https://www.faz.net/-gqz-t15e

Rechtschreibreform : Noch nicht einmal der Duden hält sich an den Duden

  • -Aktualisiert am

Vollends absurd ist die Behandlung der Zusammensetzungen mit halb. Hier gibt der Duden zusammengeschriebenes halbautomatisch (und siebzehn weitere Beispiele) mit Betonung auf der ersten Silbe und die getrennt geschriebene Wortgruppe halb automatisch mit der Betonung auf dem zweiten Teil an. Folglich sind es gar keine orthographischen Varianten, sondern ganz verschiedene Ausdrücke, und die zusätzlich ausgesprochene Empfehlung, stets die Getrenntschreibung zu wählen, geht ins Leere.

Verwirrung seit 1996 ungebrochen

Der neue Wahrig stellt die Sache richtig dar, und noch im Duden von 2004 war sie korrekt im Sinne der Reform geregelt. Ebenso wären auch die Einträge unter hoch- zu korrigieren: Das empfohlene hoch kompliziert mit Betonung auf der letzten Silbe ist keine Schreibvariante von hochkompliziert mit Betonung auf der ersten. Hier kommt noch hinzu, daß bei intensivierender Bedeutung von hoch- eigentlich zusammengeschrieben werden müßte. Im Infokasten wird hochanständig als „Partizip“ bezeichnet.

Derselbe Fehler wie bei halb und hoch verzerrt die Verben mit wieder-. Hier werden, in gleichfalls irreführendem Schwarzdruck, als wäre das im Duden schon immer so gewesen, die unterschiedlich betonten Ausdrücke wiedereröffnen (das Geschäft wird wiedereröffnet) und wieder eröffnen (wieder wurde ein Geschäft eröffnet) als bloße Schreibvarianten nebeneinandergestellt.

Ein Kasten legt den Irrtum bloß, und unterläuft dabei noch die Inkonsequenz, wiedereinführen als vermeintliche Neuschreibung rot auszuzeichnen, während es im laufenden Verzeichnis schwarz angeführt ist. Andererseits werden wieder einfallen und wieder tun ausschließlich in neuer Getrenntschreibung zugelassen, sicherlich zu Unrecht. Kurzum, die seit 1996 herrschende Verwirrung um die mit wieder- zusammengesetzten Verben ist immer noch nicht behoben.

Vergebliche Arbeit des Rechtschreibrates

Während die Handvoll und ähnlich gebaute ehrwürdige Wörter, denen die Reform den Garaus gemacht hatte, wiederauferstanden sind, will der Duden die seit fünfhundert Jahren übliche Zeitlang nicht anerkennen, sondern empfiehlt weiterhin die Zerreißung: eine Zeit lang.

Hunderte von Einträgen wie Kohle führend widersprechen dem Grundsatz, daß ein Wörterbuch zunächst einmal Wörter und nicht Wortgruppen als Stichwörter anführt. Die Wortgruppen stehen an der Stelle, an der bisher die Wörter ihren Platz hatten, und dieser heimliche Blick auf die bisherige Rechtschreibung ist es, was die neue Anordnung rechtfertigt.

Ob das Wörterbuch sich auf die bloße Anordnung beschränkt (neue Getrenntschreibung in Rot an erster Stelle) oder die Getrenntschreibung zusätzlich noch durch gelbe Unterlegung als Vorzugsschreibung empfiehlt - die Getrenntschreibung wird dem Benutzer in jedem Fall als Lösung erster Wahl aufgedrängt. Insgesamt gibt es 655 über das ganze Werk verstreute Empfehlungen, die auf Getrenntschreibung hinauslaufen, wo auch Zusammenschreibung zulässig und oft besser wäre. Der Rechtschreibrat scheint vergeblich gearbeitet zu haben.

Für „Anfänger und Wenigschreiber“

Der Duden empfiehlt die archaisierende Neuschreibung aufs Schönste, auf das Beste usw., und wieder lautet die Begründung: „Die Großschreibung erspart eine Unterscheidung zwischen ,ihre Wahl fiel auf das Beste aus dem Angebot' und ,sie hatte auf das Beste gewählt'.“ Anders gesagt: man kann nicht mehr unterscheiden, was die Sprachgemeinschaft seit wenigstens 150 Jahren für unterscheidenswert hielt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz

Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.