal Marx hat sie als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Chairman des „Wegs“ wie folgt umrissen: Man habe bei diesem auf zwei Jahre angelegten Reformprojekt bewusst keine Form gewählt, die vom Kirchenrecht erfasst sei. Der synodale Weg, der im Laufe der Woche unter starkem medialen Interesse als Vollversammlung in Frankfurt beginnt, sei vielmehr ein Prozess „eigener Art“, und daher könnten dessen Satzungen auch nicht durch die Brille kirchenrechtlich verfasster Instrumente gelesen werden.

          Das ist auf der einen Seite gewitzt, wie gesagt. Eine Versammlung, für die es im Kirchenrecht keine Kategorie gibt, kann auch nicht vom Kirchenrecht belangt werden. Auch radikale Reformideen – so der Gedanke – können auf einem synodalen Weg, der keine Synode sein will, freimütig entwickelt werden, ohne eine Korrektur durch Rom fürchten zu müssen.

          Auf der anderen Seite steht der Versammlung „eigener Art“, die nicht kirchenrechtlich gelesen werden können soll, eine Folgenlosigkeit ins Haus, die schon jetzt als „Katastrophe für alle Christen in diesem Land“ antizipiert wird, wie es Daniela Marschall-Kehrel von der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken beschreibt (F.A.Z. vom 27. Januar). Hat Marx vielleicht etwas übersehen, als er, bewusst zwischen den aufgestellten Stühlen der Kirchenhierarchie Platz nehmend, damit zugleich die Bindewirkung des synodalen Wegs aufs Spiel setzte? Nein, als selbstbewusster Reformer an der Grenze zur Selbstverleugnung operierend, scheint der Münchner Kardinal vielmehr auf die unterschwellig wirksame Psychologie der Schwatzbude zu setzen: Energien und Dynamiken werden freigesetzt, von denen man erst einmal nicht wissen könne, wohin sie führen.

          Wen vertreten die Berufskirchenvolkler?

          Das Mäandernde des synodalen Wegs beginnt schon bei der Unklarheit, ob hier der Anspruch zu Recht besteht, das Kirchenvolk zu repräsentieren. Oder ob auf diesem Weg doch eher eine Funktionärskaste von Berufskirchenvolklern vertreten ist, die über ihre Gremienmitgliedschaften Einladungen nach Frankfurt erhielten. In der Tat ein Problem, so Daniela Marschall-Kehrel: „Inwieweit haben diese 230 Teilnehmer, die vermeintlich die Meinung des Kirchenvolkes in Deutschland vertreten, überhaupt Kontakt zum Kirchenvolk?“

          Man kann die Frage radikalisieren: Ist der notwendige religiöse Reformgedanke hierzulande inzwischen derart veräußerlicht, dass er – unter einen kirchengemachten massenmedialen Erwartungsdruck gesetzt – weitaus mehr den säkularen Plausibilisierungs-Routinen genügen möchte als theologischen Begründungen? Was verspricht man sich davon, der Öffentlichkeit in religiösen Fragen eine Zentralstellung einzuräumen, dergestalt, dass man den gesamtgesellschaftlichen Pluralismus in der Religion selbst abbilden möchte statt im Pluralismus eine eigene, eine genuin theologische Stimme auszubilden? Religion hat sich im Zweifel vor dem Recht zu verantworten (siehe das Missbrauchs-Thema). Das ist aber etwas anderes, als sich mit theologischen Inhalten den Konjunkturen der öffentlichen Meinung zu unterwerfen.

          Als seien bei den Bürgern erhobene Meinungsumfragen und Ansichten von Prominenten von Belang, wenn es um Frauenpriestertum oder Zölibat geht. Der Architekt Gottfried Böhm sagt: „Eine Frau als Priester oder eine Päpstin – das muss kommen.“ Der Politiker Theo Waigel erklärt: „Ich bin dafür, dass Frauen auch Priesterinnen sein dürfen.“ Und Gloria von Thurn und Taxis meint: „Die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die uns heute Klarheit geben, sind Donald Trump und Gerhard Ludwig Kardinal Müller.“ Was muss kommen? Wer ist dafür? Wer meint mehr? Wenn Stimmen wie diese das authentische Kirchenvolk repräsentieren, dann wäre freilich theologisch immer noch nicht viel gewonnen. Da mag man gegen den hohen Funktionärsanteil am synodalen Weg sagen, was man möchte.

          Theologische Inhalte, sieht man recht, interessieren den synodalen Weg nur insoweit, als sie Strukturen in der Kirche betreffen und für deren Beibehaltung oder Änderung wichtig sind. Das ist erstaunlich für ein zur kirchlichen Überlebensfrage stilisiertes Projekt. Wer erklärt das fremd gewordene Credo, das apostolische Glaubensbekenntnis, welches ja – glaubt man wiederum Umfragen – in wesentlichen Teilen (Auferstehung der Toten, Christus als wahrer Gott und so weiter) auch von den meisten Katholiken nur noch als Metapher gelesen wird? Ein Schwatz zum Credo: Fehlanzeige bei den synodalen Weggefährten. Sie fürchten, die Öffentlichkeit könnte sich aus dem Staub machen, wenn Gläubige gewonnen werden sollen.

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