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Reden über Mesut Özil : So wenig zählte die Sache

Mesut Özil: Sein Spiel ist, analytisch betrachtet, seinen öffentlichen Auftritten nicht unähnlich. Bild: Reuters

Manche wollen nichts verstehen, andere zu viel. Zu große Begriffe haben die Erregungskurve im Fall Mesut Özils steigen lassen: Alle reden über ihn. Aber was will das ganze Reden sagen?

          Es ist schon alles gesagt worden, und zwar von allen. Von Gerhard Schröder, Heiko Maas, Wolfgang Schäuble und dem SPD-Mann aus Bebra, der Özil einen „Ziegenficker“ nannte. Horst Seehofer sagte, Özil sei „einer von uns“, in Russland sei „eine deutsche Mannschaft gescheitert und kein einzelner Spieler“. Damit verriet er mehr Fußballverstand als Uli Hoeneß, der Özil wie ein wildgewordener Bierzeltredner angepöbelt hatte. Manche wollen nichts verstehen, andere zu viel. Zu große, damit unscharfe Begriffe wie Rassismus oder Integration haben die Erregungskurve steigen lassen. Auch auf dem Platz ist die Blutgrätsche auffälliger als der öffnende Pass.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Spiel Mesut Özils ist, analytisch betrachtet, seinen öffentlichen Auftritten ja nicht unähnlich. Er ist nicht nur ein exzellenter Vorlagengeber. Die modernen Analyseinstrumente lassen auch den entscheidenden Zug davor sichtbar werden, der einen Raum öffnet, eine Lücke antizipiert. Weil das Fernsehbild die Wahrnehmung des Fußballs formatiert, sieht der Zuschauer oft gar nicht, was Özil macht – und behauptet, der tue doch nichts. Aus den Daten lässt sich dagegen ablesen, worin die Leistung besteht. Wer Özil mal auf dem Platz gesehen hat, hat eine Ahnung davon.

          Der Rücktritt ist kein fußballerisches Drama

          Noch interessanter als das Unsichtbare ist in diesem Fall aber das, was ungesagt geblieben ist. Das Triviale zuerst: Özil wird 30 Jahre alt im Oktober; fraglich, dass er noch ein großes Turnier spielen würde. Der Rücktritt ist daher kein fußballerisches Drama. Hier geht kein Unvollendeter zu früh – auch wenn es traurig ist, dass seine Art, Fußball zu spielen, die man bis zu Özil nicht mit den Deutschen verband, damit zum Teil verschwindet.

          Man könnte nun auch darüber nachdenken, wenn diese deutsche Mannschaft ein Spiegel unserer Gesellschaft sein soll, was es über diese Gesellschaft sagt, dass kein Mitspieler für Özil eintritt, der Kapitän nicht, der Trainer nicht. Nur drei, vier Spieler, die kurz ihr sportliches Bedauern gepostet haben wie Jérôme Boateng. Als dessen Bruder Kevin Prince 2013 in Italien den Platz verließ, weil er ständig rassistisch beleidigt worden war, folgte ihm das Team des AC Milan geschlossen.

          Und waren auf dem Erdogan-Foto nicht drei Spieler zu sehen? Cenk Tosun muss einen nicht kümmern, er spielt für die Türkei. Aber was ist mit Ilkay Gündogan? Was hat er getan? Im Grunde nichts weiter, als überhaupt den Mund aufzumachen. Wenn man liest, was er beim Medientag des DFB, vor der WM, sagte und was er bei Facebook postete, fällt einem Pierre Bourdieu ein: „Ce que parler veut dire“, was reden sagen will. Gündogan hat sich dem öffentlichen Druck gebeugt, sich zu erklären – ohne dabei auch nur irgendetwas zu erklären. Ohne auch nur anzudeuten, dass er die Aktion bedauere. Er hat auf die Fragen, die gestellt wurden, geantwortet. Beantwortet hat er sie nicht. „Wir haben aufgrund unserer türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin. Deshalb war es auch nie ein Thema, ein politisches Statement zu setzen.“

          Die Banalität der Antworten

          Auf die Frage, ob das Foto ein Fehler gewesen sei: „Das war eine Erfahrung, die im Nachhinein betrachtet nicht leicht war.“ Und: „Die Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen. Weil ich schon der Meinung bin, dass einige Vorwürfe, die jetzt gegen Mesut Özil und mich aufgekommen sind, nicht zu 100 Prozent stimmen.“ Zu wie viel Prozent denn dann?

          Die Banalität der Antworten, die rhetorischen Körpertäuschungen sind frappierend, wenn man jetzt die große Aufregung betrachtet. So wenig war genug, um erst mal seine Ruhe zu haben. So wenig zählte die Sache, wichtig war nur der Zeitpunkt, zu dem nicht von ihr gesprochen wurde.

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