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Rechtschreibreform : Die Vernunft kehrt nur in Trippelschritten zurück

  • -Aktualisiert am

Endlich Sicherheit? Immer noch viel Unsinn: der neue Wahrig Bild: Bertelsmann Lexikon Verlag

Am 1. August 2006 soll revidierte Rechtschreibreform verbindlich werden. Wie aber kann die Gesellschaft mit der Reform versöhnt werden? Jedenfalls nicht mit dem neuen Wahrig. Der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler hat ihn geprüft.

          12 Min.

          Am 1. August 2006 soll die zum zweitenmal revidierte Rechtschreibreform für die Schulen verbindlich werden. Die amtlichen Texte (dreihundert Seiten Regeln und Wörterverzeichnis) liegen auch weiterhin nicht gedruckt vor, sondern können nur aus dem Internet heruntergeladen werden - für die tägliche Schreib- und Korrekturpraxis ein unhaltbarer Zustand. Auch sind die Regeln viel zu kompliziert und auslegungsbedürftig, als daß sie von Lehrern oder gar Schülern unmittelbar angewandt werden könnten.

          In Gestalt des Wahrig liegt das erste Wörterbuch vor, das die Revision auf den deutschen Wortschatz anwendet (Wahrig: „Die deutsche Rechtschreibung“. Herausgegeben von der Wahrig-Redaktion. Wissen Media Verlag, Gütersloh/München 2006. 1216 S., geb., 14,95[Euro]). Die Wahrig-Redaktion ist im Rat für deutsche Rechtschreibung vertreten, hat die amtlichen Regeln mitverfaßt und wurde bei ihrer Arbeit durch die Geschäftsführerin des Rates unterstützt.

          Man nimmt daher von vornherein an, daß die neuesten Regeln zuverlässig umgesetzt sind. Das amtliche Wörterverzeichnis wurde von einer selbsternannten Redaktionsgruppe aus Ratsmitgliedern angefertigt, der Rat als ganzer hat es nicht mehr gesehen, bevor die Kultusminister es ohne weitere Diskussion billigten. Die Wörterbuchverfasser lassen sich außerdem von einer inoffiziellen „Handreichung“ leiten, die von derselben Gruppe am Rechtschreibrat vorbei angefertigt wurde und äußerst folgenreiche Ausführungsbestimmungen enthält. Auch für die meisten Ratsmitglieder dürfte teilweise neu sein, was aus jenen Vorlagen folgt, die sie seinerzeit pauschal beschlossen hatten.

          Aktuell statt endgültig

          Im Gegensatz zum Dudenverlag, der die „Endgültigkeit“ der jetzigen Regelung betont, will der Wahrig nur den „aktuellen“ Stand festhalten. Zwar wirbt er auf dem Umschlag: „Neu - Neu - Neu - Neu - Endlich Sicherheit!“ Aber die Redaktion ist sich des Übergangscharakters der jetzigen Regelung bewußt. Auch die Wahrig-Sprachberatung spricht stets von der „derzeit verbindlichen Fassung des amtlichen Regelwerks“ und von den „derzeit gültigen Regeln“. Tatsächlich sind weitere Änderungen unausweichlich und vom Rat auch bereits in Aussicht gestellt. Notenrelevant ist die jetzige Regelung ohnehin noch nicht und wird es vielleicht nie werden.

          Es ist dem Verlag gelungen, den Vorsitzenden des Rechtschreibrates und einstigen Hauptverantwortlichen für die ganze Reform, Kultusminister a. D. Hans Zehetmair, als Vorwortschreiber zu gewinnen. Allerdings scheint ihn die gewohnte Formulierungsgabe verlassen zu haben, sein Text wirkt unkonzentriert: „Sprache ist ein hohes Gut. Sie ist die wichtigste Kommunikation des Menschen, um Kultur zu schaffen und zu leben.“ Die Revision der mißlungenen Reform - Zehetmair spricht beschönigend vom „Glätten evidenter Unebenheiten“ - bezeichnet er als „behutsame Aufgabe“.

          Für die Schule nicht geeignet

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