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Can Dündar über die Türkei : Das Land, das leidet

  • -Aktualisiert am

Trennen sich Europa und die Türkei voneinander? Die Beitrittsgespräche stehen auf dem Prüfstand. Bild: Imago

Der Sieger des Duells Merkel vs. Schulz heißt Erdogan. Wenn Europa sich jetzt von der Türkei abwendet, nimmt es die Renaissance dunkler Mächte billigend in Kauf. Will es das?

          9 Min.

          Dies ist die ungekürzte Eröffnungsrede, die der türkische Journalist Can Dündar an diesem Donnerstag auf dem „M100 Sanssouci Colloquium“ hält.

          Es ist mir eine Ehre, auf einem so wichtigen Treffen über ein so wichtiges Thema sprechen zu dürfen.

          Bevor ich im vergangenen Jahr nach Berlin kam, lebte ich in Istanbul. Ich möchte Ihnen ein wenig über meine Stadt erzählen: Wie Sie wissen, ist Istanbul ein Riese, der zwei Kontinente, Europa und Asien, überspannt und mit Brücken verbindet. Meine Wohnung – ich habe sie seit einem Jahr nicht gesehen – lag auf der asiatischen Seite. Dort wohnte ich – wenn ich nicht gerade im Gefängnis saß. Mein Cumhuriyet-Büro lag auf der europäischen Seite, das heißt, jeden Morgen fuhr ich über die Bosporusbrücke, verließ einen Kontinent und betrat einen anderen. Und jeden Morgen sah ich dabei dasselbe Schild, auf dem stand: „Willkommen in Europa!“ – ein Schild, das jetzt keine Geltung mehr hat, wenn ich den Tenor der jüngsten Fernsehdebatte zwischen Frau Merkel und Herrn Schulz richtig deute. Falls Sie mich fragten, wer die Debatte gewonnen hat, müsste ich antworten: Erdogan. Genau das hat er die ganze Zeit nämlich gewollt.

          Erlauben Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, bevor das Schild gänzlich entfernt wird. Als die Türkei erstmals um Aufnahme in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bat, zählten wir das Jahr 1959. Ich war damals noch nicht geboren. Das erste Assoziierungsabkommen wurde unterzeichnet, als ich im Kindergarten war. Ich beendete mein Studium, als die Türkei die Vollmitgliedschaft beantragte. Ich heiratete und bereitete mich darauf vor, Vater zu werden, als das Abkommen über die Zollunion in Kraft trat. Mein Sohn war im Kindergarten, als die Europäische Union die Türkei als Mitgliedskandidaten akzeptierte; und die Verhandlungen begannen, als er in der Grundschule war.

          Widerwilliges Werben

          Heute, mein Sohn hat inzwischen selbst sein Studium abgeschlossen, sind wir wieder auf Los. Jetzt werden jahrelang halbherzig geführte Verhandlungen ausgesetzt. Ich habe ein ganzes Leben hinter mir, und wir sind keinen Zentimeter vorangekommen. Weder war Europa bereit, die Türkei in der Familie willkommen zu heißen, noch versuchte die Türkei jemals wirklich, das zu erreichen. Beide mochten einander brauchen, aber beide schwärmten nicht sonderlich füreinander. Und dieses widerwillige Werben, das sich über nahezu sechs Jahrzehnte hinzog, ist nun an ein Ende gelangt. Oder es handelt sich lediglich um eine politische Sackgasse.

          Als Nato-Mitglied wird die Türkei weiterhin Europa schützen, wie sie es seit 67 Jahren tut. Und unnötig zu sagen, dass die Zollunion, die den türkischen Markt für ausländisches Kapital öffnet, unverändert fortbestehen wird. Auch das Flüchtlingsabkommen wird fortbestehen, und die Türkei wird weiterhin Syrer in Lagern festhalten, damit sie nicht nach Europa strömen. Für Waren und Panzer wird die Brücke geöffnet bleiben, nur für Menschen wird sie geschlossen sein. Eine Gesellschaft, die seit einem Jahrhundert nach Westen strebt, wird gezwungen sein, sich nach Osten zu wenden.

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