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Rechtskonservative und Ökologie : Die fröhliche Lügenwissenschaft

  • -Aktualisiert am

Blumenboot auf der Themse in Gedenken an die am 16. Juni ermordete britische Politikerin Jo Cox Bild: AFP

Das Ozonloch schmilzt - eine gute Nachricht. Aber rechtskonservative Politiker wollen von Ökologie nichts wissen. Die Gegenaufklärer sind immer noch mächtig.

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          Wissenschaft, pass auf: Eine Front der Gegenaufklärung ist am Werk! Dazu drei Geschichten.

          Die vorletzten Tweets, die die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox vor ihrer Ermordung abgeschickt hatte, handelten von Meeren, Fischen und Fangflotten. Am Tag vor ihrer Ermordung teilte sie auf Twitter einen Artikel, dessen Autor darlegt, warum der wissenschaftliche Rat für die Fischereipolitik so wichtig ist und wie er dazu beigetragen hat, dass einstmals fast leergefischte Bestände sich wieder erholen konnten. Ein weiterer Tweet zeigte Cox’ Ehemann und ihre Kinder auf der Themse - bei jenem bizarren Schlagabtausch, den Befürworter und Gegner des Brexit sich Mitte Juni geliefert haben.

          Jo Cox meinte den Internationalen Rat für die Erkundung der See (ICES). Er gehört zu den ältesten internationalen wissenschaftlichen Institutionen. Er wurde 1902 in Kopenhagen von Dänemark, Finnland, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Russland und dem Vereinigten Königreich gegründet, um den Umgang mit den Meeren auf wissenschaftliche Grundlagen zu stellen. Inzwischen zählt das Netzwerk von ICES viertausend Wissenschaftler aus 350 meereskundlichen Einrichtungen in zwanzig Mitgliedsstaaten. Hier werden internationale Wissenschaft und wissenschaftliche Politikberatung par excellence praktiziert. Politiker können von sich aus ja nicht wissen, wie viele Fische im Meer leben. Deshalb beobachten ICES-Forscher die Bestände von hundert Fischarten und geben Empfehlungen ab, wie stark sie gefangen werden können oder lieber geschützt werden sollten. Bevor die Europäische Union Quoten festlegt, wie viele Fische die europäischen Trawler aus dem Meer holen dürfen, wird der ICES befragt.

          Die führenden Köpfe ihrer Disziplinen

          Die Familie Cox war übrigens in einem Schlauchboot mit der Flagge „In“ zu sehen, die beiden Kinder sitzen am Bug und werden von Brexit-Befürwortern aus einem Schlauch mit Flusswasser attackiert. Die Familie Cox stellte sich einer Flotte von Fischern entgegen, die der EU-Gegner Nigel Farage organisiert hatte. Farage geißelt EU-Fischereiquoten als Angriff auf die nationale Identität Großbritanniens und macht sie - und nicht etwa die vorausgegangene Überfischung der Meere - für den Niedergang britischer Küstenstädte verantwortlich. Am Tag von Cox’ Ermordung besuchte der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson eine Fischfabrik im Norden des Landes, ebenfalls mit dem Ziel, gegen die wissenschaftsgetriebene EU-Politik und für den Brexit Stimmung zu machen. Seine verbalen Attacken zielten damit auch auf Jo Cox.

          Die zweite Geschichte: Das International Panel on Climate Change (IPCC) wurde 1988 als zwischenstaatliche Institution geschaffen, um die Regierungen der Erde über die aktuellen Erkenntnisse der Klimaforschung auf dem Laufenden zu halten. Dem IPCC arbeiten viele hundert Wissenschaftler aus aller Welt zu, darunter die führenden Köpfe ihrer Disziplinen. Der IPCC warnt vor katastrophalen Folgen ungehemmter CO2-Emissionen.

          Warum ihm ökologisches Denken unsympathisch ist

          Inzwischen akzeptieren 190 Staaten die Erkenntnisse des Weltklimarats; das haben sie auch auf dem Pariser Klimagipfel demonstriert. Doch zu den alten Feinden des IPCC, wie der Fossilindustrie, haben sich in jüngster Zeit neue gesellt. So, wie britische EU-Gegner die Erkenntnisse der Fischereiwissenschaft ablehnen, so lehnen viele aus ihrem Lager - und dazu natürlich Donald Trump, die AfD und andere Vertreter der neuen europäischen Rechten wie etwa Václav Klaus - die Erkenntnisse der Klimaforschung rundweg ab.

          Das tun sie nur scheinbar wegen methodischer Zweifel oder wirtschaftlicher Interessen. Im Kern ist die neue rechte Klimawandelskepsis eine Ablehnung globalen und empirischen Denkens. „Territorialisten“ hat der Publizist Ulrich Speck das neue Lager genannt, als Gegensatz zu „Globalisten“. Den Territorialisten ist der Klimawandel vor allem deshalb suspekt, weil er bedeuten könnte, dass Europäer oder Amerikaner auf etwas verzichten müssten, um anderen Menschen in der Ferne, etwa den Bewohnern von Pazifikinseln, zu helfen. Die Atmosphäre kennt keine Mauern, und die Forschung, die das beschreibt, ist auf die globale Natur ausgerichtet. Das weltweite Messnetz, mit dem Temperaturen, Salzgehalte von Wasser und Luftströmungen detektiert werden, ist ebenso ein Meisterwerk globalistischen Denkens wie die für die Klimaforschung so wichtigen sogenannten Vostok-Bohrkerne aus der Antarktis, die französische, amerikanische und russische Wissenschaftler gemeinsam gehoben haben. Es ist auch dieses globale Ethos der Wissenschaft, gegen das die Territorialisten nun ins Feld ziehen. Auf die Frage, warum ihm ökologisches Denken unsympathisch sei, antwortete Alexander Gauland unlängst: „Entschuldigung, ,ökologisch‘ hat nichts mit der nationalen Identität zu tun.“ In Deutschland klingt das einfach nur spleenig. In Amerika könnte dieses Denken aber erdgeschichtliche Folgen haben. Wird Trump nämlich Präsident, wird er den Pariser Klimavertrag wohl aufkündigen und damit die vielleicht letzte Chance zerstören, den katastrophalen Klimawandel wenigstens abzumildern.

          Gegen die Schwächsten, die Wehrlosesten

          Die dritte Geschichte: Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) wurde 1948 mit dem Ziel gegründet, den internationalen Naturschutz zu verbessern. Zu den wichtigsten Aufgaben des IUCN zählt es, Rote Listen bedrohter Arten anzufertigen. Die wissenschaftlichen Studien, die dazu durchgeführt werden, umfassen Pflanzen, Insekten, Säugetiere, Fische und viele andere Lebensformen. Wieder sind es Hunderte Wissenschaftler aus aller Welt, die durch Feldstudien, Langzeitbeobachtungen und Datenanalysen herauszufinden versuchen, welche Arten zurückgehen oder ganz von der Erde zu verschwinden drohen.

          Eine dieser bedrohten Arten ist der Delta-Stint (Hypomesus transpacificus), ein fünf bis sieben Zentimeter langer, optisch unscheinbarer Fisch, der nur am Zusammenfluss des Sacramento-Flusses mit dem San Joaquin lebt. Früher war der Fisch häufig, doch die IUCN hat ihn als „kritisch gefährdet“ eingestuft, weil der Mensch ihm zusetzt. Der Delta-Stint gehört neben Mexikanern, syrischen Flüchtlingen und Hillary Clinton zu den Lieblingsfeinden von Donald Trump. Als Trump kürzlich in Kalifornien auftrat, schlug er die Erkenntnisse weiterer Wissenschaftsinstitutionen in den Wind und leugnete geradewegs, dass es an der amerikanischen Pazifikküste überhaupt eine Dürre gebe. Schuld daran, dass die Bauern an Wassermangel litten, sei vielmehr „a certain kind of three-inch fish“, eben der Delta-Stint, um dessentwillen zu viel Wasser ins Delta gepumpt werde statt auf die Felder. Wenn es nach Trump geht, zählen die Erkenntnisse des IUCN jedenfalls nichts. Er würde den Delta-Stint notfalls wohl auch ausrotten. Seine Aggression richtet sich auch hier gegen die Schwächsten, die Wehrlosesten, gegen etwas, das sich seiner Kontrolle durch schieres Wildsein entzieht. Und sie richtet sich auch gegen die Wissenschaft, die diese Lebewesen beschreibt und ihre Zukunftsaussichten in globalem Maßstab klassifiziert.

          Die letzten Dinge, die Jo Cox getan hat

          All das zeigt, dass rechtskonservative Politiker nicht nur die allgemeinen Menschenrechte bedrohen könnten, sondern auch die empirische Wissenschaft, die wie kein anderes Denksystem global angelegt ist. Schon der von Martin Waldseemüller am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gefertigte erste Globus, der Amerika zeigte, machte globale Verbundenheit für jeden sichtbar. Alexander von Humboldt schlug mit der Idee eines „Weltorganismus“ die Brücke von der naturwissenschaftlichen Empirie zur globalen Empathie. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten besonders auch Wissenschaftler inmitten von allgegenwärtigem Nationalismus ein avantgardistisches Weltbürgertum. Im Kalten Krieg waren es Akademien, die zwischen dem Westen und der Sowjetunion den Dialog pflegten. In jüngster Zeit hat die Wissenschaft zum alles verbindenden Internet beigetragen und die Idee des Anthropozäns entwickelt, das die Menschheit als globale Schicksals- und Verantwortungsgemeinschaft beschreibt und es sinnvoll erscheinen lässt, zum Beispiel in Europa auf das Autofahren zu verzichten, damit im Pazifik die Inselbewohner nicht absaufen. Geht das alles so weiter, wird bald von der „Lügenwissenschaft“ die Rede sein. Die organisierte Klimawandelskepsis könnte erst der Anfang einer viel breiter angelegten Entwicklung sein, hin zu einer postempirischen Welt, in der reine Ideologie herrscht.

          Zu den letzten Dingen, die Jo Cox getan hat, gehörte es, dass sie für eine auf wissenschaftlicher Forschung gründende europäische Fischereipolitik warb. Auch damit hat sie all jene gegen sich aufgebracht, die zurück zum egoistischen Nationalismus wollen. Das sind dieselben Leute, die konservativ-hysterisch reagierten, als Angela Merkel im vergangenen Jahr die Flüchtlingsströme als „Kehrseite der Globalisierung“ bezeichnete. Wie Merkel ist auch Jo Cox dafür eingetreten, Menschen in Not zu helfen: Sie hat als Entwicklungshelferin gearbeitet, war früher politische Direktorin der Hilfsorganisation Oxfam und plädierte als Politikerin dafür, Kinder-Flüchtlinge in Großbritannien aufzunehmen.

          Empirie oder Ideologie?

          Angela Merkel hat auf dem Höhepunkt der Finanzkrise auf die Frage, was sie tun würde, wenn sie sich nicht ständig mit Geld beschäftigen müsste, geantwortet, dass sie sich um die Meere und die Fische kümmern würde: „Über die Meere könnte man stundenlang unglaublich traurige Geschichten erzählen. Es ist zum Teil dramatisch, was dort passiert.“ Damals meinte sie noch nicht die Flüchtlingskrise.

          Doch nun vermischen sich durch den Mord an Jo Cox auf so traurige wie alarmierende Weise die Themen unserer Zeit: die Krise Europas, die Krise der Wissenschaftlichkeit, die Krise der Natur, und die Krise von Humanität und Humanismus. Die Frage ist, ob die Zukunft von Empirie und Empathie geprägt sein wird oder ob Ideologie und Egoismus an die Herrschaft gelangen.

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