https://www.faz.net/-gqz-7yiye

Reform des Islam : Heben wir die Schätze der Muslime!

Alternative Modelle

Als versierter Reformer seiner Kirche schmiegt sich Wolf der institutionellen Hermeneutik an, die seinen Befunden reformerische Bedeutung geben soll: „Ob und inwieweit die historisch belegten alternativen Modelle für die gegenwärtig anstehende Reform der Kirche an Haupt und Gliedern tatsächlich nützlich sind, das zu beurteilen übersteigt die Kompetenz eines Kirchenhistorikers. Hier sind alle Disziplinen und letztlich die Kirche als Ganzes gefragt.“ Die Kirche als Ganzes - das ist am Ende Roma locuta. Im Islam, in dem es ja keine zentrale Lehrautorität gibt, liegt eine Fülle von liberalen Traditionen parat - reiche mittelalterliche Schätze kultureller Blüte -, die nur gehoben werden müssen, um sie als Anknüpfungspunkt für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Wolfs Buch kann insoweit auch für die Islamwissenschaft stilbildend sein.

Das geschilderte Muster von religiöser Reform lässt sich im Christentum besonders gut beim sogenannten „Recht auf Irrtum“ studieren. Unter dieser Maxime hat man katholischerseits jahrzehntelang das Für und Wider der Religionsfreiheit diskutiert, bevor diese Freiheit zum Nicht- oder Andersglauben auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der Erklärung „Dignitatis humanae“ verbindlich wurde. Den Wahrheitsanspruch, wie ihn Christentum und Islam erheben, galt es mit der Toleranz gegenüber anderen Religionen zu vermitteln - ein Manöver, das für die katholische Tradition erkennbar eine Revolution darstellte, welche wiederum nur dann universalkirchlich wirksam werden konnte, wenn sie in einer Hermeneutik der Kontinuität, nicht des Bruchs gelesen wird, also als Revolution gerade nicht in Erscheinung trat. Bis heute kreisen die rivalisierenden Interpretationen des Zweiten Vatikanums en detail um die Frage: Bruch oder Kontinuität? Dabei gehört es zur Strategie der Reformer, dass sie die antimodernistischen Restbestände in der Konzilstheologie gerade nicht lauthals in Frage stellen, sondern erfolgreich beschweigen. Auch so funktioniert Traditionsbildung: unliebsame Bestände ruhenlassen, durch neue überlagern.

Genese und Geltung

Man kennt die Methode aus der Jurisprudenz, wenn es um die Frage geht, unter welche Norm ein Fall zu subsumieren ist. Gewicht bekommen solche Lesarten, die unter den Juristen die meisten und gewichtigsten Befürworter finden, derweil andere Lesarten durch Beschweigen gleichsam deaktiviert werden. Insofern ist das jüngste Bekenntnis der Kanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland, auch eine Stärkung der Reformkräfte dieser Religion. Frau Merkels Zuschreibung schlägt nicht nur politisch, sondern indirekt auch reformtheologisch zu Buche.

Hat die Feststellung dessen, was in der Religion unverhandelbar sein soll, nicht immer auch politischen, kulturellen, ökonomischen Einflüssen gehorcht? So schreibt der Freiburger Theologe Magnus Striet im Januar-Heft der „Herder-Korrespondenz“: „Dass das Kirchenrecht ein göttliches Recht kennt, ist selbstverständlich, damit aber ist noch nicht notwendig ,nicht verhandelbar‘, was dieses Recht in seinem Kern bestimmt. Und offensichtlich ist es ,verhandelbar’, ansonsten könnte nicht verstehbar gemacht werden, warum das, was als ius divinum gilt, im Prozess der Überlieferung Modifikationen erfahren hat.“ Die Einsicht in den Zusammenhang von Genese und Geltung kann, was das islamische Recht angeht, im Zweifel Menschenleben retten.

Dass die religiöse Substanz keine Einbuße erfährt, wenn sie sich über ihre kulturellen Bedingungen aufklärt - das ist nicht nur die Präambel für jedes theologische Reformprogramm. Es ist auch der Weg, um über seinem Glauben nicht den Verstand zu verlieren. Also der heiligen Einfalt zu entkommen, die mitunter mörderisch ist.

Weitere Themen

Ein Denkmal seiner selbst

Bildhauer Cellini : Ein Denkmal seiner selbst

Das Enfant terrible unter den Künstlern der italienischen Renaissance: Uwe Neumahr legt ein facettenreiches Buch über Leben und Werk Benvenuto Cellinis vor.

Topmeldungen

Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.
Raketen werden von der islamistischen Hamas aus Gaza-Stadt in Richtung Israel abgefeuert.

Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
Auch in London vertrauen Kundinnen ihren Friseurinnen gern Intimstes an.

Organspende : Aufklärung beim Friseur

Patienten aus ethnischen Minderheiten warten in Großbritannien länger auf eine Organspende als weiße Patienten. Das liegt auch an mangelnder Aufklärung – für die wollen nun Friseure sorgen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.