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Rede auf Angela Merkel : Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

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Die Konstruktionsvielfalt der Weltgeschichte: Indische Arbeiter errichten Gerüste für eine Handelsmesse in Mumbai Bild: dpa

Die Sonne kreist nicht um die Erde, und die Geschichte längst nicht mehr nur um die Nation, Europa oder den „Westen“. Ein Plädoyer für mehr historische Weltneugier, gehalten auf der Geburtstagsfeier der Kanzlerin.

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          Die Vergangenheit stellt sich paradox dar: Auf der einen Seite fließt die Geschichte der Völker und Nationen immer kräftiger zusammen. Gemeinsame Überlebensinteressen der Menschheit – vor allem Weltfrieden und Weltklima – ebnen Unterschiede ein. Die Hauptlinie zumindest der letzten beiden Jahrhunderte scheint eine Homogenisierung der Welt als Folge mehrerer Globalisierungsschübe zu sein.

          Andererseits splittert sich eine solche gemeinsame Vergangenheit in der Wahrnehmung der Menschen immer weiter auf. Die Gewissheit ist ins Wanken geraten, es gebe einen einzigen Hauptstrom der Geschichte: eine Geschichte der Modernisierung, der Zivilisierung, der wohlmeinenden Hegemonie des Westens. Dies hat sich als Illusion erwiesen. Es werden auch schon Weltgeschichten aus islamischer oder buddhistischer Sicht entworfen. Wer weiterhin eurozentrisch denken will, ist begründungspflichtig.

          Hinzu kommt, dass Geschichte gerade in einer konvergierenden Welt zu einer Identitätsressource ersten Ranges geworden ist. Nicht nur Nationen, auch Religionsgemeinschaften, nichtstaatliche Ethnien oder Opfergruppen aller Art beharren auf ihren je eigenen Vergangenheitserzählungen. Keineswegs alle diese Vergangenheiten sind gleichermaßen glaubhaft. Vergangenheiten unterscheiden sich aber nicht nur dadurch, welchen Gruppen sie zur Selbstvergewisserung dienen. Es gibt ein weltweit abrufbares Grundrepertoire von Vergangenheitsmustern. Dafür zwei Beispiele.

          Gründlicher Abschied vom Imperialismus

          Erstens macht es einen großen Unterschied aus, ob eine bestimmte Vergangenheit aus Gründungsakten hergeleitet wird oder nicht. Deshalb ist das deutsche Geschichtsverständnis ganz anders als das der Vereinigten Staaten beschaffen. Aus dem Geschichtsbewusstsein der deutschen Bevölkerung sind die ehedem gefeierten Neuanfänge weitgehend verschwunden. Niemand hält sich mehr für einen Nachfahren der Germanen. Keiner spricht mehr mit Ehrfurcht und Tremolo von Bismarck, dem „Reichsgründer“.

          Ganz anders in den Vereinigten Staaten, wo eine doppelte Nationsgründung bis heute eine unangefochtene Macht über das historische Denken ausübt: die erste durch die Rebellen und Verfassungsväter des späten 18.Jahrhunderts, die zweite nach dem Bürgerkrieg. Einen ähnlichen kollektiv-emotionalen Rang haben in Deutschland selbst die Zäsuren von 1949 und 1990 nicht erlangt, und nichts seit 1945 gleicht dem amerikanischen Kult um die Founding Fathers.

          Eine zweite Variable: Die meisten Gesellschaften der Welt waren irgendwann einmal imperiale Zentren oder Kolonien; manchmal beides. Heute ist beinahe jede Vergangenheit postimperial, jedoch auf ganz unterschiedliche Weise. In Ländern, die von Kolonien zu formal souveränen Staaten wurden, überschattet die Kolonialzeit vielfach die Konstruktion der gesamten eigenen Geschichte.

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