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Rede des Bundespräsidenten : Vom digitalen Zwilling

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Erstmals stellt ein Bundespräsident das Ringen um das digitale Ich in den Mittelpunkt einer Rede. Gaucks Ansprache ist ein Appell an die deutsche Politik, die Neudefinition von Freiheitsrechten nicht allein den Konzernen zu überlassen.

          Allein schon wegen des Ausdrucks „digitaler Zwilling“ wäre die Rede von Bundespräsident Gauck beachtenswert. Erstmals anerkennt ein Verfassungsorgan, dass wir im Begriff sind die Souveränität über das eigene Leben zu verlieren.

          Natürlich ist er behutsam, er beklagt mehr die Preisgabe eigener Persönlichkeitsmerkmale im digitalen Zeitalter als ihre geheimdienstliche und kommerzielle Ausbeutung – aber man ist im Augenblick überhaupt schon froh, dass ein Repräsentant des Staates die Dimension des Bruchs, den die Snowden-Affäre ansatzweise enthüllte, in den Mittelpunkt einer Rede stellt.

          Die Verdoppelung des Menschen in ein maschinenlesbares Format, das das „wirkliche“ Ich mehr und mehr zu definieren beginnt und fast vollständig außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten liegt, nennt Gauck nunmehr eine Tatsache; „Datenschutz“ – ein leider höchst unattraktives Wort – ist in der neuen Digitalökologie ein Menschenrecht, mindestens so bedeutsam wie die bürgerlichen Freiheitsrechte, die die erste Aufklärung erkämpfte.

          Wer auch nur eine blasse Vorstellung von der Bedeutung hat, die Individualität und unverwechselbare Identität für unsere europäische Gesellschaftsvorstellung spielen, wird feststellen, dass Gauck mit seinem Hinweis auf den verdoppelten Menschen kaum weiter hat gehen können.

          Eine massive Veränderung des Menschenbilds

          Mit dem Doppelgänger, der von uns allen erschaffen wird, liefern wir uns Systemen aus, die aus Effizienz-, Optimierungs- oder, wie bei Geheimdiensten, Risikoeinpreisungsstrategien eine massive Veränderung – auch hier hat Gauck die richtigen Worte getroffen – des „Menschenbilds“ zur Folgen haben können. In den Worten von Hugh Kenner: der Automat simuliert einen Menschen, wenn der Menschen selbst zum Automaten geworden ist.

          Die Snowden-Affäre hat gezeigt, dass der Prozess viel fortgeschrittener ist als gedacht. Und sie hat vor aller Augen belegt, dass es sich bei dem Verlust an Autonomie und Souveränität nicht um philosophische Probleme handelt sondern um einen systematischen Vorgang, der die Souveränität des Staates ebenso betrifft wie des Einzelnen, von der Entwertung des Rechts ganz zu schweigen.

          Das Schweigen sollte nicht allzu lange dauern

          Vielleicht ist Gaucks Rede endlich Grund dafür, die lächerliche Debatte wer „modern“ ist und wer von gestern zu beenden. Die Systeme sind längst implementiert, sie helfen uns und gefährden uns, wie jede Technologie es tat – nur dass sie mit einem „Zwilling“ von uns herumspielen, einem rein „empirischen“ Menschen, der keinen Schmerz kennt und nicht an uns zurückmeldet, was man mit ihm veranstaltet und der überdies, in den Worten Michel Foucaults, „eminent regierbar“ ist.

          Warum mit Wählern aus Fleisch und Blut sich herumschlagen, wenn man bald mit dem optimierten Zwillingen und seinen Präferenzen rechnen kann? Das Schweigen der Bundesregierung zu den ethischen und sozialen Folgen der neuen Überwachungssysteme und zum Schutz des Bürgers sollte nach dieser Rede nicht mehr all zulange dauern. Gaucks Beharren auf Europa zeigt auch hier einen Weg. Die moderne Gesellschaft verhandelt gerade den Begriff der Freiheit neu – Gaucks Rede ist ein Appell an die deutsche Politik, dass sie aber auch mitverhandeln muss.

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