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Rechtschreibreform : Kuhhandel mit Zweidrittelmehrheit

Rein formal ein Erfolg: Hans Zehetmair (l.) und Ute Erdsiek-Rave Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nach der Übergabe der Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung ist längst nicht alles klar, was zu klären war. Das Ende der Reform kommt erst noch. Es ist nicht dick, eher dünn und kläglich, und es ist ersichtlich eine Übergangslösung.

          Die Straße, in der die Berliner Vertretung des Bundeslandes Schleswig-Holstein liegt, heißt „In den Ministergärten“ - nicht etwa, weil es dort, am südlichen Ende des Holocaust-Denkmals, so viele Gärten gäbe, von Denkmälern und sprudelnden Brunnen zu schweigen. Aber Minister und Ministerinnen sieht man reichlich in den „Ministergärten“, schon deshalb, weil auch die Landesvertretungen all der anderen Bundesländer hier liegen, an einer Art Hitzepunkt des deutschen Föderalismus.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die feierliche Übergabe der Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung an die Kultusministerkonferenz mußte aber unbedingt in der Vertretung Schleswig-Holsteins stattfinden, da die Kieler Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave zur Zeit gerade den Vorsitz der KMK innehat. Oder schreibt man „inne hat“? Dies zu klären und damit jene „Rechtschreibreform“ zu korrigieren, die man kaum noch ohne Anführungszeichen schreiben kann, war die Aufgabe des Rates und seines Vorsitzenden Hans Zehetmair gewesen. Nach der Übergabe seiner Vorschläge zur Reform der Reform wird man sagen müssen, daß er sie - zumindest nach Zehetmairs Maßstäben - halbwegs erfüllt hat, auch wenn damit längst nicht alles klar ist, was zu klären war.

          „Nicht einen so großen Raum einnehmen“

          Rein formal war der Übergabeakt ein Erfolg. Die Fotografen bekamen ihr Bild vom freundlichen Händedruck des ehemaligen bayerischen Kultusministers und seiner schleswig-holsteinischen Kollegin, die Mappe mit den Empfehlungen des Rates sah imponierend aus, und Frau Erdsiek-Rave verkündete, als beendete sie einen dreißigjährigen mitteleuropäischen Wörterkrieg, den „Rechtschreibfrieden“ in Stadt und Land, das „friedliche Nebeneinander“ verschiedener Schreibungen deutscher Wörter.

          Es komme nun darauf an, „daß das Thema Rechtschreibung nicht einen so großen Raum einnimmt“ und die Schüler wieder für andere Dinge Zeit hätten, etwa Grammatik und Lesen, so Erdsiek-Rave, der es nicht schnell genug gehen konnte mit der orthographischen Pax Zehetmairana. Die Kultusministerkonferenz werde „voraussehbar“ am Donnerstag den Empfehlungen zustimmen, Unterrichtsmaterialien könnten „leicht angepaßt“ werden, auch Schulbücher müßten nicht sofort, sondern nur im üblichen Turnus neu gedruckt werden. Wäre die Rechtschreibreformtragödie ein Film, dann hätte Frau Erdsiek-Rave vermutlich auf dem Schlußtitel bestanden: „The End“.

          Rat will jetzt „in ruhige Gewässer kommen“

          Aber das Ende der Reform kommt erst noch. Es ist nicht dick, eher dünn und kläglich, und es ist ersichtlich eine Übergangslösung, dem „lebendigen Sprachgebrauch“ unterworfen, wie sich Zehetmair und der neben ihm auf dem Podium der Pressekonferenz sitzende Direktor des Instuts für deutsche Sprache, Ludwig Eichinger, zu versichern beeilten. Es werde „eine Generation“ (Eichinger) dauern, bis die neuen Regeln in der Bevölkerung angekommen seien.

          Der Rat für Rechtschreibung aber, für weitere fünf Jahre berufen, will jetzt „in ruhige Gewässer kommen“ (Zehetmair) und „peu à peu“ die Rechtschreibung den Schreibgewohnheiten anpassen. Er persönlich, sagte Zehetmair mit der ihm eigenen Bonhomie, sei überzeugt, daß sich das „Restaurant“ gegen das „Restorant“ durchsetzen werde.

          Wer aber definiert diese Praxis?

          Was steht nun in den Empfehlungen des Rechtschreibrats? Zum Beispiel, daß Wortverbindungen wie „kennenlernen“ und „kleinschneiden“ auch „kennen lernen“ und „klein schneiden“ geschrieben werden können. Daß es „querlesen“, aber „quer liegen“ heißen muß. Daß „Freestyle“ und „Hightech“ zusammen, aber „Round Table“ auseinander geschrieben wird. Daß „Leid tun“ gestrichen wird, aber „Rad fahren“ bleibt. So will es angeblich der „existierende Gebrauch“, das „Akzentmuster“, die Sprachpraxis.

          Wer aber definiert diese Praxis? Das waren, wie Zehetmair einräumte, die Mitglieder des Rates für Rechtschreibung: achtzehn Deutsche, je neun Österreicher und Schweizer, je ein Vertreter aus Südtirol und Liechtenstein. In strittigen Fragen wurde mit Zweidrittelmehrheit entschieden. Beim „Round Table“ etwa gaben die Schweizer Stimmen den Ausschlag, und auch „kennen lernen“ geht auf Schweizer Wünsche zurück.

          Es gab, mit anderen Worten, einen Kuhhandel um die deutsche Rechtschreibung, einen Interessenausgleich, wie er auch in anderen Kommissionen üblich ist. Damit hat der Rat den Geburtsfehler der Rechtschreibreform fortgeschrieben. Nicht die Sprachgemeinschaft, sondern ein supranationales Gremium hat festgelegt, wie die deutsche Sprache zu handhaben sei. Dessen Empfehlungen mögen von Fall zu Fall vernünftig sein, als Ganzes sind sie ein Unding, ein Octroi. Der lebendige Sprachgebrauch mag vielen Einflüssen unterworfen sein, aber er ist kein Gewächs, das sich im Garten züchten läßt. Auch in den Ministergärten nicht.

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