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Angriff auf Kabarettisten : Nicht mehr nur Pöbeln

Der Kabarettist Wolfgang Schaller Bild: Picture-Alliance

„Es wird wieder Alltag“: In Dresden stört eine Besuchergruppe eine Aufführung des Kabaretts „Herkuleskeule“, ein Bierglas fliegt. Warum der Vorgang so bedenklich ist.

          3 Min.

          Die immerhin gute Nachricht ist: Der 37 Jahre alte Kabarettist, dem am Samstag im Dresdner Kabarett „Herkuleskeule“ ein Zuschauer ein Bierglas an den Kopf geworfen hatte, blieb unverletzt. Der ganze Rest des Geschehens ist jedoch mehr als bedenklich. „Ein Glück, dass nur ein Bierglas flog“, sagte Wolfgang Schaller, der das Kabarett mehr als dreißig Jahre lang leitete, gestern noch hörbar fassungslos. „Politiker bekommen ja neuerdings schon wieder Kugeln ab.“ Sein Sohn Philipp Schaller, seit Januar Künstlerischer Leiter der „Keule“, sagte, dass seine Schauspieler eigentlich hart im Nehmen seien. „Eine Vorstellung unterbrechen – das ist bei uns noch nie passiert.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am vergangenen Samstag war es so weit. Die Vorstellung hatte gerade begonnen, als eine größere, Zuschauern zufolge auch sichtlich angetrunkene und dem Aussehen nach dem rechtsextremen Spektrum zuzurechnende Besuchergruppe in den hinteren Reihen angefangen habe, unflätig dazwischen zu rufen. Dabei sollen gegenüber der Hauptdarstellerin zunächst Sätze gefallen sein wie „Du geile Sau!“ und „Uns wurde eine Erotikshow versprochen“, woraus man hätte schließen können, dass sich die – in der Mehrzahl – Herren wohl in der Veranstaltung und im Haus geirrt hatten. Doch dann sei auch immer wieder laut „AfD, AfD!“ und „Scheiß-Asylanten“ gerufen worden, berichtet Philipp Schaller. Zuschauer hätten die Störer mehrfach vergeblich aufgefordert, die Rufe zu unterlassen, woraufhin die beiden Schauspieler die Vorstellung unterbrachen und die Gruppe zum Gehen aufforderten. Es folgte eine verbale Auseinandersetzung, in der aus der Gruppe schließlich das Bierglas geworfen wurde.

          „Ich gehe davon aus, dass die gekommen sind, um zu stören“

          Als daraufhin die Polizei gerufen wurde, verließ ein Großteil der Störer die Veranstaltung. Die Beamten nahmen die Personalien von drei verbliebenen Männern zwischen 36 und 39 Jahren auf. Der Polizei Dresden zufolge gehören sie zu einer bekannten Störergruppe aus dem Cottbusser Raum. Gegen die insgesamt etwa fünfzehn Personen werde nun wegen Volksverhetzung und versuchter Körperverletzung ermittelt. Die Beamten werten derzeit ein Handy-Video aus dem Foyer aus, auf dem die gesamte Gruppe zu sehen sein soll. Für das Kabarett ist der Vorfall nicht nur eine Zäsur, sondern auch Folge einer Entwicklung, die Künstler auf vielen Bühnen schon seit einigen Jahren spüren: Politische Konflikte werden in die Säle hineingebracht, und es wird versucht, sie dort auch auszutragen. „Ich gehe davon aus, dass die gekommen sind, um zu stören“, sagt Philipp Schaller. „Die haben es darauf angelegt, die wollten das so.“

          Dabei sind die Zeiten, als sich Publikum und Kabarettisten stets einig in ihrer Kritik an den Zuständen und ihren vermeintlichen Verursachern waren, ohnehin längst vorbei. Heute gehört es dazu, dass Zuschauer bei bestimmten Bühnennummern stumm bleiben oder noch während der Vorstellung den Saal verlassen – etwa bei Sätzen wie „Ein krimineller Flüchtling löst heutzutage mehr Empörung aus als ein kriminelles Unternehmen“, der auch in dem am Samstag gespielten Stück „Betreutes Denken“ vorkommt, in dem es um „Fake-News“ und „Alternative Fakten“ geht. Unmutsäußerungen gebe es immer wieder, aber zunehmend auch offene Auseinandersetzungen während der Vorstellung, sagt Philipp Schaller. „Wir rechnen mit Kritik, und das ist ja auch normal.“ Nur sei es ihm lieber, die Leute äußerten sich hinterher. „Wir sind kein Plenum und auch keine Diskussionsveranstaltung.“

          Dabei geraten in der zunehmend unübersichtlichen gesamtgesellschaftlichen Gemengelage bei manchem im Publikum auch die Vorstellungen zur Kunstfreiheit in Schieflage. Es gebe immer mehr Zuschauer, die forderten, Kabarett habe politisch neutral zu sein, berichtet Philipp Schaller. „Wenn man so denkt, hat man schon verloren.“ Allerdings bemerke er beim Schreiben bisweilen „so einen komischen Drang zum Ausgewogensein“, dem er im selben Moment aber auch gezielt entgegenwirke. „Bei uns kann man keine Ausgewogenheit erwarten“, sagt Wolfgang Schaller. „Das wäre, als würde man vom Frosch verlangen, dass er nicht nur quakt, sondern auch blökt, damit ihn auch noch die Schafe mögen.“

          Das Dresdner Kabarett werde sich von dem Vorfall nicht einschüchtern lassen, sagt Philipp Schaller. Die Polizei sei schnell da gewesen, zudem habe sich auch am Samstag der übergroße Teil des Publikums mit den Darstellern solidarisiert, die das Stück schließlich noch zu Ende spielten. Wolfgang Schaller wiederum gibt zu bedenken, dass die Zeiten härter würden. „Es wird wieder Alltag, dass, wer seine Meinung sagt und Haltung zeigt, besonderen Schutz braucht.“

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