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Kunstverein Zwickau : Rechtsextreme bedrohen Kunstfreiheit in Zwickau

  • -Aktualisiert am

Einsatz zur Sicherung einer Demonstration von Querdenkern Bild: Lucas Bäuml

Rechtsextreme und Querdenker suchen den Kunstverein in Zwickau bei „Spaziergängen“ heim. Sächsische Kulturinstitutionen und Forscher der Universität Leipzig fordern mehr Engagement und die Strafverfolgung der Rechtsradikalen.

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          Die „Spaziergänge“ genannten Demonstrationen von Querdenkern werden gemeinhin für eine Neugründung aus der Zeit der Corona-Pandemie gehalten. In Zwickau hat es schon früher „Spaziergänge“ als rechtsradikale Aufmärsche gegeben – sie haben seit 2020 nur mehr Zulauf bekommen. Zur Ideologie der Beteiligten gehört auch eine ausgeprägte Feindschaft gegenüber zeitgenössischer Kunst. In einem Brief an die Oberbürgermeisterin von Zwickau, der dieser Zeitung vorliegt, fordern Vertreter der Kunstsammlungen Dresden, Chemnitz und anderer sächsischer Museen eine entschiedenere Durchsetzung der Kunstfreiheit, die sie momentan in Zwickau von Rechtsradikalen und Querdenkern bedroht sehen. Außer Privatateliers sind hauptsächlich der Kunstverein „Freunde aktueller Kunst“ und dessen Galerie betroffen.

          Weder die Videoinstallation von Pipilotti Rist noch die Fotografien von Thomas Florschuetz waren sonderlich politisch. Trotzdem wurde gegen beide Ausstellungen lautstark vor der Galerie des Kunstvereins protestiert und patrouilliert. Als „verstörendes Erlebnis“ beschreibt es eine Besucherin, durch Drohungen via Megafon und die Benutzung von Handykameras in der Galerie „fixiert“ zu werden, es folgten Handgreiflichkeiten und Drohbriefe. Unter den Demonstranten waren das „Bürgerbündnis Volksstimme“, „Der Dritte Weg“ und andere Gruppen vertreten, die laut einer neuen Studie der Universität Leipzig zur rechtsextremen Szene gehören. Nicht bloß die Corona-Pandemie, auch die Existenz des bis 2011 in Zwickau beheimateten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) wird in diesen Kreisen als Inszenierungen einer Verschwörung abgetan, gleichzeitig werden auf den Facebook-Seiten die Mordopfer des NSU verhöhnt. Dass sich im Kunstverein gezeigte Positionen mit dem NSU auseinandergesetzt haben, dürfte den Verein zu einem Feindbild der Rechtsextremen gemacht haben, doch erst während der Corona-Pandemie und unter Beteiligung von Querdenkern ist die Situation eskaliert.

          „Und das soll Kunst sein?“

          Die Forscher der Universität Leipzig sehen Handlungsbedarf, sie fordern eine Strafverfolgung „mit aller Konsequenz“, um Rechtsradikalen nicht den öffentlichen Raum zu überlassen. Der Kunstverein hat eine Beschwerde über parteiisches Verhalten der Polizei eingereicht, diesen Vorwurf weist Oberbürgermeisterin Constance Arndt von der Vereinigung Bürger für Zwickau jedoch entschieden zurück. Ihre Amtsvorgängerin von der SPD war jahrelang bedroht worden, Arndt steht nach eigenem Verständnis exakt in der Mitte des politischen Spektrums, laut dem Brief der sächsischen Kunstszene leistet sie aber zu wenig Gegenwehr. Im Gespräch distanziert sich Arndt vom „demokratie- und staatsgefährdenden“ Verhalten der Demonstranten. „Wohin das führt, haben wir in der Geschichte überall auf der Welt und in Deutschland deutlich erlebt“, sagt sie.

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          Die Route der Zwickauer Querdenker-Spaziergänge führt über ehemalige Prachtstraßen, die nach der deutschen Wiedervereinigung zu Problemstraßen wurden. Etwa die Hälfte dieser sanierten Jugendstil-Häuser steht leer, dazwischen befindet sich die Galerie des in Tübingen geborenen Vereinsleiters Klaus Fischer. Besonders in Sachsen argumentiert die Querdenker-Bewegung oftmals mit wirtschaftlichen Schieflagen für ihre Ziele. Wenn es nach den Rechtsradikalen ginge, würden die Fördermittel für den Kunstverein und die dotierten Kunstpreise der Stadt ausnahmslos gestrichen, weil sie eine Verschwendung von Steuergeld seien. Bei einer Vernissage im Juli wurden die anwesenden Künstler von den Demonstranten als „abgehoben“ und „neoliberal“ beschimpft – sehr zur Verwunderung der sich selbst als politisch links begreifenden Künstler.

          Später wurde dann die gezeigte Kunst, die man auf den einschlägigen Facebook- und Telegram-Seiten präsentierte, verächtlich gemacht. Die Kunstwerke seien „gesellschaftliche Verfallserscheinungen“ und kaum ihr Material wert, heißt es über eine namhafte, in Zwickau ausgestellte Künstlerin. Man wolle sich „Schrott“ nicht länger als Gold verkaufen lassen. Ähnlich wie im Fall von Coronavirus und NSU wird eine staatliche Verschwörung vermutet, deren Blendwerk bis in den Kulturbetrieb reiche. „Und das soll Kunst sein?“, sagte ein Demonstrant im Juli bei dem gewaltvollen Versuch, die Ausstellung zu filmen, als sammelte er mit seinem Smartphone gerade Beweise für eine Verschwörung.

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